http://www.faz.net/-gv6-76dss

Neuer Notenbankchef : Bank von England zu weiteren Schritten bereit

  • -Aktualisiert am

Kanadier in London: Mark Carney vor dem britischen Finanzausschuss Bild: Reuters

Der Wirtschaftsausblick der englischen Notenbank ist pessimistisch. Das Anleihekaufprogramm wird unvermindert fortgesetzt. Der künftige Notenbankchef Mark Carney wirbt für mehr Flexibilität in der Geldpolitik.

          Großbritannien hält vorläufig an seiner Politik der Quantitativen Lockerung der Geldmenge fest. Die Wirtschaft schlingert so schwach vor sich hin, dass das geldpolitische Komitee der Bank von England am Donnerstag beschloss, die Zinsen auf dem Rekordtief von 0,5 Prozent zu belassen, und 6,6 Milliarden Pfund fällig werdender Staatsanleihen (Gilts) aus dem Notprogramm der Anleihekäufe gleich wieder zu investieren. Die Bank von England hätte darauf theoretisch auch verzichten können, was einem ersten Schritt zur langsamen Rückführung der Anleihekäufe gleich gekommen wäre. Aber mit der Entscheidung bleibt es bei dem Umfang des Anleihekaufprogramms von 375 Milliarden Pfund.

          In einer außergewöhnlichen Stellungnahme betonte das geldpolitische Komitee nach seiner Sitzung, dass die Wirtschaft trotz expansiver Geldpolitik nur ein langsames Wachstum aufzeige, und selbst das unsicher sei. Aber auch wenn sich die Inflation „hartnäckig“ über dem Inflationsziel von 2 Prozent halte, stehe das Komitee bereit, weitere Schritte im Rahmen der expansiven Geldpolitik zu unternehmen. Die britische Regierung und der Ende Juni scheidende Gouverneur Mervyn King haben bereits angedeutet, dass weitere Maßnahmen möglicherweise gerechtfertigt seien.

          Debatte über weitere Beobachtungsgröße

          Die Sondermitteilung erschien am Donnerstag nicht von ungefähr. Denn zur gleichen Zeit wurde der Kanadier Mark Carney, der Anfang Juli den Posten des Gouverneurs der Bank von England übernehmen wird, von dem parlamentarischen Finanzausschuss befragt. Carney plädierte dafür, dass die Richtlinien, nach denen sich eine Notenbank wie die Bank von England zu richten hätten, regelmäßig - in Kanada sind es alle fünf Jahre - überprüft würden. In Großbritannien legt die Regierung das geldpolitische Konzept und Inflationsziel für die Notenbank fest.

          Bilderstrecke

          Die Berufung des kanadischen Notenbankchefs für die Bank von England, hatte in Großbritannien eine große Debatte darüber ausgelöst, ob das strikte Inflationsziel von 2 Prozent möglicherweise um eine weitere Beobachtungsgröße wie das nominale Wirtschaftswachstum ergänzt werden sollte. Die Antworten Carney’s vor dem Finanzausschuss zeigten jedoch, dass ihm weniger daran gelegen ist, die flexible Anti-Inflationspolitik zu ändern, sondern diese Politik stärker zu nutzen, aber auch klarer zu definieren und zu kommunizieren. „Meiner Meinung nach ist die flexible Anti-Inflationspolitik wie sie Großbritannien und Kanada verfolgen das beste geldpolitische Programm. Die Hürde, dies zu ändern, wäre daher in der Tat sehr hoch“, sagte Carney.

          Anwerfen der Notenpresse als Tabu

          Der Kanadier lehnte es ab, das Inflationsziel „opportunistisch“ anzuheben, da dies höhere Inflationserwartungen und Risikoprämien am Markt provoziere. Es könne im Rahmen der flexiblen Anti-Inflationspolitik mehr erreicht werden, wenn neben der Inflation auch auf Größen wie das nominale Wirtschaftswachstum geachtet werde. Letzteres aber müsse auch von der Öffentlichkeit gut verstanden werden, um zu funktionieren. Carney sagte, dass das Konzept schwierig sei, wenn das Wachstumspotential schwer zu erfassen sei und statistische Daten stark revidiert würden. Dies ist in Großbritannien der Fall.

          Eine klare Absage erteilte Carney dem Vorschlag des Chefs der Londoner Finanzaufsicht, Adair Turner. Dieser hatte am Mittwoch dafür plädiert, dass es im Extremfall Zeiten geben könne, in denen das Anwerfen der Notenpresse positive Effekte haben könne, ohne dass dies automatisch in Inflation oder Hyperinflation ende. Turner zitierte in seiner Rede den Präsidenten der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, und dessen Anspielung auf Fausts Mephisto als eine zu negative Stimme. Das Anwerfen der Notenpresse dürfe kein Tabu sein. Carney hingegen erteilte dieser Idee eine scharfe Absage: „Ich kann mir keinerlei Situation vorstellen, wo dies für die Bank von England in Frage käme.“

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Dax ging am Montag auf Talfahrt Video-Seite öffnen

          Nach Jamaika-Aus : Dax ging am Montag auf Talfahrt

          Er verlor zum Handelsstart 0,5 Prozent auf 12.934 Punkte. Ganz so dramatisch sei das Scheitern der Sondierungsgespräche aus Sicht der Märkte aber nicht, hieß es an der Frankfurter Börse.

          Topmeldungen

          Angela Merkel nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen

          Angst in der Union : Merkels schwerer Gang

          Die Ära der Kanzlerin ist noch nicht vorbei. Doch auch in der Union breitet sich die Angst aus. Der Niedergang der Sozialdemokratie ist für CDU und CSU ein Menetekel. Und was nach Merkel kommt, ist ungewiss. Ein Kommentar.

          Mögliche Bedingungen der SPD : Der Preis des Einknickens

          Das Nein der SPD zu einer großen Koalition bröckelt. Für den Gang in ein schwarz-rotes Kabinett dürfte sie mehr als nur einen roten Teppich verlangen. Das steht auf dem Wunschzettel der SPD.
          Hat sie die richtigen Gäste und Themen? Die Moderatorin Sandra Maischberger beherrscht ihr Metier eigentlich aus dem Effeff.

          WDR-Rundfunkrat rügt Talkshows : Populistisch und zugespitzt?

          Der Rundfunkrat des WDR kritisiert die Talkshows von Sandra Maischberger und Frank Plasberg mit harten Worten. Der Sender weist die Vorwürfe zurück. An manchen könnte aber etwas dran sein. Wobei der wichtigste Punkt fehlt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.