Home
http://www.faz.net/-gvt-713ra
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Notenbanken EZB vor Senkung des Leitzinses

 ·  Auf den Kapitalmärkten gilt die Senkung des Leitzinses durch die EZB auf 0,75 Prozent als sicher. Die Bank könnte zudem Erleichterungen für Banken beschließen.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (5)
© Röth, Frank Hier fallen die Würfel: Tagungsraum des EZB-Rats in Frankfurt

Die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor einer weiteren geldpolitischen Lockerung. Auf den Kapitalmärkten hat sich die Erwartung verfestigt, dass die EZB ihren Leitzins an diesem Donnerstag um mindestens 0,25 Prozentpunkte auf 0,75 Prozent reduzieren wird. Trotz der Inflationsrate von 2,4 Prozent, die klar über dem Zielwert von knapp 2 Prozent liegt, halten einige Beobachter sogar eine Senkung auf 0,5 Prozent für möglich. Dem wird jedoch auf dem Geldmarkt nur eine geringe Wahrscheinlichkeit beigemessen. Dagegen ist der kleine Zinsschritt weitgehend in den Terminsätzen enthalten.

Auch die meisten Ökonomen der Banken rechnen fest mit einer Zinssenkung. Nur 23 der 71 von Reuters befragten Fachleute sagen eine abwartende Haltung der EZB. Alle anderen rechnen mit einer Zinssenkung. Käme es dazu, wäre das der niedrigste Leitzins, den es jemals in den Ländern des Euroraums gegeben hat. Gesenkt würden voraussichtlich auch der Einlagesatz, zu dem Banken überschüssiges Geld über Nacht bei der Zentralbank anlegen kann. Dieser Satz liegt jedoch schon bei nur noch 0,25 Prozent und fiele bei einer Senkung im üblichen Umfang auf null.

Zuletzt schwaches Geldmengenwachstum

Da die EZB bislang jedoch immer vor den negativen Folgen einer Nullzinspolitik auf dem Geldmarkt gewarnt hat, erwarten einige Fachleute, dass der Abstand zwischen Einlagezins und dem Zins, zu dem Geld an die Banken verliehen wird, verringert wird. Wenn der eigentliche Leitzins also auf 0,75 Prozent gesenkt würde, könnte der Einlagenzins zum Beispiel bei 0,1 Prozent liegen. Einige Notenbanker erhoffen sich, dass durch den niedrigen Einlagezins der Anreiz für die Banken wächst, überschüssiges Geld an die Konkurrenz zu verleihen oder besser noch Kredite an die Wirtschaft zu vergeben. Diese Neigung ist jedoch in den vergangenen Monaten kaum größer geworden. Das Geldmengenwachstum und die Daten zur Kreditvergabe waren zuletzt schwach. Da auch die Inflationsrate - wenn auch von erhöhtem Niveau aus - sinkt, erkennen die Fachleute der Banken einen größeren geldpolitischen Spielraum für die EZB. Zumal die Arbeitslosenquote im Euroraum mit gut 11 Prozent einen Rekordwert erreicht hat.

Nach dieser Lesart könnte der EZB-Rat zusätzlich zu einer Zinssenkung auch weitere Erleichterungen für die Banken beschließen. Am Dienstag überraschte die EZB jedoch zunächst mit einer Verschärfung bei der Beleihung von Bankenanleihen. Die Banken dürfen zwar weiterhin ihre eigenen Anleihen vom Staat garantieren lassen und dann als Pfand bei der Notenbank einreichen. Die Höchstsumme ist jedoch auf das begrenzt, was die jeweilige Bank schon als Sicherheit verwendet. Der Rat könne zwar Ausnahmen beschließen, doch dann müsse es einen Finanzierungsplan geben, heißt es in einer am Dienstag veröffentlichten Regelfestlegung für den Sicherheitenrahmen.

Auf diese Verschärfung könnten allerdings am Donnerstag Lockerungen der Sicherheitenregeln folgen, wird in Bankenkreisen vermutet. So könnten zum Beispiel die Anforderungen an die Beleihung von Einzelkrediten reduziert werden. Auch ein weiteres Finanzierungsgeschäft mit der ungewöhnlich langen Laufzeit von drei Jahren wird auf den Märkten für möglich gehalten, gilt wegen der ohnehin großen Überschussliquidität jedoch also Option mit geringerer Wahrscheinlichkeit.

Seit Jahresbeginn fast keine Anleihen gekauft

Als relativ sicher gilt jedoch die Zinssenkung. Dabei ließe sich allein nach den eigenen Prognosen der EZB für Inflation und Wachstum daran zweifeln. Denn die haben die Fachleute der Zentralbank zuletzt nur marginal korrigiert. Geht man nach den Erfahrungen der Vergangenheit - im Fachjargon wird dieses Verfahren Taylor-Regel genannt -, wäre vom EZB-Rat am Donnerstag eine Zinspause zu erwarten. Entsprechend umstritten dürfte die Entscheidung im Rat sein, der schon im Juni nicht einstimmig entschieden hat.

Eine Wiederaufnahme des Programms für den Ankauf von Staatsanleihen gilt derzeit als ausgeschlossen. Die EZB hat seit Jahresbeginn fast keine Anleihen mehr gekauft. Zudem dürfte die Wirkung auf die Marktpreise begrenzt sein, da die Notenbank bei der Umschuldung Griechenlands keine Verluste hinnehmen musste und als bevorrechtigter Gläubiger behandelt wurde.

Erschöpfte Zentralbanker

Die Krise geht an die Substanz. Zumindest klagen die Beschäftigen der Europäischen Zentralbank über zu große Arbeitsbelastung und Erschöpfung. Ihre Gewerksschaft IPSO warnt nun vor den Folgen: „Die EZB ist nicht ausreichend mit Personal ausgestattet, um ihre gegenwärtigen Aufgaben zu erfüllen, geschweige denn die künftigen“, warnt IPSO-Chef Marius Mager in einem Brief an EZB-Präsident Mario Draghi und fordert eine Aufstockung des Personals.

Die Gewerkschaft hat ihre rund 1500 Mitglieder nach deren Belastung befragt und von etwa der Hälfte eine Antwort erhalten. Demnach klagen 75 Prozent über eine dauerhaft hohe Belastung. Ebenso viele leisten Überstunden, fast alle ohne Kompensation. Ein Drittel der Befragten habe über eine Verschlechterung der Situation in den vergangenen Jahren geklagt, schreibt Mager, und jeder Fünfte fürchte negative Auswirkungen für den Rest seines Lebens. Mager sagt, es gebe bereits Mitarbeiter, die an einem Erschöpfungssyndrom (Burnout) leiden. Ihm sei eine „Handvoll“ bekannt, weitere könnten ihr Leiden verschwiegen haben. „Jeder Einzelne ist einer zu viel“, sagt der Gewerkschafter. (ruh.)

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Emittenten-News
Anzeige
Für die Inhalte sind die Emittenten verantwortlich
Weitersagen

Jahrgang 1968, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Wertpapiersuche
Renten und Zinsen
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Bund Future --  --
  Bobl Future --  --
  Euribor Future --  --
  REX (Kurs) --  --
  REX --  --
  Schatz Future --  --
  Libor EUR 1W --  --
  Libor USD 1W --  --
Zinsen