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Baufinanzierung

Moody’s, Fitch & Co. Die Welt der Ratingagenturen wird unübersichtlicher

Neben den Branchenriesen wetteifern viele kleine Anbieter um Kunden. Selbst für Solaranlagen gibt es heute standardisierte Noten. Experten wollen diese Aktivitäten reguliert sehen.

© AFP Vergrößern Immer mehr Agenturen, immer mehr Bewertungen

Ratingagenturen sind aus dem Wunsch entstanden, mehr Übersichtlichkeit und Transparenz in die Welt der Anleihen zu bringen. Doch das Geschäft selbst ist so unübersichtlich geworden, dass selbst die Fachleute diese Branche nicht mehr überblicken. „Allein in Deutschland gibt es Dutzende veröffentlichter Ratings für Kapitalmarktanlagen“, sagt Oliver Everling, Geschäftsführer der Rating Evidence in Frankfurt und Autor zahlreicher Bücher über Rating.

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Und es werden eher mehr. Allein für die Bewertung von Krediten und Anleihen hat die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA im vergangenen Jahr sechs Agenturen eine Lizenz erteilt. Heute dürfen neben den lange etablierten Agenturen Moody's, Standard & Poor's und Fitch auch Euler Hermes, Feri Euro Rating Services, Creditreform, Scope Credit Rating, GBB-Rating Gesellschaft für Bonitätsbeurteilung und der Assekurata Assekuranz Ratingagentur die Bonität beispielsweise von Anleihen beurteilen. Hinzu kommen Agenturen in Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien, Portugal, Polen, Bulgarien, Griechenland und selbst Zypern.

Immer mehr Finanzratings

Vor mehr als 100 Jahren, im Jahr 1909, hatte John Moody die nach ihm benannte Ratingagentur Moody’s gegründet. 1941 entstand Standard & Poor’s aus der Fusion von H.V. & H.W. Poor Co. und dem Standard Statistics Bureau. Das Rating von Unternehmen, Banken und Staaten ist somit eine alte Disziplin.

Doch die Domäne der Finanzratings dehnt sich zusehends aus. Nun hat auch die Gesellschaft Meteocontrol ein Rating für Photovoltaikanlagen entwickelt und vergibt großen Solaranlagen Noten zum Ausfallrisiko, die von „Triple A“ abwärtsgehen. „Wir sind seit vielen Jahren in diesem Bereich tätig“, sagt Henrik te Heesen, Leiter technische Betriebsführung von Meteocontrol. Ursprünglich kam das Unternehmen aus der Fernüberwachung von großen Solaranlagen und hat über die Jahre die laut te Heesen weltgrößte Datenbank aufgebaut, die rund 30.000 Anlagen mit einer Gesamtleistung von 6 Gigawatt erfasst. „Mit der professionellen Überwachung und Qualitätssicherung decken wir 10 Prozent des Weltmarktes ab“, sagt Daniel Faltermeier, Leiter Technische Due Diligence bei Meteocontrol.

Aktivitäten, die sich einem Finanzrating entziehen, werden weniger

Das Ärgernis für Investoren und Banken ist jedoch, dass die allermeisten Anlagen nicht die Menge an Solarstrom liefern, die sie sollten. Ein erstes Unternehmen habe Meteocontrol nun mit der Bonitätsnote „BBB“ bewertet. Dies ist die viertbeste Note, die Meteocontrol vergibt, womit diese Anlage bei Meteocontrol als relativ gut eingestuft wäre. Ein Betreiber, der die Höchstnote „AAA“ anstrebt, könne nicht mehr wirtschaftlich arbeiten. Die meisten Anlagen, schätzt te Heesen, werden wohl die Note „A“ bekommen. Mit dieser dritthöchsten Note wäre eine Anlage schon als „sehr gut“ eingestuft.

Die Aktivitäten, die sich einem Finanzrating entziehen, werden weniger. Allein für den Versicherungsbereich nennt Everling Franke & Bornberg in Hannover, Morgen & Morgen in Hofheim bei Frankfurt und Premium Circle in Frankfurt.

Laut Ratingexperten sollten Agenturen privatwirtschaftlich organisiert sein

Im Bereich nachhaltiger Geldanlagen sind im deutschsprachigen Raum Sustainable Asset Management (SAM) aus der Schweiz und Oekom Research in München aktiv. Nun kommt noch die Carlo Foundation mit Sitz in der liechtensteinischen Hauptstadt Vaduz hinzu. Diese Stiftung nennt sich Carlo nach Hannß Carl von Carlowitz, der Anfang des 18. Jahrhunderts erstmals die Prinzipien der Nachhaltigkeit formuliert hatte: „Es sollte nur so viel Wald geschlagen werden, wie wieder nachwächst.“ Die Carlo Foundation wurde nach eigenen Angaben als erste unabhängige nachhaltige und internationale Rating-Stiftung gegründet.

Die meisten Ratings finden laut Everling in einem unregulierten Markt statt. „Ich bin dafür, eine scharfe Grenzlinie zu ziehen und eine Regulierung für Ratingagenturen einzuführen“, sagt der Ratingexperte. Agenturen sollten privatwirtschaftlich organisiert sein, um den Wettbewerb zu erhalten. Wären Ratingagenturen in öffentlicher Hand, wären die Interessenskonflikte zu groß. Die Aufsicht jedoch sollte staatlich sein. Seine Leitlinien fasst Everling in wenigen Schlagworten zusammen: „Ratingagenturen sollten unabhängig, objektiv, neutral, transparent und einheitlich sein, kontinuierlich arbeiten und einen Überblick über den gesamten Markt haben.“ Daran mangelt es laut Everling vielen Anbietern: „Viele erwecken den Anschein der Expertise, sind aber nicht neutral, sondern Verkäufer.“

Außerdem sollten Finanzratings nach Meinung Everlings stets auch mit einer Prognose verbunden sein, ob der Nutzer des Finanzprodukts auch das erhalten wird, was ihm versprochen wird. „Das ist der entscheidende Unterschied von Finanzratings zu anderen Ratings wie beispielsweise Hotelbewertungen, bei denen nur der gegenwärtige Zustand beschrieben wird“, sagt Everling. Wer - der Nutzer oder der Verkäufer des Produkts - das Rating bezahlt, hält der Ratingexperte für nebensächlich. Wichtig sei nur, dass dies transparent sei und von einer staatlichen Aufsicht überprüft werde. Ratings sind jedoch ein schleppendes Geschäft, und es wird schon jetzt darüber spekuliert, ob sich alle sechs Kreditratingagenturen, die in Deutschland neu ins Geschäft gekommen sind, auf Dauer darin halten können. Scope beispielsweise versucht, schon in Frankreich Fuß zu fassen und hat dort eine erste Mittelstandsanleihe des Lyoner Unternehmens Capelli bewertet.

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“Fünf Ratingverfahren laufen noch“, berichten die beiden Rating-Experten von Meteocontrol. 100 bis 200 Photovoltaikanlagen, schätzen te Heesen und Faltermeier, könnten sie in den kommenden zwei Jahren in Deutschland für ein Rating gewinnen, das rund 7500 Euro kostet. Hinzu kommen Reisekosten und Spesen. Rund 370 Anlagen mit mehr als 5 Megawatt Leistung gebe es insgesamt in Deutschland. „Ein Drittel bis die Hälfte davon wäre prima“, sagt Faltermeier.

Quelle: F.A.Z.

 
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