21.04.2004 · Wurden am Mittwoch die Zinsspekulationen in Amerika wieder etwas gedämpft - früher oder später werden die Zinsen steigen müssen. Sehr wahrscheinlich die „kurzen“ stärker als die „langen“.
Nach den stürmisch anmutenden Spekulationen im Vorfeld hat es der amerikanische Notenbankchef Alan Greenspan am Mittwoch wieder einmal geschafft, die Erwartungen zu dämpfen. Vor allem auch auf Grund der zum Teil massiv gestiegenen Rohstoffpreise und einem unterwartet deutlichen Anziehen des amerikanischen Konsumentenpreisindex in der vergangenen Woche war die Vermutung aufgekommen, die Notenbank könnte unerwartet früh und stark den bisher noch auf einem Rekordtief von einem Prozent liegenden Leitzins erhöhen.
Aufgeschoben ist allerdings nicht aufgehoben. Wenn die Notenbank sich auch weiterhin zögerlich gibt, dürften die Märkte früher oder später damit beginnen, einen solchen Schritt vorwegzunehmen. Denn sollten die Wachstumsraten der amerikanischen Wirtschaft nicht doch noch deutlich zurückkommen, so ist der Leitzins ungewöhnlich und auch unnatürlich tief.
„Zinskurve“ könnte „flacher“ werden ...
Was passieren kann, wenn die Zinslandschaft in Bewegung kommt, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. So ist die so genannte Zinsstrukturkurve in Amerika recht steil. Das heißt, die Zinsen für Anlagen und Kredite mit kurzer Laufzeit sind sehr tief, währen die Renditen zehn- oder gar dreißigjähriger Anleihen deutlich höher sind.
Das führt dazu, daß spekulative Anleger kurzfristige Kredite aufnehmen und aufgenommen haben, um damit langfristige Wertpapiere zu erwerben. Die Zinsdifferenz ist ihr Gewinn. Sobald nun die Zentralbank den Leitzins anhebt, bewegen sich zunächst einmal die kurzfristigen Zinsen nach oben. Damit werden die eben geschilderten, so genannten „Carry Trades“ weniger interessant. Wenn die Anleger davon ausgehen müssen, daß die Notenbank den Leitzins immer weiter erhöht, so kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem sich „ihr Spiel“ nicht mehr lohnt oder zu dem sie sogar draufzahlen müßten.
Um das zu vermeiden, werden sie versuchen rechtzeitig auszusteigen. Das bedeutet, sie verkaufen ihre auf Kredit erworbenen Anleihen und zahlen die kurzfristigen Kredite zurück oder verlängern sie nicht mehr. Das führt dazu, daß nicht nur die kurzfristigen Zinsen steigen, sondern daß auch die Renditen länger laufenden Papiere zunehmen. Dieser Ablauf läßt sich an den Charts - siehe links - recht deutlich ablesen.
... „kurze“ Zinsen steigen sehr wahrscheinlich stärker als „lange“
Grundsätzlich scheint absolut betrachtet der größte Zinsveränderungsspielraum „am kurzen Ende“ der Zinskurve zu bestehen. Aus diesem Grund könnten beispielsweise so genannten Floating Rate Notes, die sich auch kurzfristige Zinsen beziehen, interessant sein. Auf der anderen Seite reagieren die Kurse länger laufender festverzinslicher Wertpapiere relativ stark, selbst auf kleine Zinsänderungen. Aus diesem Grund können spekulative Anleger mit Derivaten auf die Kurse dieser Papiere auch deutliche Gewinne erzielen. Vor allem auch deswegen, weil die Richtung der Bewegung - hat sie erst einmal begonnen - relativ klar ist.
Die amerikanische Notenbank wird möglicherweise versuchen, den Markt so lange wie möglich hinzuhalten. Sollten Marktteilnehmer jedoch zum Eindruck gelangen, sie agiert zu spät und zu zahm, könnte es am Rentenmarkt zu einer Kettenreaktion kommen. Früher oder später wird es soweit sein. Denn ewig lassen sich die amerikanischen Konsum-, Immobilien- und Kursblasen nicht aufrecht erhalten. Kommt es nicht zu einer Korrektur des Leitzinses, dürfte der Dollar wieder unter Druck geraten.