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Ölpreisverfall : Venezuela am Rand des Kollaps’

Der Bolivar ist nicht frei tauschbar. Bild: Reuters

Der Ölpreisverfall bringt die Förderländer unter Druck, besonders die anfällige Wirtschaft Venezuelas. Doch die Regierung zeigt keine Bereitschaft zur Änderung.

          Der fallende Ölpreis setzt die Förderländer unter Druck. Die norwegische Krone hat seit August um 25 Prozent gegenüber dem Dollar abgewertet und bei 7,693 Kronen für den Dollar den höchsten Stand seit 2002 erreicht. Russland, das schon der Ukraine-Konflikt belastet, leidet unter dem Verfall des Rubels, dessen Dollarkurs seit August um gut 90 Prozent gestiegen ist. Im Frühjahr könnte die Inflationsrate auf 15 bis 17 Prozent steigen, meldet zudem am Mittwoch die russische Nachrichtenagentur TASS. Derzeit liegt die Preissteigerung bei gut 11 Prozent. Auch die Wachstumsrate fällt.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Am härtesten trifft es aber die vom Öl abhängige Wirtschaft Venezuelas. Am Dienstag senkte die Ratingagentur Moody’s die Bonitätsnote des Landes um zwei Stufen auf „Caa3“. Dies ist die schlechteste Note, die die Agentur vergibt. Die Gefahr einer Staatspleite sei deutlich gestiegen. Hauptgrund für die Herabstufung sei der Verfall des Ölpreises wegen seiner Auswirkungen auf die Zahlungsbilanz und die Devisenreserven des Landes. Die Rendite der im März fälligen, mit 7 Prozent verzinsten venezolanischen Anleihe im Volumen von 1 Milliarde Euro steht derzeit bei gut 55 Prozent. Die Preise der Kreditabsicherungen implizieren die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls von 75 Prozent innerhalb der kommenden 12 Monate.

          Druck auf eine angeschlagene Wirtschaft

          Venezuela trifft der Ölpreisverfall noch härter, weil die Landeswährung Bolivar nicht frei tauschbar ist. Der fallende Ölpreis in Dollar schlägt damit auf die Bolivar-Einnahmen des Staates und der Ölindustrie durch. Das ist aber allein nicht das Problem. Die Subventionierung von Gütern des täglichen Bedarfs hat zu blühenden Schwarzmärkten mit gleichzeitigen Versorgungsengpässen geführt. Außerdem gibt es durch den festen Wechselkurs von 6,30 Bolivar einen Schwarzmarkt für Devisen, auf dem für einen Dollar gut das Doppelte bezahlt wird - oder erheblich mehr.

          Die Ungleichgewichte führen dazu, dass Waren des täglichen Bedarfs knapp sind. So berichtet das Nachrichtenportal Amerika21 etwa von der Firma Zuli Milk, die Milchpulver zu 70 Bolívares pro Kilo importierte, um es für 240 Bolivares weiterzuverkaufen. Ein Teil der Vorräte wurde auf dem Schwarzmarkt für 500 Bolivares verkauft. Bei solchen Gewinnspannen lohnt auch die Devisenbeschaffung zu höheren Schwarzmarktkursen.

          Der Staat reagiert auf solche Fälle mit Beschlagnahmungen und Verteilungen, was das Problem verschärft. Zudem wurde jetzt ein Plan vorgestellt, mit dem die Nahrungsmittelversorgung verbessert werden soll. Er sieht vor, die Lagerbestände privater Verteiler und Händler systematisch zu ermitteln und landesweit Kontrolleure einzusetzen, die dafür sorgen sollen, dass die Waren tatsächlich ihren Weg in den Laden finden. Auch diese institutionalisierte Mangelwirtschaft kann das Problem nicht lösen.

          Der Schmuggel floriert. Im vergangenen Jahr stellten die Behörden etwa 12 Millionen Liter Benzin sicher, die illegal außer Landes gebracht werden sollten. Denn während in Venezuela der Liter Benzin dank Subventionen 2 amerikanische Cent (!) kostet, werden im benachbarten Kolumbien 98 Cent bezahlt.

          Furcht vor unpopulären Sofortmaßnahmen

          Siobhan Morden, Renten-Analystin bei der amerikanischen Investmentbank Jefferies, sieht eine kurzfristige Lösung nur in der Erhöhung der Benzinpreise und der Abwertung des Bolivar. Doch Präsident Moduro scheut vor diesen unpopulären Maßnahmen angesichts der gespannten politischen Lage zurück. Der Finanzminister hat zwar Änderungen am Wechselkurssystem angekündigt, doch die Erwartungen sind nicht hoch. Maduro zeige wenig Führungsqualitäten, sagte etwa Jorge Piedrahita, Chef der Investmentbank Torino Capital der Nachrichtenagentur Bloomberg.

          An der Rhetorik der Regierung hat sich nichts geändert: Es gebe eine internationale Verschwörung, um Venezuela bankrott erscheinen zu lassen, sagt Maduro. Und sein Vorhaben, ein gemeinsames Vorgehen der OPEC über den Ölpreis zu erreichen, sei an einer Diskreditierungskampagne internationaler Organisationen gescheitert.

          Die Hoffnungen des Landes und auch manches Investors ruhen auf China. Das Reich der Mitte hat die Südamerikaner im vergangenen Jahrzehnt mit Krediten von mehr als 45 Milliarden Dollar unterstützt, zumeist als Gegenleistung für Öllieferungen. Auch jetzt verbucht Maduro neue Investitionsvereinbarungen im Volumen von 20 Milliarden Dollar als Erfolg.

          Es sei indes die Frage, wie viel von diesen 20 Milliarden als Geldspritze zur Verfügung stünden, sag Risa Grais-Targow vom Schwellenländer-Analyseinstitut Eurasia. Michael Ganske, Leiter der Schwellenländerabteilung des Vermögensverwalters Rogge Capital, setzt darauf, dass Maduro einen Zahlungsausfall vermeiden will, weil dieser für ein ölexportierendes Land mehr Schaden als Nutzen anrichte. Das sei natürlich eine riskante Strategie, räumte er gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg ein.

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