04.11.2003 · Der Rentenmarkt steht nach einer Fülle günstiger Konjunkturdaten verstärkt unter Druck. Charttechnisch drohen wichtige Unterstützungen zu brechen. Doch von einer „Zinswende“ wollen Analysten noch nicht reden.
In den vergangenen Tagen hat es mehrere Meldungen gegeben, die für den Rentenmarkt nachteilig sind. Zum einen ist das Wirtschaftswachstum in Amerika stärker ausgefallen als erwartet. Am Montag stärkten neue Konjunkturdaten die Hoffnung auf einen Aufschwung, was sich in steigenden Aktienmärkten niedergeschlagen hat.
In Amerika wie in Deutschland sind die Kurse der wegweisenden Terminkontrakte in Reaktion darauf recht stark gefallen. Dabei ist der Bund-Future unter eine Marke gerutscht, die als wichtiger Haltepunkt gegolten hat, und hat dadurch technische Verkaufssignale gesetzt. Gleichzeitig nähern sich die Renditen zehnjähriger Staatspapiere in Amerika und Deutschland, die aktuell jeweils bei 4,3 Prozent liegen, wieder ihren Jahreshöchstständen.
Vor einem Vierteljahr wurde die Zinswende bei HSBC bestritten
Auch wenn sich der Bund-Future am Dienstag leicht erholt: Deuten die fundamentalen wirtschaftlichen Daten und die charttechnische Analyse nun tatsächlich auf die schon vor einem Vierteljahr beschworene Zinswende hin? Seinerzeit hatten die Analysten von HSBC Trinkaus & Burkhardt die entsprechende Frage noch verneint.
Die Unternehmen in Amerika hielten sich mit Investitionen noch zurück, und die Erholung der Konjunktur werde vom privaten Konsum getragen, dem ein Zinsanstieg ebenso schaden würde wie der Investitionsbereitschaft, gab Chefvolkswirt Stefan Schilbe zu bedenken. Und meinte: „Von einer Trendwende auf dem Anleihemarkt kann also keine Rede sein.“
Auch bisher habe sich das „Bild nicht stark gedreht“, sagt Schilbes Kollege Gregor Beckmann heute. Doch sieht auch er die Lage differenzierter als seinerzeit. Denn: „Einige fundamentale Dinge haben sich in Amerika verändert.“ Dinge, die gegen den Rentenmarkt sprechen.
Lage zum Teil anders als vor einem Vierteljahr
Zum einen habe der private Konsum weiter zugelegt. Zudem hätten sich Unternehmen zumindest teilweise von ihrer abwartenden Haltung verabschiedet und investierten wieder. Die spreche dafür, daß sich die amerikanische Wirtschaft weiter erhole. Die 7,2 Prozent Wachstum im vergangenen Quartal seien schon „eine starke Zahl“.
Allerdings sieht der Anleihen-Analyst noch einige Haare in der Suppe. So basierten die 7,2 Prozent auch und gerade auf dem starken Konsum, der wiederum von Steuererleichterungen profitiert habe. Und die Steuergeschenke seien rechnerisch vollständig in den Konsum geflossen, der 4,5 Prozent der 7,2 Prozent ausgemacht habe und folglich einen größeren Anteil als üblich am Bruttoinlandsprodukte der Vereinigten Staaten gehabt habe. Der Anteil der Investitionen an dieser Ziffer habe dagegen nur 1,5 Prozent betragen.
Dies werfe die Frage auf, ob Amerika das Wachstumstempo halten könne. Zweifelhaft sei, daß die Sparneigung so niedrig wie zuletzt bleibe. Beckmann rechnet seinen Worten zufolge damit, daß auch die Tendenz zur Umschuldung am Hypothekenmarkt infolge niedriger Zinsen sich abschwächen werde. Sollte es kommen, würden weniger Haushalte durch eine Ablösung alter Kredite Liquidität gewinnen, die in den Konsum fließen könnte. So geht HSBC lediglich von einem Wachstum von 2,5 Prozent im laufenden Quartal aus.
Selbst Zinserhöhung der Bank von England wäre kein Wendesignal
Mittelfristig rechnen die Analysten sogar wieder mit fallenden Zinsen bei zehnjährigen Papiere. Die Renditen dürften in einem halben Jahr bei rund 3,5 Prozent liegen, schätzt Beckmann. Druck auf die amerikanische Notenbank Fed, entgegen ihrer erklärten Linie die Zinsen erhöhen zu müssen, sieht er auf Sicht nicht. Begründung: „Die Unternehmen haben noch keinen Spielraum, höhere Preise durchzusetzen, und die steigende Produktivität mildert den Kostendruck.“
Die Fed wird, wie er meint, die Zinsen erst erhöhen, wenn auch der Arbeitsmarkt anzieht. Doch dies sei noch nicht in Sicht, da Frühindikatoren wie die Wochenarbeitszeit weiter niedrig seien. Und bevor Unternehmen neue Mitarbeiter einstellten, schraubten sie die Überstundenzahl hoch. Dies stehe aber aus.
Auch die für Donnerstag erwartete Zinserhöhung durch die britische Zentralbank werde die Fed nicht in Zugzwang bringen. Denn die Bank werde auf das Anziehen der Konjunktur in Großbritannien reagieren. Zudem werde sie versuchen, dem Hang, Konsum auf Pump zu finanzieren, entgegenzutreten. In Europa etwa sei die Lage anders, auch in Amerika, wo die Arbeitslosigkeit anders als im Vereinigten Königreich nicht als niedrig einzuschätzen sei. Eine echte Trendwende hält Beckmann nach seinen Worten noch nicht für gegeben.
Technischer Analyst sieht Bund-Future bald bei 109,40 Prozent
Mit dem Wort „Zinswende“ tut sich auch Steffen Schneider, technischer Analyst bei der WGZ-Bank, schwer. Allerdings hebt er hervor, daß das Unterschreiten der „magischen“ Marke von 112,30 Prozent ein mittel- und langfristiges Verkaufssignal sei. Zwar sei der Bund-Future überverkauft, weil viele Investoren sich aus dem Termin-Kontrakt verabschiedet hätten. Deshalb könnte es zu Gegenbewegungen kommen, wenn Positionen wieder aufgebaut werden. Doch wenn dies geschehen sei, werde der Kurs wieder sinken.
Mit Blick darauf plädiert Schneider dafür sich nicht lange bei den nächsten Unterstützungszonen bei 111,75 und 111,60 Prozent aufzuhalten, da der Bund-Future solche Kursbewegungen zum Teil innerhalb eines Tages vollziehe. Schneider sieht den Termin-Kontrakt im Dezember bei 109,40 Prozent und anschließend die 107,40 Prozent testen. Dies würde bedeuten, daß die Renditen für zehnjährige Papiere auf rund fünf Prozent ansteigen würde.