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Rettungsversuche Irlands Immobilienkrise zieht weitere Kreise

18.11.2010 ·  Der Kollaps des Häusermarkts steht im Zentrum des irischen Finanzdramas. Immer mehr Bürger können ihre Hypothekenraten nicht mehr zahlen. Wo früher die Baubranche boomte, herrscht jetzt Leerstand.

Von Marcus Theurer, London
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Die am Mittwoch von der irischen Zentralbank veröffentlichten Zahlen sind schwindelerregend: Ende September standen die Iren demnach mit Immobilienkrediten allein für private Wohnhäuser von 117,4 Milliarden Euro bei den Banken in der Kreide. Eine Summe, die knapp drei Viertel des irischen Bruttoinlandsprodukts entspricht. Immer mehr Schuldnern wachsen zudem ihre finanziellen Verpflichtungen über den Kopf. Nach Angaben der Zentralbank ist die Zahl der Immobilienkredite mit Zahlungsverzögerungen in den drei Monaten bis Ende September um 11,1 Prozent gestiegen. Etwa einer von zwanzig Kreditnehmern ist mit seinen Raten mehr als drei Monate im Verzug. Die Problemkredite haben ein Volumen von 7,8 Milliarden Euro.

Die Daten zum Immobilienmarkt führen direkt ins Zentrum des irischen Finanzdramas, das die gesamte Europäische Währungsunion erzittern lässt. Denn es ist vor allem der Zusammenbruch des zuvor aufgeblähten irischen Immobilienmarkts, der das Land an den Rand des Abgrunds geführt hat. In den vergangenen Wochen drastisch gestiegene Renditen für irische Staatsanleihen signalisieren wachsende Zweifel an der Zahlungsfähigkeit des Landes. Nach Krisensitzungen der EU am Dienstag und Mittwoch in Brüssel, wird es immer wahrscheinlicher, dass Irland als erstes Euro-Land eine Finanzspritze des nach der Griechenland-Krise im Frühjahr eingerichteten Europäischen Stabilisierungsfonds in Anspruch nehmen wird.

Keine Stabilisierung in Sicht

Am Anleihemarkt entspannte sich die Situation weiterhin leicht. Die Renditen zehnjähriger irischer Staatsanleihen gaben am Mittwoch wie schon an den Vortagen etwas nach. Auch die Renditen portugiesischer und griechischer Staatsanleihen sanken leicht. Der Wechselkurs des Euro zum Dollar näherte sich zeitweise dem tiefsten Stand seit sieben Wochen.

An den Märkten haben sich die Zweifel festgesetzt, dass Irland aus eigener Kraft seine Banken über Wasser halten kann. Die drei führenden Großbanken des Landes – die Bank of Ireland, die Allied Irish Bank und die Anglo Irish Bank – haben sich mit einer völlig überzogenen Expansion im Immobiliengeschäft an den Rand des Ruins manövriert und mussten von der Regierung vor dem Kollaps bewahrt werden. Doch bisher hat sich der irische Immobilienmarkt noch immer nicht stabilisiert. Damit könnte bei den Banken weiterer Abschreibungsbedarf entstehen.

Jedes fünfte Haus in Irland ungenutzt

Nach Berechnungen des Wirtschaftsforschungsinstituts ESRI in Dublin sind die Immobilienpreise im Land in den ersten neun Monaten des Jahres um 7,6 Prozent gefallen. Im dritten Quartal betrug der Rückgang 1,3 Prozent. Er hat sich damit etwas verlangsamt. Seit dem Höhepunkt der Immobilienhausse im Jahr 2006 sind die Häuserpreise in Irland um 36 Prozent gefallen. Die Leerstandsraten sind dramatisch gestiegen: Schätzungen zufolge ist etwa jedes fünfte Haus in Irland derzeit ungenutzt. Die Preise für Bauland sind teilweise um bis zu 90 Prozent gefallen

Damit ist eine gewaltige Blase geplatzt: Zwischen 1996 und 2006 haben sich die Immobilienpreise in Irland etwa vervierfacht. Der Anstieg war damit doppelt so hoch wie in Amerika. Die irische Wirtschaft profitierte lange von dem gewaltigen Bauboom im Land. Während noch 1990 in Irland nur 19 000 Wohnungen fertiggestellt wurden, waren es 2006 insgesamt 93 000 Der Immobilienbestand im Land wuchs allein zwischen der Jahrtausendwende und 2008 um mehr als ein Drittel auf 1,9 Millionen Wohnungen.

Staat versucht zu retten

Der Staat ist inzwischen in Irland unfreiwillig zum größten Immoblieninvestor geworden. Um die maroden Banken zu stabilisieren, nimmt die von der Regierung gegründete Auffanggesellschaft Nama den Kreditinstituten vor allem faule Immobilienkredite im Nominalvolumen von 80 Milliarden Euro ab. Dadurch übernimmt die Nama zugleich die Kontrolle über Zigtausende teilweise noch nicht fertiggestellte Investitionsruinen im Immobiliensektor.

Weil die Nama den Banken die Immobiliendarlehen jedoch mit nur mit hohen Wertabschlägen abkauft, wurden riesige Löcher in deren Eigenkapitaldecken gerissen, die wiederum großteils von der Regierung aufgefüllt werden müssen. Allein der größten Krisenfall, die Nummer drei Anglo Irish Bank, hat mittlerweile rund 30 Milliarden Euro an staatlichen Kapitalspritzen erhalten. Finanzminister Brian Lenihan schätzt mittlerweile, dass die Bankenrettung den irischen Staat schlimmstenfalls 50 Milliarden Euro kosten wird – ein knappes Drittel des Bruttoinlandsprodukts.

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Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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