20.07.2007 · Die Krise auf dem amerikanischen Markt für bonitätsschwache Immobilienkredite hat die Risikoneigung der Anleger weltweit verändert. Käufer von Unternehmensanleihen verlangen höhere Entschädigungen für die Ausfallrisiken.
Die Krise auf dem amerikanischen Markt für bonitätsschwache Immobilienkredite hat die Risikoneigung der Anleger weltweit verändert. Käufer von Unternehmensanleihen verlangen höhere Entschädigungen für die Ausfallrisiken. Für Euro-Unternehmensanleihen mittlerer Qualität ist die Risikoprämie in den vergangenen Wochen im Durchschnitt um rund 0,2 Prozentpunkte gestiegen, für Wackelkandidaten, deren Bonitätsnote "BB+/Ba3" oder schlechter ist, ist der Renditeabstand zu sicheren Staatsanleihen seit Anfang Juli von 2 auf 3 Prozentpunkte in die Höhe geschnellt.
Für Anleger, die solche Titel im Depot haben, war das mit Kursverlusten verbunden. Eine fünfjährige Anleihe des Reisekonzerns TUI zum Beispiel hat zeitweise mehr als 4 Prozent an Wert verloren. Andererseits können Käufer nun wieder höhere Verzinsungen fordern. Doch die meisten Fondsmanager und Analysten sind skeptisch. "Wir erleben eine Trendwende bei der Bewertung von Risiken", warnt Matthieu Louanges Fondsmanager bei Allianz Global Investors.
„Wir erleben eine Trendwende bei der Bewertung von Risiken“
Jahrelang hätten die niedrigen Zinsen der Zentralbanken und die rasante Vermögensbildung in einigen Schwellenländern die Liquidität genährt. Auf der Suche nach hohen Renditen hätten die Investoren ihre Risikoscheu immer mehr abgelegt. Dadurch seien die Risikoprämien zu stark gefallen und hätten im Juni einen Tiefpunkt erreicht. Zugleich seien wegen der überbordenden Liquidität übertrieben große Risiken übernommen worden, die die Anleger sonst wohl nicht eingegangen wären. Jetzt habe die Gegenbewegung begonnen, glaubt Louanges. Die seit drei Jahren wieder steigenden Leitzinsen hätten die Finanzierungskosten für Unternehmen und kreditfinanzierte Anleger erhöht, was nun zeitverzögert die Risikofreude der Investoren dämpfe.
Hinzu komme, dass in Amerika noch große Summen für kreditfinanzierte Unternehmenskäufe plaziert werden müssten, sagt Markus Wiedemann, Fondsmanager bei der DWS, der Investmentfondsgesellschaft der Deutschen Bank. Dort komme allein aus den schon beschlossenen Transaktionen auf den Hochzinsmarkt ein zusätzliches Angebot in der Größenordnung von 200 Milliarden Dollar zu. Andererseits sei aber auch zu bedenken, dass die Unternehmen insgesamt in einer soliden Verfassung und die Ausfallraten niedrig seien.
"Die fundamentalen Daten wie zum Beispiel das Wirtschaftswachstum haben sich nicht verändert und sind immer noch gut", stimmt Monica Fernandez, Analystin der DZ Bank, zu. Den meisten Unternehmen gehe es immer noch glänzend: "Hochzinsanleihen waren aber überbewertet, und die Korrektur ist noch nicht abgeschlossen." Wer jetzt Anleihen kaufen wolle, solle sich auf gute bis sehr gute Schuldner beschränken. Dazu zählt Fernandez zum Beispiel RWE, BMW, BASF und Henkel. Bei den Schuldnern geringerer Qualität sollten sich die Anleger nicht zu sehr von der derzeitigen Verfassung beeindrucken lassen. In nächster Zeit sollte es zwar nicht zu ernsten Schwierigkeiten kommen, zumal die Wirtschaft in Europa kräftig wächst. Aber auf mittlere und lange Sicht gebe es durchaus das Risiko, dass Unternehmen ihre Schulden nicht mehr bedienen können. "Dieses Risiko sollten sich die Anleger in angemessener Höhe bezahlen lassen", sagt Fernandez.
Anleger sollten sich Ausfallsrisiken in angemessener Höhe bezahlen lassen
Wie groß dieses Risiko ist, lässt sich anhand der Erfahrungen der Ratingagenturen abschätzen. Nach Daten von Moody's betrug in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unternehmensschuldner mittlerer Qualität ("Baa") ausfiel, auf Sicht von fünf Jahren 1,7 Prozent und auf Sicht von zehn Jahren knapp 2 Prozent. Auffällig ist aber, dass die Wahrscheinlichkeit eines Ausfalls bei schlechteren Noten drastisch steigt. Bei der Bonitätsnote "Ba" beträgt sie schon 4 beziehungsweise 11 Prozent.
Und in der Qualität "B", das ist die Kategorie von TUI, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Schuldner nach fünf Jahren nicht mehr zahlt, auf 27 Prozent. Die Anleihen haben nach einem Ausfall - so lautet der Erfahrungswert - im Durchschnitt noch einen Restwert von etwa 40 Prozent des Nennwerts. Das Verlustrisiko für die restlichen 60 Prozent sollte durch einen Renditeaufschlag entlohnt werden. Doch davon ist der Markt selbst nach der Korrektur noch ein gutes Stück entfernt.