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Schuldenkrise Verunsicherte Anleger wagen sich an Aktien

 ·  Niedrige Zinsen in Zeiten der Schuldenkrise machen Privatanleger unzufrieden. Vor allem Aktien gewinnen, auch wenn der Anleger risikobereiter sein muss.

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© Lisowski, Philip Vergrößern Niedrige Zinsen beleben den Aktienhandel bei Privatanlegern an der Frankfurter Börse

Ob Euro-Krise, Turbulenzen an den Aktienmärkten oder schlechte Nachrichten zur Lage der Lebensversicherungen: Privatanleger machen sich Sorgen um ihre Geldanlage. Bernd Schimmer, Chefanalyst der Haspa, Deutschlands größter Sparkasse mit 1,5 Millionen Kunden, sagt: „Viele Privatanleger in Deutschland sind sehr verunsichert, weil sie nicht wissen, wie es mit ihrer Geldanlage weitergeht - und das in Zeiten, in denen die Zinsen extrem niedrig sind.“

Wegen der europäischen Staatsschuldenkrise sowie des Konjunkturabschwungs auf der Welt müssen viele Anleger Vermögenseinbußen fürchten. Derweil versuchen Notenbanken mit rekordniedrigen Zinsen der Krise an den Finanzmärkten Herr zu werden. Die lockere Geldpolitik schürt allerdings die Angst vor Geldentwertung. Kein Wunder, dass Sachwerte wie Aktien, Immobilien, aber auch das Edelmetall Gold an Bedeutung gewonnen haben. „Die Kunden fragen stärker nach, was sie für den Inflationsschutz machen können. Die reflexhafte Vorstellung ist immer noch die Immobilie, obwohl sie nicht für jeden geeignet ist“, sagt Manfred Bauer, Produktvorstand des Finanzvertriebs MLP.

Breite Streuung des Vermögens als Ausweg

Marco Herrmann, Geschäftsführer der Fiduka-Depotverwaltung in München beobachtet mittlerweile so etwas wie einen Gewöhnungseffekt in Sachen Euro-Krise: „Der Pulsschlag ist deutlich gesunken“, sagt Herrmann, der rund 500 Millionen Euro für seine Kunden betreut. Dazu zählen vermögende Privatpersonen, Unternehmen sowie Stiftungen. Immer mehr Kunden würden realisieren, dass wegen der Komplexität der weltweiten Schuldenprobleme keine schnelle Lösung zu erwarten sei. „Wir werden länger mit erhöhter Unsicherheit leben müssen.“ Vermutlich werde die Krise mittelfristig zu höherer Geldentwertung führen, prognostiziert Herrmann. Dem Anleger bleibe seiner Meinung nach daher nur der Ausweg über eine breite Streuung seines Vermögens. Dabei erlebe die Aktie eine Renaissance. „Bei unseren Kunden, etwa bei Stiftungen, die Erträge für ihren Stiftungszweck benötigen, nimmt die Erkenntnis zu, dass bei den aktuell niedrigen Zinsen kein Weg an der Aktie vorbeiführt.“

Aktien seien Sachwerte mit einer attraktiven Dividendenrendite und im Gegensatz zu Immobilien kostengünstig handelbar. Auch hätten viele börsennotierte Unternehmen ihre Verschuldung abgebaut, was man von den meisten Ländern nicht behaupten könne. „Der durchschnittlich gewünschte Aktienanteil unserer Neukunden innerhalb des liquiden Vermögens liegt mit rund 50 Prozent deutlich über dem der Vorjahre“, sagt Herrmann. Von einer Sehnsucht nach Sachwerten spricht auch MLP-Vorstand Bauer. „Gleichzeitig gibt es aber eine erhebliche Aversion gegen die Volatilität am Aktienmarkt“, sagt er.

Nachteile für Lebensversicherungen

Haspa-Fachmann Schimmer hat festgestellt, dass viele Anleger zwar „immer noch viel Geld auf Sparkonten anlegen, obwohl die Verzinsung knapp oberhalb der Nulllinie liegt“. Doch inzwischen sei das Interesse an Aktien gestiegen: „Die Anleger bauen dabei eher auf deutsche Aktien, zumal sie glauben, das Geschäftsmodell der Unternehmen hierzulande besser zu verstehen.“ Zwar seien Aktienanlagen auch mit Unsicherheiten behaftet, „doch aus unserer Sicht sind deutsche Aktien derzeit attraktiv bewertet und bieten für Privatanleger gute Chancen“. Alles in allem müssten sich Privatanleger darauf einstellen, etwas höhere Risiken einzugehen als in den früheren Jahren, um eine ähnlich hohe Rendite zu erzielen.

Bei der Deutschen Bank heißt es, dass viele Kunden Inflation fürchteten und deshalb Gold nachfragten. Doch das sei kein größeres Thema als etwa vor ein oder zwei Jahren. Der Kauf und die Finanzierung von Immobilien seien wegen der niedrigen Zinsen ein wichtigeres Thema als noch zu Zeiten, als das Zinsniveau höher war. Das Baufinanzierungsgeschäft der Deutschen Bank habe in den ersten zehn Monaten des Jahres um 20 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum zugenommen.

Nachteilig wirken sich die niedrigen Zinsen auf die Lebensversicherung aus. „Es gibt im Markt eine Kaufzurückhaltung gegenüber langfristigen Vorsorgeprodukten“, sagt MLP-Vorstand Bauer. Wer sich auf einen Sparvertrag über mehrere Jahrzehnte einlasse, nehme sich mehr Zeit für die Beratung und entscheide sich langsamer als früher. Kunden seien bei Sachwerten inzwischen offener für Aktienfonds, auch fondsgebundene Lebensversicherungen stießen wieder auf größeres Interesse. Mehr in den Vordergrund rückten derzeit Versicherungen wie Berufsunfähigkeits- und Pflegepolicen.

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