05.05.2010 · In Europa werden die Renditedifferenzen zwischen verschiedenen Staatsanleihen größer. Angesichts unterschiedlicher Wirtschaftsstrukturen und der Verschuldungsdynamik ist das ein Normalisierungsprozess. Entsprechende Risiken wurden unterschätzt.
Am Mittwoch scheint sich die Lage an den europäischen Finanzmärkten nach den Turbulenzen des Vortags zwar zunächst etwas zu beruhigen. Die Börsen schwanken erratisch vor sich hin und können sich für keine Richtung entscheiden, während der Euro nach dem Kurseinbruch um etwas mehr als zwei Prozent in drei Tagen gegen den Dollar knapp unter der Marke von 1,3 Dollar nervös konsolidiert, nachdem er den langfristigen Aufwärtstrend durchbrochen hat.
Dagegen stehen die Kurse der griechischen, der portugiesischen, der irischen und nicht zuletzt auch der spanischen Staatsanleihen unter Druck, während die Notierungen der deutschen, der niederländischen, der schwedischen, der norwegischen, der finnischen und der französischen anziehen. Damit setzt sich zumindest in diesem Bereich die zunehmende Divergenz in der Wahrnehmung der Anleger fort, die in den vergangenen Monaten zu beachtlichen Renditedivergenzen innerhalb Europas geführt haben.
Zinsdifferenzen sind beachtlich geworden ...
Griechenland muss bei Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren mit einer Rendite von knapp zehn Prozent 6,8 Prozentpunkte mehr zahlen als Deutschland. Die Renditedifferenz zu irischen und portugiesischen Anleihen beträgt mehr als zweieinhalb Prozent. Die Differenz zwischen spanischen und deutschen Annleihen mit einer Laufzeit von fünf Jahren erreicht mit knapp 150 Basispunkten den höchsten Stand seit Jahren.
Dieser Divergenzprozess ist wahrscheinlich noch lange nicht abgeschlossen. Denn erstens handelt es sich dabei um einen Normalisierungsprozess, nachdem Anleger in den vergangenen Jahren im Rahmen einer länger währenden Konvergenzeuphorie zu viel für die Anleihen von EU-Rand- und Beitrittsstaaten zahlten. Sie unterschätzten die mit dem Kauf verbundenen Risiken auch auf Empfehlung vieler Bankvolkswirte systematisch. Diese haben die Angewohnheit, alles mit geschliffenen Worten begründen zu können, wenn sie dadurch nur gute Geschäfte für die eigenen Häuser generieren können.
Auch der Blick auf den in den kommenden Jahren anstehenden Refinanzierungsbedarf in Bezug auf bestehende Altschulden und die zum Teil dramatisch zunehmende Neuverschuldung lässt eher steigende als fallende Renditen bei den Staatsanleihen strukturell schwach aufgestellter Staaten befürchten. Dazu zählt nicht nur Griechenland, das realwirtschaftlich massiv sparen muss, um nicht im finanziellen Abgrund zu verschwinden. Sondern dazu zählen auch Staaten wie Großbritannien, Spanien, Italien und vor allem auch die Vereinigten Staaten.
... stellen eine Normalisierung dar
Spanien muss bei größerer Sparsamkeit Wachstumsmöglichkeiten abseits der überreizten Bau- und Immobilienbranche finden, um wirtschaftlich wieder dyamischer werden zu können. Großbritannien und die Vereinigten Staaten dagegen müssen künftig finanziell ihre Gürtel enger schnallen und wegkommen von der völlig aus dem Ruder gelaufenen und hoch riskant gewordenen Finanzbranche. Sollten sie dazu nicht rechtzeitig ansetzen, dürften die Märkte eher früher als später Druck in Form steigender Renditeanforderungen ausüben, wie er jetzt in Europa zu beobachten ist.
Auch die Wechselkursentwicklung trägt zu diesem Druck bei. Nachdem der Euro in den vergangenen Jahren deutlich überbewertet war, erreicht er nach der Korrektur der vergangenen Monate wieder ein vergleichsweise vernünftiges Kursniveau. Sollte er auf 1,2 oder gar 1,1 Dollar fallen, wäre das für Europa nicht nur kein Drama, sondern auf diese Weise würde nur Wettbewerbsgleichheit hergestellt, nachdem der amerikanische Dollar und die daran gekoppelten Währungen in den vergangenen Jahren künstlich geschwächt worden waren.