07.07.2004 · Die Finanzmärkte wurden eine Zeit lang bewegt von der Sorge, die amerikanischen Zinsen könnten rasch und deutlich angehoben werden. John M. Berry von Bloomberg News präsentiert Indizien, die für moderate Zinsschritte sprechen.
Von John M. Berry, Bloomberg NewsMit dem überraschend schwachen amerikanischen Arbeitsmarktbericht für Juni, der eine Abschwächung des Stellenwachstums, einen Rückgang der geleisteten Arbeitsstunden und einen dürftigen Anstieg der Stundenlöhne offenbarte, hat sich die Wahrscheinlichkeit erhöht, daß die Federal Reserve (Fed) bei der Straffung ihrer Geldpolitik weiter vorsichtig vorgehen wird.
Der Notenbankbericht läßt darauf schließen, daß die Fed in ihrer nächsten Sitzung am 10. August den Leitzins - die Federal Funds Rate - um höchstens 25 Basispunkte auf 1,5 Prozent anheben wird. Dieses Szenario wird durch die Konjunkturdaten der jüngsten Vergangenheit gestützt, die auf eine leichte Verlangsamung des amerikanischen Wirtschaftswachstums hindeuten. In der vergangenen Woche hatte die amerikanische Notenbank den Leitzins zum ersten Mal seit vier Jahren um 0,25 Prozentpunkte angehoben. Nach Meinung von Analysten ist es angesichts des am Freitag veröffentlichten Arbeitsmarktberichts sogar fraglich, ob es im nächsten Monat überhaupt zu einer Zinserhöhung kommt. Die meisten Arbeitsmarktdaten werden zwar weithin beachtet, die ausgewiesenen Rückgänge oder Anstiege haben aber weit mehr mit der Statistik selbst als mit der tatsächlichen Wirtschaftslage zu tun. Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß sich das Wirtschaftswachstum in echten Schwierigkeiten befindet. Dennoch haben die Daten gezeigt, daß Amerika weit von einer konjunkturellen Überhitzung entfernt ist. Auch wenn die Inflation momentan höher liegt als noch vor ein paar Monaten, muß die Fed dem Wirtschaftswachstum nicht aggressiv entgegentreten, um Preisstabilität zu gewährleisten.
Steigende Preise dämpfen den amerikanischen Konsum bereits
Der Ökonom Robert V. DiClemente von Citigroup ist der Auffassung, daß der kräftige Anstieg der Öl- sowie anderer Preise in diesem Frühjahr bereits eine negative Reaktion unter den Verbrauchern ausgelöst hat. „Die auf breiter Basis zu beobachtende Preisüberwälzung hat die Konsumenten verunsichert. In Anbetracht der höheren Kerninflationsrate haben viele Verbraucher ihre Ausgaben bereits zurückgefahren“, stellt DiClemente fest. „Die privaten Verbraucherausgaben für Mai liegen vor, ebenso wie die im Juni schwachen Kfz-Verkaufszahlen. Für das Frühlingsquartal scheint der Anstieg der realen Verbraucherausgaben mit lediglich zwei Prozent zu Buche geschlagen zu haben. Das ist wohl kaum eine Größenordnung, auf deren Grundlage sich eine anhaltende Inflation bzw. eine angespannte Ressourcenlage beweisen ließe,“ sagte DiClemente weiter. Auf Grund der Arbeitsmarktzahlen und des unerwarteten Rückgangs bei den Autoabsätzen sahen sich einige Experten gezwungen, ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal auf eine annualisierte Rate von etwa 3,5 Prozent zurückzunehmen. Obwohl viele von ihnen nach wie vor mit einem Wachstum von vier Prozent oder mehr im zweiten Halbjahr rechnen, läßt die Flut von schwachen Daten doch gewisse Zweifel an der vermuteten Wirtschaftskraft aufkommen.
Amerikanisches Wirtschaftswachstum kann Arbeitslosigkeit nicht reduzieren
Mit einer tatsächlichen Wachstumsrate von 3,9 Prozent im ersten Quartal und einem Anstieg von 3,5 Prozent im zweiten Vierteljahr würde sich ein Durchschnitt von 3,7 Prozent für das erste Halbjahr ergeben. Dies entspricht nach Ansicht vieler Fed-Vertreter mehr oder weniger dem momentanen Potentialwachstum der amerikanischen Wirtschaft - eine Einschätzung, die sich mit den Arbeitsmarktdaten für die ersten sechs Monate des Jahres deckt. In fünf der vergangenen sechs Monate, einschließlich Juni, lag die Arbeitslosenquote des Landes bei 5,6 Prozent. Mit anderen Worten war das Wirtschaftswachstum in der ersten Jahreshälfte gerade einmal stark genug, um die Arbeitslosenquote zu stabilisieren - nicht aber, um sie zu senken. Auch bei den Löhnen war der Anstieg allenfalls moderat: Im Juni nahm der durchschnittliche Stundenverdienst um lediglich 0,1 Prozent zu; in den vergangenen zwölf Monaten um gerade einmal zwei Prozent. Im April und Mai fiel das Plus mit 0,3 Prozent pro Monat zwar vergleichsweise größer aus. Das war aber größtenteils auf die hohen Lohnzuwächse in einer Branche - dem Lufttransportsektor - zurückzuführen. „Historisch betrachtet ist das sicherlich nicht als rasantes Tempo zu bezeichnen,“ schlußfolgert Ray Stone von Stone & McCarthy Research Associates.
Amerikanische Automobilbranche zeigt Schwächezeichen
Stone, der die Arbeitsmarktdaten genau verfolgt, rechnet in der zweiten Jahreshälfte mit einem Stellenanstieg um rund 225.000 Beschäftige pro Monat. Das entspricht in etwa dem Durchschnitt der vergangenen drei Monate. Der Stellenzuwachs im Juni um 112.000 sei, so Stone, kein Beweis für einen neuen Trend. Stone und einige andere Analysten haben unterdessen ein wachsames Auge auf die Automobilindustrie, die nach wie vor eine Schlüsselbranche der amerikanischen Wirtschaft ist. Im Zuge der sich rückläufig entwickelnden Absatzzahlen habe die Branche die Produktion zurückgefahren und entsprechend Stellen gestrichen, so Stone. „Die Bestände der Autohändler sind einfach zu hoch und stehen angesichts der höheren Benzinpreise zudem noch in einem Mißverhältnis.“ Das Mißverhältnis drückt sich seiner Meinung nach vor allem darin aus, daß die Händler zu viele Sport Utility Vehicles (SUVs) mit hohem Treibstoffverbrauch in den Verkaufsräumen stehen haben und nicht genügend Fahrzeuge mit niedrigem Treibstoffverbrauch. Für die Wirtschaft bedeutet das zwar nicht, daß sie plötzlich in Schwierigkeiten ist. Für die amerikanische Notenbank, die ständig bemüht ist herauszufinden, wie die Geldpolitik auf Veränderungen des Inflationsdrucks am besten reagieren sollte, sind sie jedoch von Bedeutung.
Weitere Zinserhöhungen unvermeidlich
Im März - noch vor dem überraschenden Anstieg der Beschäftigtenzahlen - ließ der Offenmarktausschuß der Zentralbank auf seiner Sitzung die Zinsen unverändert und gab dazu folgende Erklärung ab: „Vor dem Hintergrund der derzeit recht niedrigen Inflation und der stagnierenden Ressourcennutzung vertritt der Ausschuß die Überzeugung, daß eine Änderung der Geldpolitik zurzeit nicht zwingend notwendig ist.“ Bis zur Sitzung des Offenmarktausschusses im Mai hatte die amerikanische Wirtschaft zwei Monate lang ein kräftiges Beschäftigungswachstum verzeichnet, und die Inflation hatte sich unerwartet beschleunigt. In dem am Donnerstag veröffentlichten Protokoll der Mai-Sitzung hieß es dann entsprechend: „Sämtliche Mitglieder waren sich einig, daß eine restriktivere Geldpolitik früher eingeschlagen werden muß als ursprünglich erwartet. Eine abwartende Haltung ist nicht mehr länger gerechtfertigt. Eine einmal begonnene Straffung der Geldpolitik könnte jedoch in einem 'angemessenen' Tempo fortgeführt werden.“ Einige Notenbankmitglieder zeigten sich damit nicht einverstanden. Im Protokoll hieß es weiter: „Eine Reihe von Verantwortlichen äußerte sich besorgt, daß eine derartige Behauptung den künftigen Spielraum der Federal Reserve für geldpolitische Anpassungen zu sehr einschränken könnte. Vor allem dann, wenn auf Grund der Wirtschaftsdaten in den kommenden Monaten eine deutliche Straffung der Geldpolitik angemessen erscheint.“
Hoffnung auf sanfte Reaktionen bei Rückkehr auf neutrale Geldpolitik
Einigen Vertretern im Ausschuß - vor allem jene, die den Anstieg der Inflation eher auf fundamentale als auf temporäre Ursachen zurückführen - gefiel die Einschränkung „angemessen“ im Hinblick auf den künftigen Handlungsspielraum der Fed nicht. Eine große Gruppe von Verantwortlichen „hat in der Einbringung der vorgeschlagenen Rhetorik jedoch beträchtliche Vorteile erkannt“, hieß es in dem Protokoll weiter. Wie Fed-Vertreter bemerkten, machen es die derzeitigen wirtschaftlichen Umstände wahrscheinlich, daß sich eine einmal eingeleitete Rückkehr zu einer neutraleren Geldpolitik vergleichsweise sanft vollziehen wird. Anders als in der Vergangenheit, als die Inflation mitunter ein Niveau erreicht hatte, das mit dem Ziel der Preisstabilität nicht mehr zu vereinbaren war.
Darüber hinaus vertraten einige Verantwortliche die Meinung, daß das Timing und der Umfang künftiger Zinsanpassungen letzten Endes davon bestimmt wird, wie der Ausschuß die eingehenden Wirtschafts- und Preisdaten interpretiert und nicht wie die aktuelle Prognose dieser Trends aussieht. Die entsprechenden Konjunkturdaten präsentieren sich zurzeit eher rückläufig. Und das könnte in den nächsten ein bis zwei Monaten gut und gerne weiterhin der Fall sein. Was den Einfluß der Juni-Arbeitsmarktzahlen auf die Notenbank anbelangt, äußerte sich der Ökonom Peter Kretzmer von Banc of America Securities wie folgt: „Der Bericht wird die Fed in ihrer Absicht bestärken, den Zielwert für die Federal Funds Rate mit einem angemessenen Tempo zu erhöhen; außerdem läßt er beträchtliche Zweifel an einer weiteren Zinserhöhung im August aufkommen.“