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Zertifikate und ETFs

Neuer Tiefpunkt Ausnahmezustand bei Unternehmensanleihen

Ein neuer Tiefpunkt für europäische Unternehmensanleihen: Die Risikoprämien gegenüber sicheren Staatsanleihen bewegen sich auf Rekordhöhen. Doch die Anleger bleiben zurückhaltend. Der Handel funktioniert nur noch eingeschränkt.

© F.A.Z. Vergrößern

Die Stimmung auf dem Markt für europäische Unternehmensanleihen erreicht in diesen Tagen einen neuen Tiefpunkt. Zu Beginn dieser Woche lagen beispielsweise Schuldtitel mit zehn Jahren Laufzeit und einer guten Bonität des Emittenten (Note „A“) 2,73 Prozentpunkte über der Rendite einer vergleichbaren Bundesanleihe. Für eine nur etwas schlechtere Bonität (Note „BBB“) betrug der Abstand sogar 5,54 Prozent. „Die Renditedifferenz zu Staatsanleihen hat jetzt ein bisher noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht“, stellt Ad van Tiggelen, Anlagestratege von ING Investment Management, fest.

Für die Besitzer von Unternehmensanleihen bedeutet der Renditeanstieg empfindliche Kursverluste, die durch die Einnahmen aus den Kuponzahlungen nicht mehr ausgeglichen werden können (siehe Grafik). Ein Einstieg wird dagegen angesichts der hohen Risikoprämien immer attraktiver - vor allem für Anleger, die entsprechende Anleihen ohnehin bis zur Fälligkeit halten wollen und für die die Kursentwicklung während der Laufzeit deshalb eine vernachlässigenswerte Größe ist. Der Autokonzern Daimler musste vor einer Woche beispielsweise einen Zinskupon von 9 Prozent bieten, um genug Abnehmer für eine Anleihe zu finden, die in drei Jahren wieder zurückgezahlt wird.

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Der Markt ist ausgetrocknet

Übertragen auf die erwartete Zahlungsunfähigkeit von Anleiheemittenten, nehmen die aktuellen Risikoprämien eine Ausfallrate für Unternehmen mit einer derzeit guten Bonität (Investment Grade) von 21 Prozent und für Unternehmen mit einer unterdurchschnittlichen Bonitätsausstattung (High Yield) von 59 Prozent vorweg. Aktuell liegt die Ausfallrate von Investment-Grade-Anleihen nahe null und für Hochzinsanleihen unter 15 Prozent. Vor diesem Hintergrund signalisieren die Märkte eigentlich eine künftige Depression, die über das Ausmaß der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933 hinausgeht.

Allerdings funktioniert der Handel mit Unternehmensanleihen derzeit nur eingeschränkt. Das Ausfallrisiko darf gerade jetzt nicht als einziger Indikator für die Preisbildung herangezogen werden. Eine entscheidende Rolle spielt derzeit die kaum vorhandene Liquidität. Der Markt ist ausgetrocknet, gleichzeitig stehen einige Großanleger unter einem extremen Verkaufsdruck - diese Mischung sorgt für stark verzerrte Kurse auf diesem Markt. „Viele Unternehmensanleihen befanden sich im Besitz von Hedge-Fonds und anderen Investoren, die mit geliehenem billigen Geld hochrentierliche Anlagen aufkauften“, sagt ING-Stratege van Tiggelen. „Mittlerweile sehen sich diese Investoren massiven Kapitalabflüssen gegenüber und sind daher gezwungen, die Unternehmensanleihen in ihren Beständen zu regelrechten Dumpingpreisen abzustoßen.“

Die Verwerfungen an den Märkten schränken derzeit auch die Möglichkeiten zum Erwerb von Unternehmensanleihen ein. Interessierte Privatanleger berichten, dass von Händlern absurd hohe Spannen zwischen Kauf- und Verkaufskurs verlangt werden, die einen Kauf unattraktiv machen. Als eine Alternative bieten sich deshalb börsengehandelte Indexfonds, die die Wertentwicklung von Marktbarometern für Unternehmensanleihen nachvollziehen, oder Rentenfonds mit einer Ausrichtung auf Unternehmensanleihen an, mit denen zudem eine Risikostreuung der Emittenten erreicht wird.

Eine abwartende Haltung für Industrieanleihen

Für die Kreditanalysten der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) ist eine Unterscheidung von Industrieunternehmen und Banken für den Anlageerfolg von zentraler Bedeutung. Für Industrieanleihen empfehlen sie angesichts des Wirtschaftsabschwungs noch eine abwartende Haltung. Anleihen von Großbanken würden dagegen dank der beschlossenen staatlichen Hilfspakete eine hohe Sicherheit bei gleichzeitig hohen Renditeaufschlägen bieten.

In ihrem Ausblick auf 2009 führen die LBBW-Analysten ebenso gute Gründe für wie auch gegen einen Einstieg in Unternehmensanleihen an. Einerseits würden die momentanen Risikoprämien selbst unter extremen Annahmen die historisch gesehenen Ausfallraten überkompensieren. Andererseits hätten die Ausfallraten und die Renditeabstände zu sicheren Staatsanleihen in früheren Krisen erst zum Ende einer Rezession ihren Höhepunkt erreicht - dieser Zeitpunkt sei aber längst noch nicht in Sicht.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 10.12.2008, 10:00 Uhr

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