Ähnlich wie man sich nicht den Zusammenbruch der Drogeriekette Schlecker hatte vorstellen können, gab es lange keine Zweifel an der Existenzfähigkeit der Baumarktkette Praktiker. Doch seit Ende Februar gibt es immer mehr Schlagzeilen, die Zweifel daran nähren.
So hatte das Unternehmen die Anleihegläubiger vor wenigen Wochen aufgefordert einer drastischen Zinsanpassung der erst im Vorjahr begebenen Anleihe von 5,875 auf 1 Prozent zuzustimmen. Nun gab Praktiker für das Jahr 2011 einen exorbitanten Verlust von 554 Millionen Euro bekannt. Ein hoher Verlust kam zwar nicht unerwartet, doch fiel dieser deutlich höher aus als die von Analysten erwarteten 369 Millionen Euro.
Alles weniger wert
Schwerer noch wiegt die Tatsache, dass Praktiker vor Sondereffekten einen operativen Verlust von knapp 62 Millionen Euro verbuchte und dieser damit auch höher ausfiel als die prognostizierten 23,6 Millionen Euro. Was Wunder also, wenn der Aktienkurs, der auf Sicht von 5 Jahren um mittlerweile 92 Prozent gefallen ist, am Mittwoch um mehr als 10 Prozent abrutscht.
Grund für die hohen Verluste sind unter anderem die Kosten der geplanten Restrukturierung der Grund. Insgesamt belasteten Sondereffekte von 473 Millionen Euro das Vorsteuerergebnis. Der Wert des Vorratsvermögens wurde um knapp 70 Millionen Euro reduziert, Abschreibungen auf das Anlagevermögen und Rückstellungen für belastende Verträge kosteten knapp 148 Millionen Euro und die Geschäfts- oder Firmenwerte sanken um knapp 160 Millionen Euro. Der größte Teil dieses Sonderaufwandes war bereits zur Jahresmitte angefallen. Die Restrukturierungsmaßnahmen veranschlagte Praktiker mit 96 Millionen Euro.
Schlecker-Parallelen und -Unterschiede
Parallelen zu Schlecker liegen auf der Hand. Praktiker hat sich in den vergangenen Jahren mit Rabattaktionen wie „20 Prozent auf alles“ als Billigheimer positioniert, ohne aber entsprechend große Kostenvorteile zu haben. Die Aktionen brachten vor allem Umsatz, aber zuletzt keinen Gewinn mehr. Und als das Unternehmen die Aktionen abschaffte, brach das Geschäft ein. Wettbewerber wie OBI, Hagebau oder Hornbach knöpfen dem Konzern Marktanteile ab. Hornbach verzeichnete im Geschäftsjahr 2010/2011 einen Gewinnanstieg, wenngleich das Niveau des Rekordjahres 2008/2009 nicht erreicht wurde.
Doch gibt es auch Unterschiede: Zum Konzern gehört auch die Kette Max Bahr, die eine bessere Entwicklung genommen hat. Doch der operative Gewinn der weniger als halb so großen Kette konnte in den ersten neuen Monaten des vergangenen Jahres die Verluste der Marke Praktiker nicht ausgleichen.
Auslands-Desaster
Auch das Auslandsgeschäft läuft nicht wie erwünscht, allzumal Praktiker ausgerechnet in Krisenländern wie Griechenland oder Rumänien zahlreiche Märkte betreibt. Flächenbereinigt fielen die Euro-Umsätze in Rumänien in den ersten neuen Monaten des Jahres 2011 um 26 Prozent, in Griechenland um 13 und in Polen um knapp 8 Prozent. Lediglich in der Ukraine wuchsen sie um knapp 5 Prozent. Doch die drei erstgenannten Länder stehen immer noch für knapp zwei Drittel des Auslandsumsatzes.
Der amtierende Vorstandsvorsitzende und Sanierungsspezialist Thomas Fox will den Konzern mit einem Sparprogramm und dem Abbau von mehr als 1000 Stellen wieder in die schwarzen Zahlen führen. Die Marke Praktiker soll ganz auf den Discount ausgerichtet werden, die Preise herabgesetzt und die Sortimente noch stärker gestrafft werden. Max Bahr soll als Qualitätsmarke noch serviceorientierter aufgestellt werden.
Großaktionäre wollen eingreifen
Doch das kostet 300 Millionen Euro, derweil die verfügbaren Zahlungsmittel auf 148 Millionen Euro gefallen sind. Offen ist unter anderem, wie Fox dafür an frisches Geld von alten oder neuen Gläubigern oder von seinen Aktionären kommt. Immerhin haben sich die Großaktionäre Semper Constantia und Maseltov bereit erklärt, sich an Kapitalerhöhungen und sonstigen Kapitalmaßnahmen zu beteiligen, um Praktiker gegebenenfalls mit ausreichend Eigenkapital und Liquidität auszustatten.
Sie wollen ihren Einfluss ausweiten und zerschlagen. Das Osteuropa-Geschäft soll verkauft werden. Dies könnte 50 bis 70 Millionen Euro bringen. Weitere 120 Millionen Euro könnten laut Maseltov über eine Wandelanleihe aufgetrieben werden. Weitere Neuigkeiten werden auf der für Donnerstag angesetzten Bilanz-Pressekonferenz erwartet.
„Mir fehlt die Phantasie“
Kritisch bis pessimistisch gibt sich Analyst Sebastian Frericks vom Bankhaus Metzler. „Mir fehlt die Phantasie, wie das Unternehmen aus diesem Schlamassel herauskommen soll“, sagt etwa. Dabei sind seiner Ansicht nach weniger die zum Teil bekannten Wertberichtigungen ein Grund zur Sorge, sondern die bislang offenbar nicht gelungene Einigung mit den Anleihegläubigern.
Noch dazu sei die Reihenfolge unüblich, mit der Praktiker bei den Sanierungsbemühungen vorgegangen sei. „Normalerweise müssen zunächst die Aktionäre über eine Kapitalerhöhung bluten, erst dann sind die Anleihegläubiger an der Reihe“. Daher habe er den Eindruck, dass potentielle Kapitalgeber einen Forderungsverzicht zur Voraussetzung für die Bereitstellung weiterer Mittel gemacht hätten. Fredericks sieht dadurch das ganze Finanzierungskonzept für die Restrukturierung in Frage gestellt.
Mögliche Kapitalerhöhung macht Aktie weniger interessant
Praktiker ist und bleibt eine Sanierungswette. Wenn das Unternehmen noch rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkannt und die Wende eingeleitet hat, so kann dies gut gehen. Indes sind Investitionen in die Aktie sehr risikobehaftet. Denn selbst wenn alles gut geht, dürfte eine Kapitalerhöhung folgen, die je nach Umfang den Aktienkurs immens verwässern könnte. Bei einer aktuellen Marktkapitalisierung von 109 Millionen Euro dürfte es wohl eher um den Faktor drei aufwärts gehen.
Sicherer ist da noch die Anleihe, die bei einem Kurs von rund 38 Prozent auch bei einer Zinsaussetzung noch eine Rendite von 30 Prozent bietet. Das setzt allerdings voraus, dass es nicht zu einem umfangreicheren Forderungsverzicht kommt.
Praktiker 411 Rix-Punkte
Ingo Bernhard (Bernhard1965)
- 28.03.2012, 14:34 Uhr