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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Schuldenkrise Irland erschreckt die Anleger

 ·  Droht der Staatsbankrott nun auch in Irland? Die Anleihenkurse schlagen Kapriolen. Der Internationale Währungsfonds gibt sich zuversichtlich, und die EU steht als Retter bereit. Doch die Anleger bleiben skeptisch.

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Die Krisenstimmung in Irland hat sich zum Ende der Woche dramatisch verschärft. Die Sorge, der Inselstaat werde bald EU-Kredite aus dem Rettungsschirm beantragen müssen, wird immer größer. Die Renditen für zehnjährige irische Staatsanleihen schossen auf fast neun Prozent empor (siehe Irische Anleiherendite nähert sich 9 Prozent), so hoch wie noch nie seit Einführung des Euro vor zwölf Jahren. Der Euro beendete seinen Höhenflug zum Dollar und sackte auf ein Sechs-Wochen-Tief. Am Freitag sahen sich dann sogar die Finanzminister der fünf größten EU-Staaten genötigt zu versichern, dass Irland nicht um EU-Hilfen nachgefragt habe (siehe Regierungen beruhigen Irlands Gläubiger).

Die Dramatik ähnelt sehr den letzten Tagen, bevor Griechenland im Frühjahr um europäischen Beistand bat. Bis zuletzt wurde damals bestritten, dass Unterstützung nötig sei. Ist Irland also das nächste Griechenland? Senden die Marktreaktionen das richtige Signal? Ein paar Zweifel sind angebracht.

Renditen sprechen gegen einen „hair cut“

Begründet wurde der jüngste Anstieg der Renditen mit zweierlei: der Sorge, dass Irland bald noch mehr Geld in seine maroden Banken stecken muss. Denn es drohten ihnen neue Abschreibungen, weil nicht nur die Gewerbeimmobilienkredite, sondern nun auch die privaten Hypothekendarlehen von den Kunden zunehmend unregelmäßig bedient werden. Schon in diesem Jahr beträgt das Haushaltsdefizit astronomische 32 Prozent der Wirtschaftskraft.

Und zweitens, dass bei einer EU-Hilfsaktion für Irland auch die privaten Anleihebesitzer auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten müssten. Denn Deutschland und Frankreich hatten vor wenigen Wochen angekündigt, dass Privatgläubiger künftig immer in Unterstützungsmaßnahmen einbezogen werden sollen. „Hair cut“ nennen das die Fachleute.

Die Renditen zeigen ein anderes Bild. Wenn ein Großteil des Marktes einen „hair cut“ erwarten würde, müssten die Renditen deutlich höher liegen. Denn dann müssen die Gläubiger üblicherweise auf mindestens 20 bis 30 Prozent ihres Kapitals verzichten, was eine höhere Rendite ausgleichen müsste. Erwarten die Anleger hingegen keine Umschuldung, dann gibt es keinen Grund für Renditen von fast neun Prozent. Denn unter dem EU-Rettungsschirm haften die Steuerzahler für die Kredite, nicht die Anleihebesitzer. „Gut vier Prozent Rendite wären eigentlich angemessen“, sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank.

Sparhaushalt könnte die Märkte beruhigen

Was ist nun zu erwarten? Es ist wahrscheinlich, dass Irland in den nächsten Wochen noch nicht um Hilfe bittet. Denn die Regierung braucht erst Mitte nächsten Jahres neues Geld. Davor hat sie noch die Chance, mit der Verabschiedung eines Sparhaushaltes Anfang Dezember die Märkte zu beruhigen. Sollte das nicht funktionieren, kann sie immer noch unter den Rettungsschirm schlüpfen. Das Geld aus dem Rettungstopf würde reichen, um Irland für viele Jahre zu unterstützen. Das Land braucht nach Angaben der staatlichen Schuldenagentur NTMA bis 2014 81,7 Milliarden Euro, davon 23,5 Milliarden im nächsten Jahr. Der Topf umfasst 750 Milliarden Euro, davon stammt ein Drittel vom Internationalen Währungsfonds IWF.

Am größten ist die Gefahr für ein Hilfeersuchen im Frühjahr, wenn Irland erste Versuche unternehmen dürfte, auf dem Kapitalmarkt Geld zu beschaffen. Wenn dann die zu zahlenden Zinsen sehr hoch sind, wäre die Versuchung groß, die EU in Anspruch zu nehmen - selbst wenn Investoren noch irische Staatsanleihen kaufen würden. Denn für Hilfskredite müsste Dublin - je nach Laufzeit - derzeit nur zwischen 4 und 5 Prozent im Jahr zahlen. Das errechnet sich aus dem Zins, den sich Banken für kurzfristige Ausleihungen berechnen (3-Monats-Euribor), plus 3 Prozentpunkte für variabel verzinste Kredite bis drei Jahre und 4 Prozentpunkte für längere Laufzeiten. Plus einmalig 0,5 Prozent Bearbeitungsgebühr.

IWF zeigt sich zuversichtlich

Der IWF erwartet einen solchen Hilferuf nicht. „Ich denke, Irland kann ganz gut alleine zurechtkommen“, sagte IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn am Samstag. Eine andere Aussage ist allerdings in dieser nervösen Situation von ihm auch nicht zu erwarten. Eine Mehrheit des Marktes sieht das anders. In einer weltweiten Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg unter 1030 Investoren und Analysten gaben 51 Prozent der Befragten an, einen Zahlungsausfall Irlands als wahrscheinlich zu betrachten. Seit Juni hat sich der Anteil der Experten, die diese Befürchtung hegen, damit verdreifacht. 42 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass Irland die Pleite abwenden kann.

Mit einem Zahlungsausfall Griechenlands rechnen allerdings deutlich höhere 71 Prozent der Befragten. „Irland hat bessere Rahmenbedingungen als Griechenland, sich alleine aus dem Sumpf zu ziehen“, kommentiert Chefvolkswirt Schmieding den Unterschied. Denn das Land exportiere viel, besitze einen flexiblen Arbeitsmarkt und habe eine junge Bevölkerung - anders als Griechenland.

Anleger bleiben skeptisch

Und warum sind die Renditen trotzdem so hoch und die Kurse so tief gefallen? Spätestens als am Freitag die EU-Finanzminister klarstellten, dass eine Beteiligung der Anleger an Rettungsmaßnahmen frühestens von Mitte 2013 an geplant sei, hätten die Renditen von fast neun deutlicher als nur auf 8,1 Prozent fallen müssen. „Es schwingt immer noch grundsätzliche Skepsis mit, ob der Rettungsschirm langfristig existieren wird. In vielen EU-Ländern gibt es Widerstand gegen die Vorstellung, für finanzschwache Länder zahlen zu müssen“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Hinzu kommen markttechnische Gründe. Zum einen sind viele sehr konservative Investoren wie Pensionskassen oder Versicherungen gezwungen, Staatsanleihen aus Irland oder Griechenland zu verkaufen, weil sie aufgrund ihrer Anlagerichtlinien nur sehr sichere Papiere halten dürfen. Zum anderen werden am Finanzplatz London seit kurzem deutlich höhere Sicherheiten verlangt, wenn mit irischen Staatsanleihen gehandelt wird. Das verteuert die Geschäfte. Manche Investoren stoßen daher ihre Titel ab. Beide Verkaufsgründe drücken die Kurse und heben die Renditen. Es kann also sein, dass die weiter steigen, selbst wenn Irland Fortschritte bei der Konsolidierung der Finanzen macht. Das hat das Beispiel Griechenland in den vergangenen Monaten gezeigt. Fazit: Traue nicht jeder Rendite!

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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