29.06.2007 · Anleihen haben in diesem Jahr nur selten Freude gemacht. Eine der Ausnahmen ist die Türkei. Kaum eine andere Fremdwährung hat Euro-Anlegern höhere Erträge erbracht. Tibor Frey von der DZ Bank über die Aussichten von Lira-Anlagen.
Von Stefan RuhkampAnleihen haben in diesem Jahr nur selten Freude gemacht. Eine der großen Ausnahmen ist die Türkei. Kaum eine andere Fremdwährung hat aus der Sicht von Euro-Anlegern höhere Erträge ermöglicht. Unter dem Strich stehen seit Jahresbeginn rund 13 Prozent Ertrag aus Zinsen, Kursgewinnen der Anleihen und Währungsgewinnen.
Doch lohnt der Einstieg noch? "Wir raten zur Vorsicht", sagt Tibor Frey, der für die DZ Bank Währungen wie den russischen Rubel, den ungarischen Forint und die türkische Lira analysiert. Zu Jahresbeginn habe er den Kauf empfohlen. Doch inzwischen sei die Lira relativ hoch bewertet, weshalb das Anlageurteil nun "neutral" sei.
„Wir raten zur Vorsicht“
Die Skepsis ist nicht selbstverständlich. Denn die türkische Lira hat sich in den vergangenen Monaten glänzend geschlagen. Statt der befürchteten weiteren Abwertung - die Lira zählte 2006 zu den schwächsten Währungen - gab es eine moderate Aufwärtsbewegung in der Relation zum Euro. Mussten zu Jahresbeginn 1,86 Lira für einen Euro bezahlt werden, sind es heute nur noch 1,79. Die türkische Währung wird wie andere Schwellenländer-Währungen durch Zinstauschgeschäfte gestützt. Dabei leihen sich professionelle Investoren Geld in Ländern wie Japan oder der Schweiz, wo die Zinsen niedrig sind, und legen es zu weitaus höheren Zinsen zum Beispiel in der Türkei an. Dort lockt bei kurzfristigen Anlagen ein Zins von 18,5 Prozent. Fünfjährige Anleihen erstklassiger Emittenten, zum Beispiel der Europäischen Investitionsbank, die auch deutschen Privatanlegern zugänglich sind, versprechen jährliche Lira-Erträge von mehr als 16 Prozent. Doch diese Carry Trades bärgen zugleich ein hohes Risiko, sagt Frey. Das Geld könne rasch wieder abgezogen werden und die Währung dann unter Druck kommen.
Derzeit gebe es fundamentale Unterstützung für die Lira, weil die hohen ausländischen Direktinvestitionen von 20 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr und von 15 Milliarden Dollar in diesem Jahr die Nachfrage nach Lira hoch hielten und den Investoren ein - wie Frey befürchtet - trügerisches Gefühl der Sicherheit vermittelten. In den vergangenen Wochen verringerte sich die Risikofreude der Investoren spürbar. Frey zieht als Maßstab einen Index heran, der die Kosten für Sicherungsgeschäfte auf den Aktienmärkten abbildet. Diese Kosten sind zuletzt kräftig gestiegen, was auf zunehmendes Risikobewusstsein schließen lässt. Solche Stimmungsänderungen der Anleger führen regelmäßig zu Turbulenzen in der Wertentwicklung der Währungen aus Schwellenländern. So auch dieses Mal. Doch in diesem Umfeld habe sich die Türkei auffallend gut gehalten. Frey beobachtet das mit Unbehagen, denn den angemessenen Wert der Lira vermutet er derzeit bei etwa 1,86 Lira je Euro. Mit anderen Worten: Frey hält die Lira für zu hoch bewertet.
„Es wird nicht für immer so rosig bleiben“
"Es wird nicht für immer so rosig bleiben", warnt Frey denn auch. In fast allen großen Währungsräumen steigen die Leitzinsen, in Amerika verharren sie auf hohem Niveau. Das mache die Finanzierung von Zinstauschgeschäften schwieriger und werde auch die Lira über kurz oder lang unter Druck bringen. Eine mögliche Abschwächung des Wachstums der Weltwirtschaft hält Frey dagegen nicht für einen wesentlichen Risikofaktor. Selbst wenn sich die durchschnittliche internationale Wachstumsrate von 4,8 auf 4,5 Prozent oder etwas weniger verringere, sei das immer noch ein robustes Wachstum, mit dem die türkische Wirtschaft gut zurechtkommen werde. Für dieses Jahr wird in der Türkei ein Wachstum von 4 Prozent erwartet, und 2008 können es sogar mehr als 5,5 Prozent werden. Die Inflationsrate liegt bei 7,5 Prozent und ist damit deutlich höher als von der Zentralbank angestrebt. Im kommenden Jahr könne das Inflationsziel von 4 Prozent erreicht werden. Allerdings müssten dafür einige günstige Faktoren zusammenkommen. Zum Beispiel dürfe die Währung nicht stark unter Abwertungsdruck geraten, weil sonst Inflation importiert werde.
Eine Wette auf Konvergenz, also auf die Annäherung oder gar den Beitritt zur Europäischen Union, sei die Türkei nur bedingt, sagt Frey. Sie sei es zumindest viel weniger als die Länder in Zentral- und Mitteleuropa. In den Fällen Ungarn oder Polen sei es für beide Seiten klar gewesen, dass es zum Beitritt langfristig keine Alternative geben würde. Die Türkei habe durch ihre geographische Lage und die Nähe zu Russland und den Golfstaaten weitaus mehr Optionen.
Aus der Sicht ausländischer Investoren sei bei der Wahl am 21. Juli eine Mehrparteienregierung wünschenswert. Wenn es der AKP gelinge, die absolute Mehrheit zu gewinnen, könne sie versucht sein, ohne Kompromisse die Verfassung zu ändern. Dann wachse das Risiko, dass das Militär eingreife.