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Rentenmärkte Analysten rechnen 2006 mit fallenden Anleihekursen

30.12.2005 ·  Dem Anleihemarkt trauen die meisten Analysten für das kommende Jahr nicht mehr viel zu. Die Mehrzahl der 20 Banken, die diese Zeitung befragt hat, rechnet mit fallenden Kursen und steigenden Renditen bei der Neuanlage.

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Dem Anleihemarkt trauen die meisten Analysten für das kommende Jahr nicht mehr viel zu. Die Mehrzahl der 20 Banken, die diese Zeitung befragt hat, rechnet mit fallenden Kursen und steigenden Renditen bei der Neuanlage. Im Durchschnitt erwarten sie die Rendite von zehnjährigen Bundesanleihen in einem Jahr bei 3,7 Prozent. Das wären rund 0,4 Prozentpunkte mehr als heute.

Für Anleger auf dem Anleihemarkt ist die Renditeentwicklung ein entscheidender Faktor bei der Anlageentscheidung. Wer seine Wertpapiere bis zur Fälligkeit hält, erleidet zwar keinen unmittelbaren Verlust. Aber der Wert der Anlagen im Depot sinkt, und Verkäufe sind, sofern die Anleiherenditen wirklich steigen sollten, nur mit Kurseinbußen möglich. Umgekehrt führen sinkende Renditen bei der Neuanlage dazu, daß Anleger, die schon gekauft haben, sich außer über ihre Zinseinkünfte auch über Kursgewinne freuen können.

Nur eine Minderheit rechnet mit fallenden Renditen

Von einem solchen positiven Szenario auf dem Anleihemarkt geht die Hypo-Vereinsbank aus und vertritt damit eine Minderheitsmeinung. Die Analysten rechnen damit, daß die Rendite langlaufender Bundesanleihen von 3,3 Prozent auf 3,0 Prozent fallen wird. Das entspräche dem Rekordtief, das der Anleihemarkt im September dieses Jahres erreicht hat. Es gebe derzeit keinen Lohndruck und damit auch keine größeren Inflationsrisiken, heißt es bei der Hypo-Vereinsbank. Die Europäische Zentralbank (EZB) habe nur einen geringen Spielraum für Zinserhöhungen. Deshalb werde es im kommenden Jahr nur eine Erhöhung um 0,25 Punkte auf 2,5 Prozent geben. Das sei für die Anleihen keine allzu große Belastung.

Außerdem gebe es bei institutionellen Investoren weiterhin eine große Nachfrage nach langlaufenden Anleihen. Versicherer und Pensionsfonds bräuchten die Langläufer, um die Laufzeit ihrer Anlagen weiter an die Frist ihrer Zahlungsverpflichtungen anzugleichen. Fallende oder stagnierende Anleiherenditen erwarten außerdem Berenberg-Bank, Deutsche Bank, Helaba und M.M.Warburg.

Das Nachfrageargument erkennt auch Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) an. Er rechnet aber dennoch mit einem Anstieg der Rendite auf 4,2 Prozent, womit die LBBW am oberen Ende des Prognose-Spektrums liegt. Nur Morgan Stanley erwartet mit 4,3 Prozent einen noch höheren Wert. Die Konjunktur entwickle sich im Euro-Raum besser als erwartet, sagt Niklasch. Er erwartet für Europa ein Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent. Die EZB werde den Leitzins in zwei Schritten auf 2,75 Prozent anheben. Die Investitionen wüchsen schon jetzt, und die Stimmung in der deutschen Wirtschaft bessere sich zusehends. Das schaffe gute Voraussetzung für die börsennotierten Unternehmen und sei positiv für den Aktienmarkt. "Die Konkurrenz der Dividendentitel wird deshalb Anleger von den Anleihen weglocken", sagt Niklasch. Außerdem müsse man die Inflation im Blick behalten. Sie werde sich bei etwas mehr als 2 Prozent einpendeln. Mancher Anleiheanleger werde beim Kauf deshalb einen Preisabschlag verlangen.

Vorhersagen der Analysten in den vergangenen Jahren selten richtig

Der Unterschied zwischen den prognostizierten Renditen ist für Anleger durchaus erheblich. Läge zum Beispiel die Hypo-Vereinsbank mit ihrer Vorhersage genau richtig, könnten sich Anleger, die heute eine langlaufende Bundesanleihe kaufen, Ende 2006 über einen Gesamtertrag von mehr als 5 Prozent freuen. Würde dagegen die Rendite auf 4,2 Prozent steigen, wie von der LBBW prognostiziert, wären die Kursabschläge mit rund 6 Prozent größer als die Zinseinnahmen. Die Anleger würden einen empfindlichen Verlust erleiden.

Allerdings waren die Vorhersagen der Analysten in den vergangenen Jahren selten richtig. Anfang 2005 waren sich alle 20 Banken einig, daß die Zinsen steigen würden. Die Analysten mit den niedrigsten Prognosen rechneten mit 3,9 Prozent für zehnjährige Bundesanleihen, die größten Pessimisten erwarteten sogar 4,8 Prozent. Statt dessen fiel die Rendite bei den Neuanlagen weiter, die Kurse der Anleihen stiegen, und 2005 wurde das sechste gute Jahr in Folge auf dem Anleihemarkt. Auch in den drei vorangegangenen Jahren hatten die Analysten mehrheitlich auf steigenden Renditen und fallende Kurse gewettet - und wurden enttäuscht.

Quelle: F.A.Z., 30.12.2005, Nr. 304 / Seite 19
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