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Mittelstandsanleihen Europas Mittelstand droht Billionenlücke

 ·  Banken vergeben weniger Kredite an mittelgroße Unternehmen. Doch diese brauchen bis zum Jahr 2018 rund 3,5 Billionen Euro - und hoffen auf Finanzinvestoren und Verbriefungen.

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© AP Vergrößern Zahlen von Standard & Poor’s: europäische Mittelstandsunternehmen brauchen bis 2018 etwa 3,5 Billionen Euro

Die Finanzierungsbedingungen für mittelständische Unternehmen in Europa werden schwieriger. Das ist das Ergebnis einer am Dienstag veröffentlichten Studie des Verbands für Finanzmärkte in Europa (AFME), dem Investmentbanken und andere Kapitalmarktteilnehmer angehören. Als Grund nennen die 75 befragten Unternehmen und Investoren konjunkturelle Unsicherheiten und eine verschärfte Finanzmarktregulierung. Aktuelle Zahlen der Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) zeigen, dass europäische Mittelstandsunternehmen bis zum Jahr 2018 etwa 3,5 Billionen Euro an neuen Mitteln benötigen.

In einem Pressegespräch sagte der Deutschland-Chef von S&P, Torsten Hinrichs, dass Bilanzverkürzungen und die verschärfte Regulierung der Banken zu Problemen für Unternehmen führten, die sich bislang auf die Bankenfinanzierung verlassen hätten. Die in der AFME-Studie befragten Eigentümer und Manager erwarten, dass die Fremdfinanzierung kleiner und mittelständischer Unternehmen aufgrund begrenzter Volumina sowie der meist lokalen Natur der Geschäftsbeziehungen weiterhin überwiegend in den Händen von Banken verbleiben werde. 

Einige gehen trotzdem davon aus, dass beispielsweise Finanzinvestoren zu einem Ausbau der Kapazitäten beitragen könnten. Des Weiteren könnten Verbriefungen in Zukunft eine größere Rolle spielen, wenn es gelänge, die Wirtschaftlichkeit der Verbriefungen von Mittelstandskrediten wiederherzustellen. Letztere böten Banken einen Weg, bilanzielles Eigenkapital für weitere Kredite an bestehende oder neue mittelständische Kreditnehmer freizusetzen.

© F.A.Z. Vergrößern

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) will zusammen mit der Europäischen Investitionsbank (EIB) ein Programm auflegen, um über Verbriefungen die Kreditvergabe an kleine und mittelgroße Unternehmen anzukurbeln. Laut Hinrichs ist die Situation des Mittelstands in Deutschland aufgrund des hohen Wettbewerbs der Banken um diese Kundschaft deutlich besser als im europäischen Ausland. In Spanien und Italien sei es fast unmöglich einen Kredit zu bekommen, in Frankreich und Großbritannien werde es zunehmend schwieriger, sagte er.

Mittelständische Unternehmen berichteten in der AFME-Umfrage zudem, dass die Bedingungen der von Regierungen auf nationaler und europäischer Ebene bereitgestellten Förderprogramme für kleine und mittelständische Unternehmen schwer zu verstehen seien. Dagegen sehen Großunternehmen für sich keine wesentlichen Schwierigkeiten beim Zugang zu Finanzierungen. Sie erwarten aber Lösungen für die unerwarteten und unbeabsichtigten Konsequenzen der verschärften Regulierung.

Diese würden für die meisten Großunternehmen in erheblichem Maße die Verfügbarkeit von Finanzprodukten zur Absicherung von Geschäftsrisiken einschränken und so die Kapitalkosten erhöhen. Große und mittlere Unternehmen wünschen sich der AFME-Studie zufolge mehr Flexibilität im Zugang zu Finanzierungen, da sie oft in kürzester Zeit große Mengen an Liquidität benötigen. So sollten bestimmte Finanzierungsquellen wie Märkte für Hochzinsanleihen, also für Schuldtitel von Unternehmen mit schwächerer Bonität, ausgeweitet werden.

Dies könnte unter anderem durch einen Ausbau der Gesetzgebung und eine europaweite Harmonisierung des Insolvenzrechts erreicht werden, heißt es in der Studie. In Südeuropa verschärften die Banken im zweiten Halbjahr 2012 die Vergabestandards für Kredite an Unternehmen. Hierfür verantwortlich waren nach Angaben der befragten Institute hauptsächlich die sich verschlechternden allgemeinen Konjunkturaussichten und die europäische Finanzmarktregulierung.

Komplett gegensätzlich dazu präsentiert sich die Finanzierungssituation für kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland, Finnland und Frankreich. Hier waren im gleichen Zeitraum drei Viertel der befragten Unternehmen in der Lage, den vollen Umfang ihres Finanzierungsbedarfs über Bankkredite abzudecken. Da die mittelgroßen Unternehmen in Zukunft verstärkt auf Alternativen zur Bankenfinanzierung angewiesen sind und sich neue Investorengruppen wie Versicherer oder Fonds erschließen müssen, setzt S&P auf ein Verfahren zur Bonitätseinschätzung.

Dieses soll den Zugang zu Finanzierungsalternativen erleichtern. Als Mittelstand definieren die Bonitätsprüfer Unternehmen mit einem Jahresumsatz zwischen 100 Millionen und 1,5 Milliarden Euro sowie einer Verschuldung von 50 bis 500 Millionen Euro. Laut Hinrichs handelt es sich um kein öffentliches Rating. Vielmehr könne das Unternehmen ausgewählten Investoren die Einschätzung zur Verfügung stellen, um mehr Transparenz zu schaffen.

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25.06.2013, 21:02 Uhr

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