Eine europäische Lobby der drei großen Ratingagenturen Moody’s, Standard & Poor’s (S&P) und Fitch ist so gut wie nicht vorhanden. Zu groß ist der Ärger in der europäischen Politik, dass eine Umschuldung Griechenlands so gestaltet werden muss, dass sie von den Bonitätsprüfern nicht als Zahlungsausfall gewertet wird. Schon seit geraumer Zeit rüttelt die EU-Kommission an deren Oligopol: Der Marktanteil von S&P, Moody’s und Fitch an den für die Finanzmärkte so wichtigen Bonitätsnoten liegt deutlich über 90 Prozent.
Nun hat der neue Chef der Europäischen Wertpapieraufsichtsbehörde ESMA, Steven Maijoor, in einem Interview mit der „Financial Times Deutschland“ diesen in Amerika ansässigen Ratingagenturen damit gedroht, sie unter Umständen in Europa nicht zuzulassen. Moody’s, S&P und Fitch sollen offenbar ausführlichere Unterlagen einreichen als bislang. Doch ob die ESMA ihre Drohung umsetzen kann, daran sind Zweifel erlaubt. Denn die großen Agenturen sind deshalb so mächtig, weil sie keine Konkurrenten haben. Vor allem dürften neue Wettbewerber eine gewisse Zeit benötigen, um sich die Akzeptanz seitens der Emittenten und der Investoren zu erarbeiten. Bislang haben die Aufsichtsbehörden in Europa erst sechs Gesellschaften als europäische Ratingagenturen zugelassen. Aus Deutschland sind es vier: Euler Hermes, Creditreform, PSR Rating und Feri Euro Rating. Hinzu kommen noch die Japan Credit Rating Agency und die Bulgarian Credit Rating Agency. Diese sechs Ratingagenturen mögen über Expertise in bestimmten Bereichen und Ländern verfügen, doch eine so breite Marktabdeckung wie Moody’s, S&P und Fitch ist ihnen nicht zuzutrauen.
Enorme Bedeutung seit 1975
Nun hat die Unternehmensberatung Roland Berger mitgeteilt, dass sie Sondierungsgespräche mit Vertretern der Hessischen Landesregierung, der Finanzplatzvereinigung Frankfurt Main Finance und der Deutschen Börse über die Gründung einer europäischen Ratingagentur in Frankfurt führt. Nach Ansicht von Markus Krall, Partner von Roland Berger, muss eine solche Ratingagentur als Stiftung errichtet werden und mit maximaler Unabhängigkeit ausgestattet werden, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Auf die Interessenskonflikte der Ratingagenturen in der Finanzkrise verweist Wolf Klinz, Abgeordneter des Europäischen Parlaments und Vorsitzender des Sonderausschusses zur Finanz-, Wirtschafts- und Sozialkrise. Seiner Ansicht nach muss ein Alternativmodell zur Bezahlung durch die Emittenten eingeführt werden.
Vor zwei Wochen hat sich das Europäische Parlament dafür ausgesprochen, Ratingagenturen für ihre Bonitätsnoten zivilrechtlich verantwortlich zu machen. Diesen Beschluss, der keinen rechtsverbindlichen Charakter hat, dürfte die Kommission berücksichtigen, wenn sie in den kommenden Wochen ihre Vorschläge für eine strengere Regulierung veröffentlichen wird. Denn auch sie will eine stärkere Haftung der Ratingagenturen.
Ihre enorm hohe Bedeutung hatten die drei Ratingagenturen im Juli 1975 in den Vereinigten Staaten erhalten, als die Wertpapieraufsichtsbehörde SEC Unternehmen nur zum Kapitalmarkt zuließ, die zwei Ratings der anerkannten Agenturen vorweisen konnten. Und das waren nur S&P, Moody’s und Fitch. Nun ermittelt die SEC gegen die Ratingagenturen wegen ihrer Ratings von strukturierten Hypothekenpapieren vor der Finanzkrise.
Alle drei Agenturen sind - direkt oder indirekt - an der Börse notiert
Die Finanzkrise gilt als Sündenfall der Ratingagenturen: Ihre Noten waren wesentliche Voraussetzung für die Verbriefungen zahlreicher Hypothekenkredite. An dieser Entwicklung haben sie kräftig mitverdient, weshalb ihnen bei der Beurteilung dieser Hypothekenanleihen, deren Ausfälle die Banken auf der ganzen Welt getroffen haben, Interessenskonflikte vorgeworfen werden. Schließlich sind alle drei Ratingagenturen entweder direkt oder indirekt an der Börse notiert. In New York werden die Aktien von Moody’s und der Verlagsgruppe McGraw-Hill, die S&P kontrolliert, gehandelt. In Paris ist die Aktie von Fimalac gelistet. An der Muttergesellschaft von Fitch hält der französische Milliardär Marc Ladreit de Lacharrière 88 Prozent der Stimmrechte.
Schuld an der Marktmacht von S&P, Moody’s und Fitch haben auch die europäischen Aufsichtsbehörden, weil zahlreiche Vorschriften zur Qualität von Anleihen auf den Beurteilungen durch die drei großen Ratingagenturen basieren. Versicherungen, Pensionsfonds und Vermögensverwalter dürfen in der Regel nur in solche Wertpapiere investieren, die als investitionswürdig gelten. Die Bonitätsnoten für das sogenannte „Investment Grade“ müssen mindestens „BBB–“ (S&P) oder „Baa3“ (Moody’s) betragen.
Nächster EU-Betrug: Bankrotteure wollen ihr Rating selbst zurechtmanipulieren
Franz Munte (FranzMunte)
- 25.06.2011, 16:01 Uhr
Europäisches Rating?
Wolfgang G. Runte (Wolluc)
- 26.06.2011, 01:30 Uhr
Da kann es nur Gewinner geben!
Karsten Bender (Kasmo)
- 26.06.2011, 14:52 Uhr
Europa braucht Sarkasmus!
Peter Schmidt (voxx)
- 27.06.2011, 00:01 Uhr
Toll, noch eine ...
Uwe Wagner (view)
- 27.06.2011, 09:24 Uhr