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Regierung als Plünderer Argentiniens Sparer sind ständig auf der Flucht

19.08.2009 ·  Nach einer Geschichte voller Krisen bildet jeder, so gut er kann, Reserven für schlechte Zeiten. Möglichst vorbei an Staat und Banken. Am liebsten im Ausland oder in Dollar-Noten unter der Matratze.

Von Carl Moses, Buenos Aires
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Kaum ein anderes Land der Welt wurde in den letzten Jahrzehnten so oft und so stark von Wirtschaftskrisen erschüttert wie Argentinien. Mal wächst die Wirtschaft ein paar Jahre mit Raten wie sonst nur China. Doch regelmäßig stürzt sie ebenso steil wieder ab. Mehrere Wellen hoher Inflation mit Raten von bis zu 5000 Prozent pro Jahr haben die Wirtschaft und die Währung des Landes ausgezehrt. Ein Peso des Jahres 1963 ist heute noch 0,0000000000001 Pesos wert. Vier Währungsreformen in vierzig Jahren brachten dreizehn Stellen Abwertung.

In einem solchen Land, wo jede der letzten Generationen mehrere schwere Wirtschaftskrisen durchlitten hatte, stehen Sparer vor besonders großen Herausforderungen. Auf der einen Seite ist es angesichts der extremen Konjunkturschwankungen besonders wichtig, in guten Zeiten für schlechte vorzusorgen. Andererseits laufen Sparer ständig Gefahr, ihre Rücklagen plötzlich zu verlieren - durch Inflation, Enteignung oder andere Folgen der regelmäßig wiederkehrenden Krisen.

Nur raus

Argentinier sparen darum viel, sofern ihre wirtschaftliche Lage dies zulässt. Doch sie legen ihr Geld kaum im lokalen Finanzwesen an. Die inländische Sparquote gehört mit etwa 27 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu den höchsten in Lateinamerika. Aber die Gesamthöhe der Einlagen bei Banken gehört mit 17 Prozent des BIP zu den niedrigsten der Region - im Vergleich zum europäischen Durchschnitt (95 Prozent des BIP) sind sie gar verschwindend gering.

Wer vermögend genug ist und über entsprechende Kanäle verfügt, bringt zumindest einen Teil seiner Rücklagen ins Ausland. Nach Angaben des nationalen Statistikinstituts Indec beläuft sich das Auslandsvermögen argentinischer Privatleute und -unternehmen (ohne Banken) auf 157 Milliarden Dollar, das entspricht fast der Hälfte des BIP. Allein in den letzten zwei Jahren haben die Argentinier rund 20 Milliarden Dollar ins Ausland geschafft.

Ein Großteil dieser Anlagen ist beim Fiskus nicht deklariert. Zahlreiche Privatkundenberater sind im Auftrag amerikanischer, schweizerischer und anderer ausländischer Banken ständig in Argentinien unterwegs, um betuchte Kunden mit größter Diskretion über ihre Auslandsanlagen zu beraten. Deren Anlageverhalten sei äußerst konservativ, ist zu hören - nach der globalen Krise mehr denn je. In den Genuss einer solchen Vorzugsbedienung kommen allerdings nur solche Anleger, die mindestens über ein paar hunderttausend Dollar liquides Vermögen verfügen. Das können nicht viele in dem südamerikanischen Land, wo Schätzungen zufolge ein Drittel der Bevölkerung in Armut lebt und die Mittelschicht seit Jahrzehnten schrumpft.

Lieber Dollars in der Matratze

Wer nur wenig Geld beiseitelegen kann, der kauft in der Regel bare Dollars und bunkert sie in einem Schließfach oder irgendeinem anderen Versteck. Die Beratungsfirma Estudio Bein & Asociados hat aus Daten der amerikanischen Notenbank errechnet, dass kein anderes Land der Welt pro Kopf der Bevölkerung so viele Dollar-Scheine hortet wie Argentinien. Rund 50 Milliarden Dollar sollen bar in Argentinien liegen, das wären etwa 1300 Dollar je Einwohner. Russland liegt mit 550 Dollar pro Einwohner an zweiter Stelle.

Zu den lokalen Banken bringt man sein Geld bestenfalls für sehr kurzfristige Anlagen. Immer neue Rückschläge haben das Vertrauen der Argentinier in Staat und Banken nachhaltig erschüttert. Anfang der neunziger Jahre wurden kurzfristig angelegte Termingelder mit einem Federstrich der Regierung in zehnjährige Staatsanleihen umgewandelt.

Der sogenannte Bonex-Plan war eine der ersten Maßnahmen der Regierung von Ex-Präsident Carlos Menem im Kampf gegen ein ausuferndes Staatsdefizit, dessen Finanzierung durch die Notenpresse längst zur Hyperinflation geführt hatte. Am Markt wurden die Bonex-Papiere zu weniger als einem Drittel ihres Nennwertes gehandelt. Wer das Geld brauchte, verlor den Großteil seiner Ersparnisse.

Geliehene Stabilität

Mit der gesetzlichen Bindung des Peso an den Dollar ab 1991 lieh sich Argentinien für ein paar Jahre die Stabilität einer fremden, starken Währung. Die Wirtschaft erlebte einen Aufschwung, das Bankwesen erwachte kurz zu neuer Blüte. Doch die Defizite des Staatshaushalts blieben. Statt mit der Notenpresse wurden sie durch die Ausgabe von Anleihen finanziert, die in den Boomzeiten der neunziger Jahre im In- und Ausland reißenden Absatz fanden.

Ein paar Jahre später kam nach einem weltweiten Anstieg der Zinsen, dem Verfall der Rohstoffpreise und Krisen in anderen Schwellenländern auch in Argentinien der nächste Finanzcrash. Ende 2001 fror die Regierung des glücklosen Präsidenten Fernando De la Rúa über Nacht die Bankeinlagen ein, die ein paar Wochen zuvor noch per Gesetz als „unantastbar“ erklärt worden waren. Dollareinlagen wurden zwangsweise in Pesos umgewandelt, der Wechselkurs dem freien Fall überlassen.

De la Rúa trat zurück und musste mit einem Hubschrauber vom Dach des Präsidentenpalastes fliehen, um dem Volkszorn zu entgehen. Die zahlungsunfähige Regierung erklärte mit einem Moratorium über mehr als 100 Milliarden Dollar Schulden die bisher größte Pleite eines souveränen Staates. In harter Währung gemessen, verloren Bankeinlagen und Staatsanleihen bis zu drei Viertel ihres Wertes. Monatelang schlugen wütende Sparer Tag für Tag mit Hämmern und Töpfen an die Tore der völlig verbarrikadierten Banken. Wenngleich die argentinische Volkswirtschaft, getragen vom Rohstoffboom der vergangenen Jahre, erstaunlich rasch wieder Tritt fasste, hat sich das Finanzwesen von diesem Rückschlag bis heute nicht erholt.

Nichts ist dem Staat heilig

In der jüngsten Konjunkturkrise, die teils hausgemacht, teils der globalen Entwicklung geschuldet ist, fand die Regierung von Staatspräsidentin Cristina Kirchner eine neue Beute, um die bedrohlich knapp werdende Staatskasse aufzubessern. Auf Kirchners Initiative beschloss das Parlament Ende 2008 die Übertragung der seit 1994 privat verwalteten Pensionsfonds an die staatliche Rentenkasse. Ein Jahr zuvor hatte die Regierung noch versucht, die Beitragszahler auf freiwilliger Basis zurück in die staatliche Rentenversicherung zu locken.

Vier von fünf Rentensparern blieben indes lieber im privaten System. Nun wurden ihre individuellen Rücklagen zwangsweise an die staatliche Umlagekasse übertragen. Aus den Fonds, die immerhin ein Volumen von etwa 7 Prozent des BIP erreicht hatten, werden nun subventionierte Kredite für den Kauf von Autos, Kühlschränken oder Wohnungen finanziert. Gleichzeitig hat die neuerliche Enttäuschung der Sparer jedoch die Kapitalflucht zusätzlich angeheizt und dem lokalen Markt damit weitere Liquidität entzogen.

„Steine sind Steine“

Nur zwei von zehn argentinischen Familien sind derzeit überhaupt in der Lage, vom laufenden Einkommen etwas zurückzulegen, ergab eine Umfrage der Stiftung Mercado. Die Mehrheit lebt von der Hand in den Mund. „Bezieher von Arbeitseinkommen können heute kaum mehr sparen“, erklärt der Finanzberater Esteban Marx. „In den neunziger Jahren konnte ich ein bisschen vom Lohn zurücklegen“, erzählt der Gartenarbeiter Claudio. „Heute komme ich nur mit Mühe bis ans Monatsende.“ Seine früheren Ersparnisse hat Claudio in ein kleines Grundstück und eine bescheidene Behausung draußen vor der Stadt investiert.

Ob arm oder reich - die Anlage in Immobilien erscheint vielen Argentiniern als die sicherste Anlage. „Steine sind Steine“, lautet ein geflügeltes Wort. Eltern helfen ihren Kindern, möglichst schnell zu einem Eigenheim zu kommen. In der Tradition Südeuropas, von wo die meisten Argentinier stammen, ist der Zusammenhalt in der Familie die wohl wirksamste soziale Absicherung.

Traue Korn und Sojabohne

Ein großer Teil der argentinischen Vermögen wird in der Landwirtschaft erarbeitet. Die Farmer haben ein besonders kritisches Verhältnis zu Staat und Banken. Die einzige Währung, der sie trauen, sind Korn und Sojabohne. Statt Geld auf die Bank zu bringen, horten sie lieber ihre Ernten. Millionen Tonnen Mais und Sojabohnen werden nach der Ernte in lange Plastikschläuche abgefüllt und direkt auf dem Acker gelagert. Aus diesem „Silo Bolsa“ (Sacksilo) wird die Ware je nach Bedarf abverkauft.

Der Mangel an Vertrauen in die Regierung schmälert auch die Erfolgsaussichten einer Initiative zur Amnestie von Schwarzgeldern, mit der Staatschefin Kirchner Fluchtkapital zurücklocken will. Wer bisher verheimlichte Vermögen deklariert, soll bei Erlass aller bis dato fällig gewordenen Steuerschulden lediglich eine Abgabe von 8 Prozent des deklarierten Vermögens zahlen müssen. Wer das Geld im Land anlegt, muss noch weniger zahlen, je nachdem, ob er die Mittel in Staatsanleihen investiert (3 Prozent Abgabe), in Bau- oder Industrieprojekte steckt (1 Prozent) oder bei Banken deponiert (6 Prozent). Die Resonanz auf das noch bis Ende August offene Angebot des Fiskus sei bisher äußerst gering, heißt es.

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