Die von mittelständischen Unternehmen in jüngster Zeit begebenen Anleihen stoßen wegen ihrer hohen Zinsen auch bei institutionellen Investoren auf großes Interesse. Doch die Unsicherheit über die Bonität der Emittenten ist groß, fehlten doch bislang unabhängige Beurteilungen.
Die Rating-Agentur Scope Credit Rating legt nun an diesem Dienstag als erste Agentur unbeauftragte Bonitätsurteile für diese Emittenten vor. „Die Aufgabe einer Rating-Agentur ist es, für Transparenz an einem Markt zu sorgen“, sagt Chefanalyst und Geschäftsführer Thomas Morgenstern. „Diese wollen wir mit unserem Vorstoß schaffen.“ Dass es daran hapert, musste auch Scope erfahren. Denn auch Scope kann derzeit nur für rund ein Drittel der Emittenten Ratings abgeben, da es für die anderen keine aktuellen Geschäftszahlen gibt.
Teilweise deutlich schwächere Noten
Scope ist zum Teil zu deutlich anderen Urteilen gelangt als andere Agenturen, die im Zuge der Emissionen mit Bonitätsurteilen beauftragt worden waren. So etwa bewertet Scope den Textilkonzern Seidensticker nur mit der Note „B“, mithin im mittleren Bereich dessen, was als spekulatives Investment gilt. Dagegen hatte Creditreform das Unternehmen im vergangenen Oktober mit „BB+“ vier Noten besser bewertet.
Allerdings sind die Ratings in allen Fällen nur bedingt vergleichbar. „Unsere Ratings sind Finanzstärkeratings, die auf Basis von Zahlen erstellt werden“, sagt Morgenstern. In die bisher vorliegenden Ratings waren dagegen auch qualitative Kriterien eingeflossen, wie die Bewertung von Controlling-Systemen oder der Management-Kompetenz.
Doch Morgenstern glaubt nicht, dass die Berücksichtigung qualitativer Kriterien, wie sie auch Scope bei Erstellung eines beauftragten Gesamt-Ratings verwenden würde, zu großen Veränderungen der Gesamtnote führen würden. „Die Beurteilung der Finanzstärke macht bis zu 70 Prozent der Gesamtnote aus. Und ein gutes Controlling oder Personalmanagement kann eine schlechte Ertragskraft nicht einfach ausgleichen.“ Für Investoren seien Liquiditätslage, Rentabilität und Eigenkapitalstärke von hoher Bedeutung. Zeige ein Unternehmen hier Schwächen, ergäben sich Risiken, die nicht überhand nehmen dürften. Seit 2009 seien aber beispielsweise die Eigenkapitalquoten im Durchschnitt gesunken.
Veröffentlichte Informationen oft wenig befriedigend
Auch die Qualität der veröffentlichten Informationen habe zu wünschen übrig gelassen. „Meist gaben diese Berichte nur wenig mehr Information über das hinaus, was schon bekannt war. Dass reicht im professionellen Bereich nicht aus.“ Oft seien die Transparenzmängel auch durch mangelnde Qualität der von den Emittenten zur Verfügung gestellten Informationen begründet. „Viele erstellen ihre Bilanzen in traditioneller Manier unter steuerlichen Gesichtspunkten und verweisen dann darauf, dass ihre Lage besser sei als es die Zahlen wiedergäben. Für den Kapitalmarkt reicht das aber nicht aus.“ Dort interessiere man sich für die tatsächliche wirtschaftliche Lage des Unternehmens und da zählten eben nur die vorliegenden Fakten.
Eine konservativere Bewertung der Bonität durch Scope möge für die Emittenten nicht so angenehm sein, aber für die Investoren von Vorteil, wenn sie den Noten eher vertrauen könnten. Es dürfe keine zwei Bewertungs-Universen für Mittelstands- und andere Unternehmensanleihen geben. Schwache Noten seien gerade für ein mittelständisches Unternehmen auch nichts Schlimmes. Auch den institutionellen Investoren mache das nichts aus, dafür erhielten sie ja die höheren Renditen. Doch verlangten sie Klarheit. „Wir wollen mit unseren Ratings einen Beitrag leisten, dass Risiken nicht nur am Rand erwähnt, sondern vernünftig adressiert werden.“