Es kann kaum überraschen: Die Rating-Agentur Moody's hat die Bonitätsnote Japans gesenkt und beurteilt die Kreditwürdigkeit des Landes nunmehr mit „Aa3“ statt „Aa2“, mithin immer noch der viertbesten Note, die die Agentur zu vergeben hat. Damit befindet sich Japan in guter Gesellschaft: Etwa der von Chile oder China, Ländern also, um deren Kreditwürdigkeit sich die wenigsten Anleger Sorgen machen.
Dass es indes mit Japan nicht so weit her ist, zeigt die Tatsache, dass Moody's das Land damit hinter Slowenien, Italien und Spanien und sogar zwei Noten unter Belgien einordnet, Staaten also, um deren Bonität sich die Anleger doch wieder schon ihrer Gedanken machen.
Nur Zimbabwe hat mehr Schulden
Maßgeblich für die Entscheidung sei auch die anhaltende politische Instabilität in Tokio gewesen, die den Analysten Sorgen macht, dass Japan seiner riesigen Schulden nicht Herr wird. Angesichts der Zerstrittenheit in der Regierungspartei DPJ sowie der Patt-Situation im Parlament könnte die Regierung nicht in der Lage sein wird, die geplante Steuerreform anzupacken. Die Opposition hält die Mehrheit im Oberhaus und kann damit Gesetzesvorhaben der Regierung erschweren.
Grund der schlechteren Einstufung sind letztlich das hohe Haushaltsdefizit sowie die Staatsschulden. Das Ausmaß der japanischen Schulden sucht in der Welt Vergleichbares. Nach Daten der OECD betrug sie brutto zu Jahresbeginn 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und dürfte zum Jahresende 213 Prozent erreicht haben. Selbst Griechenland kommt mit 147 Prozent zu Jahresbeginn da nicht heran. Nach Angaben aus dem CIA World Factbook wird die japanische Staatsverschuldung nur noch von Zimbabwe (234 Prozent) übertroffen. Griechenland kommt nach den karibischen Inseln Saint Kitts and Nevis nur auf Platz 4.
Den Sprung an die Spitze der Schuldenländer innerhalb der OECD tat Japan erstmalig im Jahr 1999, als das Land Belgien und Italien überholte. Während die Verschuldung Italiens sich seitdem nicht wesentlich veränderte und die Belgiens sogar sank, stieg die Japans unaufhörlich weiter und ist seit 1993 um das 2,7fache gestiegen. Damals rangierte Japan mit einer Verschuldung von 74 Prozent des Bruttoinlandsprodukts noch hinter Schweden und nur knapp vor den Vereinigten Staaten.
Der Staat leiht sich von den Bürgern
Der massive Schuldenanstieg begann im Gefolge der japanischen Immobilien- und Finanzkrise zu Beginn der Neunziger Jahre, der eine lang anhaltende Bankenkrise folgte und durch die Japan in eine chronische Deflation abrutschte. Dies war Folge einer zunächst zögerlichen Haltung bei den Ausgaben, die zu einer Verfestigung der Krise führten. Die Folge war eine wirkungslose Schuldenspirale aus der es jetzt kaum noch ein Entkommen gibt. Denn fährt der Staat die Ausgaben zurück und erhöht er die Steuern, so würde dies deflationäre und depressiv wirken, was die Krise weiter verfestigen würde mit der Folge, dass eine Lösung der Schuldenproblematik auf diesem Weg kaum noch möglich erscheint.
Der Staat konnte sich das Ausgabeverhalten bisher nur leisten, weil die japanischen Sparer eine sehr hohe Sparquote hatten - die aber gleichzeitig Mitverursacher der Krise war, da so der Konsum nicht in Gang kam. Das geht nicht zuletzt darauf zurück, dass Japan die älteste Bevölkerung der Welt hat, sieht man einmal von Monaco ab. Diese spart zum einen mehr, zum anderen investiert sie vorzugsweise in (vermeintlich) sichere Anlagen, so dass Japan vor allem im Inland verschuldet ist.
Dies ist auch der Grund dafür, dass die Kurse japanischer Staatsanleihen von der Rating-Änderung unbeeindruckt blieben. Noriatsu Tanji von der Barclays Capital wies zudem darauf hin, dass eine Herabstufung für Japan nichts Neues sei. Bereits im Jahr 2002 hatte Moody's die Bonitätsnote des Landes bis auf A2 gesenkt und sie erst ab 2007 schrittweise wieder erhöht. „Die jüngste Abwertung setzt die Kreditwürdigkeit Japans auf ein Niveau, das das Land schon kennt“, sagte Tanji.
Märkte unbeeindruckt
Dagegen verzeichnete der Aktienmarkt mit Kursabschlägen. Die Tokioter Börse schloss mit einem Minus von mehr als einem Prozent. Auch an den europäischen Börsen werden Reaktionen erwartet. Die Herabstufungen der Bonität hoch verschuldeter Länder, wie zuletzt die der Vereinigten Staaten durch Standard & Poor's, wird für die jüngsten Kursabstürze verantwortlich gemacht.
Indes könnten die Abgaben ähnlich wie die weitere Befestigung des Yen-Kurses auch darauf zurückgehen, dass die Ankündigung des japanischen Finanzministeriums, gegen die Aufwertung weitere 100 Milliarden Dollar einzusetzen, auf Enttäuschung stieß und den Arbitragegeschäften, bei denen Anleger die niedrigen Zinsen in Japan zur Kreditaufnahme nutzen, um die Gelder in Hochzinsländern unterzubringen (Carry Trades) nicht stoppen konnten.
Der japanische Finanzminister Yoshihiko Noda bekräftigte jedoch, dass das Vertrauen in japanische Staatsanleihen weiterhin ungebrochen sei. Auch Moody's betonte, dass Japan wegen seiner Wirtschaftskraft und der verlässlichen inländischen Kapitalausstattung in der Lage sei, sich mit geringeren Ausgaben zu finanzieren als jede andere Industrienation.
Zukunftsweisend
Allerdings hat sich das Problem Japans dahingehend zugespitzt, als die Sparquote deutlich gefallen ist. Betrug sie Anfang der Neunziger Jahre noch zwischen 12 und 15 Prozent, so fiel sie 2007 unter 3 Prozent, erholte sich zuletzt aber wieder etwas, liegt aber dennoch unter der in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien. Japan ist also gezwungen, seine Ausgaben zunehmend einzuschränken oder die Abgaben zu erhöhen. Das bedeutet aber letztlich, dass sich die Deflation weiter perpetuiert.
Vor allem aber macht Japan als Menetekel für den Rest der Welt Sorgen, ganz besonders für Deutschland. Denn die deutsche Bevölkerung ist nach Japan die älteste der Welt, knapp vor der italienischen. 13,1 Prozent der Japaner sind unter 14 Jahren alt. In Deutschland sind es 13,3, in Italien 13.8 Prozent. Dafür sind knapp 23 Prozent der Japaner älter als 65 sowie 20,6 Prozent der Deutschen und 20,3 Prozent der Italiener. Deutschlands Staatsverschuldung liegt bei rund 87 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Durch die Einbeziehung der faulen Schulden maroder Banken ist sie gegenüber 2008 um 17 Prozentpunkte gestiegen.
Allerdings hat sich davon abgesehen die deutsche Staatsverschuldung seit 2004 nicht wesentlich verändert. Zudem befindet sich die deutsche Wirtschaft nicht in einer Deflation. Allerdings stagniert der Binnenkonsum schon lange. Ähnlich wie in Japan kommen konjunkturelle Impulse aus dem Ausland. Eine Finanzkrise könnte diese Situation gefährden.
Aber auch ohne Krise werden die langfristigen Folgen der weltweiten Schuldenkrise bald zu spüren sein. Denn die Entschuldung der Haushalte wird sowohl die Binnen- als auch die Exportkonjunktur belasten - nicht unbedingt im Sinne einer jähen Krise, sondern eher eines dauerhaft langsamen Wachstums. Dabei eine Deflation und deren Verfestigung zu vermeiden, ist die Herausforderung der Zukunft.