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Markttechnik Weiterer Rutsch der Renditen möglich

05.12.2008 ·  Die Charts verheißen für amerikanische Staatsanleihen weiter fallende Renditen. Der Ausbruch aus einer Konsolidierungszone führt zu einer Eigendynamik. Für Aktien haben sich die kurzfristigen Aussichten verbessert.

Von Wieland Staud
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Das Leben steckt voller Überraschungen. Bei dem Chart der Renditen der 30-jährigen amerikanischen Anleihen lief lange Zeit so ziemlich alles nach Plan: der Boden im Sommer 2005, der nachfolgende Renditeanstieg, das Scheitern am langfristigen Abwärtstrend und die sich anschließende Korrekturphase.

Aber dann wurden die Zeiten für einen ausgewiesenen Zinsoptimisten schwierig. Ein erster Schuss vor den Bug war das Unterschreiten der Unterstützungszonen um rund 4,7 bis 4,8 Prozent; der finale Hinweis darauf, dass ich mir das falsche Pferd ausgesucht hatte, war schließlich der Bruch der Jahrhundertunterstützung bei 4,2 Prozent.

Ausbruch aus einer Konsolidierungszone führt zu einer Eigendynamik

Genau da war aber auch der ultimative Zeitpunkt gekommen, Ross und Reiter schleunigst zu wechseln und auf nachhaltig, dynamisch und massiv verfallende Renditen zu setzen. Versetzen wir uns in die Lage der Marktteilnehmer. Die haben miterlebt, wie die Zinsen für die 30-jährigen Anleihen sieben Jahre lang nichts anderes getan haben, als zwischen rund 4,2 und 5,5 Prozent zu schwanken. In dieser Zeit hat sich bei nicht wenigen nach einer Zeit immer größerer Verunsicherung über den nächsten Trend die vermeintlich richtige Erkenntnis durchgesetzt, dass diese Schwankungsintervalle bis auf weiteres erhalten bleiben werden.

Wenn dann die Kurse diese Zone dennoch verlassen, dann werden die meisten überrascht und sehr viele auf dem falschen Fuß erwischt. Alle müssen oder wollen jetzt in die gleiche Richtung handeln. Das macht die Bewegungen nach dem Ausbruch aus einer Konsolidierung so dynamisch. Je länger die Kurse vor dem Ausbruch auf der Stelle traten, desto nachhaltiger ist der neue Trend. Renditen von 2,5 Prozent oder weniger sind deshalb für die 30-jährigen amerikanischen Anleihen jetzt gut vorstellbar.

Der Chart der deutschen Umlaufrendite ist zwar analytisch nur bedingt mit dem der amerikanischen Anleihen vergleichbar. Aber auch da gilt seit dem Bruch der Unterstützung bei 3,65 Prozent, dass die Bewegung mit einiger Sicherheit keine Eintagsfliege sein wird. Insbesondere dann, wenn das Tief aus dem Herbst 2005 von 2,84 Prozent unterschritten werden wird - das kann unabhängig von den Entscheidungen der EZB noch vor Weihnachten geschehen -, dann steht wahrscheinlich auch bei uns ein weiterer Renditerutsch um wenigstens 0,5 Prozentpunkte an.

Gestatten Sie mir angesichts dieses Charts eine Anmerkung zu den fundamentalen Ereignissen der vergangenen Monate: Gerade die allerorts in atemberaubendem Tempo und Ausmaß aufgelegten staatlichen Stützungsmaßnahmen, Eigenkapitalhilfen und Konjunkturprogramme legen die Vermutung nahe, dass uns das ganze Geld in Kürze um die Ohren fliegen und eine Inflation biblischen Ausmaßes auslösen wird. Für den Fall, dass es sich bei diesem Szenario um eine echte Gefahr handeln sollte, kann ich erst einmal Entwarnung geben. Charts wie der abgebildete machen meistens nicht auf dem Hacken kehrt. Die jeweiligen Abwärtstrends werden sich wohl noch eine ganze Weile fortsetzen, bis es überhaupt erst einmal zu einer Bodenbildung kommen kann. Damit dürfte Inflation wenigstens im Jahr 2009 kein Thema sein. Sondern eher das Gegenteil. Aber ob das eine gute Nachricht ist?

Stabilisierung an den Börsen?

Zu den Aktienmärkten: Die Kursmuster der vergangenen beiden Wochen, insbesondere beim S&P500, sind völlig irrwitzig. Denn der markierte erst neue Baissetiefs noch unter denen vom Herbst 2002, machte dann binnen Tagesfrist in unglaublichem Tempo kehrt und fand danach zunächst in und dann oberhalb der alten Unterstützungszone zwischen 776 und 800 Punkten zurück. Ein äußerst ungewöhnliches Verhalten, das aber eine vor zwei Wochen als zumindest möglich erachtete Sichtweise stärkt: Der S&P500 könnte eine Elliott "5" seit dem Erholungshoch im Mai abgeschlossen und sich nun zu einer Erholung beziehungsweise Stabilisierung größeren Ausmaßes aufgemacht haben. Das gilt vor allem deshalb, weil nun in den Tagescharts die ersten positiven Divergenzen zum Beispiel des MACD's stehen, die Signale der "Candlesticks" auf Wochenbasis zumindest halbwegs manierlich aussehen und auch, weil die Wende an einem Freitag geschah. Wer Angst hat, der kauft vor dem Wochenende keine Aktien. Das Ende des langfristigen Abwärtstrends darf mit dieser möglichen ausgedehnten Erholung nicht wirklich in Verbindung gebracht werden. Aber immerhin sind jetzt wenigstens die kurzfristigen Aussichten nicht mehr völlig trostlos.

Der Dax hat sich wie praktisch immer den Vorgaben aus Wall Street angeschlossen, zuvor aber die neuen Baissetiefs vermieden. Auch für ihn ist damit die Wahrscheinlichkeit einer zumindest bis zum Jahresende ausgelegten Stabilisierung deutlich größer geworden. Es mag sich ein wenig nach Ironie oder Sarkasmus anhören, aber: Diese technische Konstellation der weltweiten Aktienindizes ist die bislang beste seit dem Hochsommer. Wollen wir hoffen und auch eine kleine Bitte in höhere Sphären schicken, dass sie genutzt wird. Denn sonst kommt Alltagsregel Nummer zwei zum Tragen: Nichts ist schlimmer als ungenutzte Chancen.

Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

Quelle: F.A.Z.
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