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Kommentar : Die Schweiz zieht die Reißleine

Die Schweiz Bild: Picture-Alliance

Die Schweiz gibt den Franken-Kurs frei. Damit wird ein Schweiz-Urlaub nun sehr viel teurer. Ganz Europa könnte Probleme mit Negativ-Zinsen bekommen.

          Eine veritable Finanz-Bombe hat die Schweizer Nationalbank heute Vormittag gezündet. Sie gibt den Franken-Obergrenze von 1,20 gegenüber dem Euro auf und lässt ihre Währung aufwerten. Die Begründung: Die Frankenüberbewertung habe nachgelassen, weil der Euro gegenüber dem Dollar in den vergangenen Monaten so viel günstiger geworden ist.

          Doch schon wenige Sekunden nach der Mitteilung der Schweizer Nationalbank (SNB) schoss der Frankenkurs bis deutlich unter 1 Euro und hat sich nun knapp über der Parität eingependelt. Es gab also eine schlagartige Aufwertung des Franken um rund 15 Prozent. Gleichzeitig ist der Euro gegenüber dem Dollar nochmal gesunken und liegt nun auf dem niedrigsten Stand seit elf Jahren.

          Das heißt für Deutsche und Euro-Europäer: Wer künftig in der Schweiz Urlaub macht, zahlt ein Sechstel mehr für Hotel, Restaurant und Ski-Pass als noch gestern. Das wird viele deutsche oder auch französische oder italienische Urlauber abschrecken. Russen kommen ohnehin schon viel weniger wegen der Russland-Krise.

          Bild: FAZ.NET

          Die Schweizer Hoteliers stöhnen auf. Auch die helvetische Exportindustrie, von Chemie bis Uhren, wird es künftig noch schwerer haben, ihre Produkte in Europa abzusetzen. Als Reaktion haben die Kurse vieler Schweizer Unternehmen an der Züricher Börse heute schon kräftig nachgegeben. Der Schweizer Börsenindex SMI ist um beinahe 10 Prozent abgestürzt. Nach Amerika oder Asien hingegen können die Unternehmen wegen der Euro-Abwertung schon etwas leichter verkaufen.

          Warum hat die SNB diesen radikalen Schritt gemacht? Mehr als drei Jahre lang, seit September 2011, hat sie die Obergrenze verteidigt und eine weitere Aufwertung des Franken verhindert. Dazu hat sie Massen an Franken (bildlich gesprochen) auf die internationalen Märkte geworfen. Die Geldbasis der SNB ist von unter 80 Milliarden Franken auf fast 400 Milliarden Franken angewachsen. Keine andere Zentralbank der Welt hat ihre Bilanz, relativ gesehen, so extrem aufgebläht. Mit den frisch geschaffenen Franken hat die SNB ein enormes Portfolio an ausländischen Wertpapieren gekauft, vor allem deutsche Bundesanleihen. Kein Witz: Die kleine Schweiz ist der größte Gläubiger Deutschlands.

          Die Aufblähung der Bilanz bringt aber auch Risiken, etwa potentielle Abschreibungen auf Fremdwährungsbestände. Die Franken-Flut könnte möglicherweise, später einmal, die Eindämmung inflationärer Tendenzen erschweren. Momentan ist von Inflation in der Schweiz aber überhaupt nichts zu sehen, im Gegenteil. Alle Prognosen sagen eine leichte Deflation voraus. Wenn der Franken nun gegenüber dem Euro abermals stark aufwertet, könnte daraus eine stärkere Deflation werden. Egal, sagen viele Schweizer, die sich in ihrer Hochpreis-Insel durchaus über billigere Importe freuen. Trotz deflationärer Preisentwicklung wächst die Schweizer Wirtschaft bislang recht robust – jetzt allerdings könnte eine Rezession drohen.

          Dass die SNB nun mit dem Wechselkurs die Reißleine zieht, hängt wohl mit der zu erwartenden Flutung der Märkte durch die Europäische Zentralbank (EZB) zusammen. Die EZB wird wohl nächsten Donnerstag ein Anleihenkaufprogramm historischen Ausmaßes – gegen Widerstand aus Deutschland – verkünden. Wenn EZB-Chef Mario Draghi mit den anderen Euro-Notenbanken in den nächsten Monaten 500 Milliarden Euro oder gar noch mehr auf den Markt wirft, dürfte das den Euro-Kurs weiter drücken. Und es hätte den Druck auf den Franken weiter gesteigert. Die Schweizer haben daher die Leine gekappt. Der Euro soll fallen, ohne dass sie zu noch mehr Franken-Flutung mitgerissen werden.

          Nach SNB-Entscheidung : Rekord-Absturz an der Schweizer Börse

          Und noch etwas hat die SNB heute morgen beschlossen: Sie senkt den negativen Einlagenzins von minus 0,25 Prozent auf minus 0,75 Prozent. Das wird Banken, die bei der SNB Geld parken, richtig wehtun. Noch nie hat eine Notenbank den Einlagenzins so extrem tief und weit in den negativen Bereich geschoben. Vielleicht ist das ja auch ein Vorgeschmack für uns alle, was uns allen mit Negativzinsen noch blühen kann.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

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