Home
http://www.faz.net/-gvt-6wy2x
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ratingagentur S&P Unternehmen müssen kaum um ihr Rating bangen

19.01.2012 ·  Die meisten Konzerne in Europa sind gut finanziert und müssen nicht um ihre Ratingnote fürchten. Die Summe der Zahlungsausfälle dürfte 2012 aber leicht steigen.

Von Holger Paul, Frankfurt
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

So lange es nicht zu einer heftigen Rezession kommt, müssen die meisten Konzerne in Europa wohl nicht um ihre Ratingnote fürchten. „Der Ausblick ist heute viel besser als im Krisenschlussquartal des Jahres 2009, die Unternehmen werden den Sturm meistern können“, sagte Tobias Mock, Geschäftsführer und leitender Analysemanager der Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P), in einem Pressegespräch. Knapp 680 Konzerne in Europa lassen derzeit ihre Bonität von S&P bewerten.

Lediglich 19 Prozent davon hätten einen negativen Ausblick, zum Jahresende 2009 seien es 37 Prozent gewesen. 75 Prozent der bewerteten Unternehmen wiesen nach wie vor einen stabilen Ausblick in ihrer Bonitätseinschätzung auf. Zwar werde die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Insolvenzen und Zahlungsausfällen kommt, in diesem Jahr mit der Abschwächung der Wirtschaft insbesondere in Europa ansteigen, räumte Mock ein. „Aber dieser Anstieg wird viel moderater sein als 2009“, fügte er hinzu.

Viele Familienbetriebe haben kein öffentliches Rating

Entscheidend sei, dass viele Unternehmen seit der vergangenen Krise den Aufschwung genutzt hätten, ihre Finanzkraft zu stärken. Rund 80 Prozent der Konzerne aus dem europäischen S&P-Universum verfügten über eine ausreichende Liquidität, sprich: Sie wären in der Lage, ihre Kreditschulden der nächsten zwölf Monate tilgen zu können, erläuterte Mock: „Die Unternehmen haben einen guten Job gemacht.“

Die Ratingbestnote „AAA“, also eine besonders niedrige Zahlungsausfallwahrscheinlichkeit, hat in Europa allerdings kein Konzern mehr. Und auch im Rest der Welt gibt es lediglich vier Unternehmen mit diesem Gütesiegel (Exxon Mobil, Microsoft, Johnson & Johnson sowie Automatic Data Processing). Mit der nächstbesten Note „AA+“ kann sich in Europa zum Beispiel der Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé rühmen. Allerdings lassen sich meist nur Unternehmen bewerten, die am Kapitalmarkt mit Aktien oder Anleihen notiert sind, viele Familienbetriebe mit großer Finanzkraft haben kein öffentliches Rating.

Praktisch keine Zahlungsausfälle bei gut benoteten Konzernen

Anders als in früheren Abschwungphasen seien nun defensive Branchen wie Versorger oder Telekommunikation stärker von einer Ratingherabstufung gefährdet als zyklische Segmente wie Industriezulieferer oder Technologiekonzerne, hieß es. Mock begründete dies mit höheren Gefahren für Unternehmen, die überwiegend in Europa agieren. „Die Kreditqualität differenziert sich darin, ob es gelingt, Wachstum auch außerhalb Europas zu generieren, und wie stark man in den Wachstumsstaaten wie China oder Brasilien vertreten ist“, erläuterte er. Unternehmen, die stark vom Verbrauchervertrauen in den europäischen Ländern abhängen oder einen hohen Staatseinfluss - etwa als Großaktionär - haben, seien dagegen stärker in ihrer Kreditqualität gefährdet. Die größten Risiken sieht S&P derzeit im Transportsektor, der unter einer Wirtschaftsabschwächung in Europa direkt leiden würde, etwa weil weniger Fracht über die Straßen und Schienen rollt.

Die Bonitätsprüfer haben für ihre Einschätzung als Basisszenario eine leichte Rezession im Euroraum im ersten Halbjahr 2012 angesetzt, mit nachfolgender Erholung, die zu einem Wachstum im Gesamtjahr von 0,4 Prozent führen würde. Auch unter diesen Annahmen würde die Ausfallquote von zuletzt sehr niedrigen Werten (weniger als 4 Prozent) wieder über den langfristigen Mittelwert von 4,2 auf 6,1 Prozent ansteigen, prognostizieren sie. Diese Quote bezieht sich nur auf Unternehmen, die ohnehin schon eine niedrige Bonitätsnote haben („BB+“ oder schlechter), da es unter den gut benoteten Konzernen praktisch keine Zahlungsausfälle gibt, wie Mock erläuterte.

Nur ein deutscher Betrieb unter den „schwächsten Gliedern“

Für dieses Konjunkturszenario setzt S&P eine Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent an. Komme es doch zu einer schweren Rezession, würde die Ausfallquote auf 8,4 Prozent steigen, lautet die Prognose. „Dann würde es auch deutlich mehr negative Ausblicke geben, aber nur moderat mehr Herabstufungen“, sagte Mock. Auch dies wäre nicht mit der Fülle an Herabstufungen aus 2009 vergleichbar.

Im vergangenen Jahr registrierte S&P in Europa nur vier Konzerne mit einem öffentlichen Rating, die zahlungsunfähig wurden. Hinzu kamen geschätzte 30 weitere Unternehmen ohne Rating, so dass sich eine Gesamtsumme an nichtbedienten Krediten von 19,5 Milliarden Euro ergab. Auf der S&P-Liste der „schwächsten Glieder“ in der Kette („weakest links“) taucht mit dem Waffenhersteller Heckler & Koch (Ratingnote CCC, Ausblick negativ) aktuell nur ein deutscher Betrieb auf.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
25.05.2012 22:03 Uhr
  Vortag
BUND 144,35 +0,25%
 OK
Zinsen
25.05.2012 11:45 Uhr
  Vortag
REXP 422,77 +2,82%
 OK