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Mikrokredite : Indiens Straßenkinder lernen das Sparen

In der Kinderbank ist auch der Manager nicht älter als 14 Jahre Bild: Nadine Bös

Im indischen Delhi haben arme Kinder ihre eigene Bank. Dort ist ihr Taschengeld sicher. Und bringt sogar Zinsen.

          “Heute habe ich wieder keine Bonbons gekauft“, sagt Samreen. Sie sagt es voller Stolz. Nicht etwa, weil die 13-Jährige sich zu dick fühlen würde. Im Gegenteil: Sie wirkt eher schmächtig. Samreen geht es ums Geld. „Mein Vater gibt mir 20 Rupien Essensgeld in der Woche. Wenn ich mich zusammenreiße, kann ich drei davon sparen“, sagt das Mädchen. Gut einhundert Rupien (1,41 Euro) hat sie schon zusammen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Das Besondere: Samreen legt das Geld an - bei einer eigenen Bank für Straßen- und Slumkinder, der Bal Vikas Khazana im indischen Delhi. Bal Vikas heißt „kindliche Entwicklung“ auf Hindi, „Khazana“ ist das Schatzkästlein. Und in das darf jedes Straßenkind sein Geld legen, das dank eigener Arbeit oder Taschengeld ein paar Rupien macht und sich der Kinderbank anschließt. Der Begriff „Kleinsparer“ bekommt so eine ganz neue Bedeutung: Denn wer hier spart, ist selten größer als ein Meter fünfzig. Und selten legt er mehr an als den Gegenwert für eine Schale Reis.

          Kredit für Eltern

          Die Idee der Kinderbank wurde bei Butterflies entwickelt, einer indischen Hilfsorganisation für Straßen- und Slumkinder. Es geht darum, Geld für schlechtere Zeiten oder große Wünsche zurückzulegen - ganz wie bei einer Geschäftsbank. Dank Khazana lernen die Kinder aber auch Eigenverantwortung. Viel Zeit zum Lernen bleibt den meisten hier nämlich nicht. Sie schlagen sich als Verkäufer auf der Straße durch, sammeln Müll, helfen in Mittelklasse-Haushalten oder putzen Gemüse auf dem Markt. Aber einmal in der Woche, nach der Arbeit oder der Schule, treffen sich die Mitglieder der Kinderbank dann, um ihre Finanzgeschäfte zu erledigen.

          Schalterdienst
          Schalterdienst : Bild: Nadine Bös

          An diesem Nachmittag sind Samreen und die anderen in der Ecke eines riesigen Schlafsaals am Rande ihres Slums in Delhi zusammengekommen. In Nisamuddin Dargah leben mehr als 500 Familien in Hütten. Ziegen laufen auf den Gassen herum, das Abwasser fließt frei, aber es geht den Menschen besser als jenen, die auf dem Bürgersteig schlafen müssen. Im Durchschnitt haben die Familien hier vier Kinder.

          Die Decken im Schlafsaal sind zusammengerollt, die Kinder hocken auf dem Betonboden. „Ich habe neulich meinen ersten Kredit genommen. Davon habe ich meinem Vater eine Plastikuhr gekauft, meiner Mutter einen Armreif“, erzählt Samreen von ihrem Beitrag zum letzten Familienfest. Oft können die Kinder sogar den eigenen Eltern aushelfen, wenn die wieder einmal in der Finanzklemme stecken. In der Regel haben die keinerlei Ersparnisse, müssen von der Hand in den Mund leben. Wird einer krank, droht Elend. Vielen von ihnen fehlt schlicht ein Ausweis, um ein Bankkonto zu eröffnen. Sparen, das ist für sie Luxus. Ein Luxus, den sich ihre Kinder nun leisten können.

          Schutz vor Diebesbanden und Arbeitgebern

          Samreens Vater fährt eine Fahrradrikscha. Er brachte die Familie aus Indiens Armutsgürtel in Bihar nach Delhi. „Die anderen Kinder auf der Straße haben mir von dem Programm erzählt. Ich wollte sofort mitmachen“, sagt Samreen. Heute hat sie wie jedes Kind ein Büchlein, in das sie mit blauem Filzstift alle Ein- und Ausgaben einträgt.

          Der dreizehnjährige Rohit Kumar ist der amtierende Manager der Bank
          Der dreizehnjährige Rohit Kumar ist der amtierende Manager der Bank : Bild: Nadine Bös

          Die Seiten haben Eselsohren. Die Zahlen aber sind fein säuberlich notiert. „Es ist wichtig, dass ich mein Geld auf unsere Bank bringe. Zu Hause würde sich nur jeder davon bedienen“, sagt Samreen. Andere erzählen, früher hätten ihnen Banden ihr weniges Geld weggenommen. Einige der Kinder, die fest arbeiten, haben ihr Geld früher bei ihrem Arbeitgeber deponiert. Der aber zahlte keinen Zins, sondern knöpfte ihnen für die „Verwaltung“ eine Gebühr ab.

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