Die Bank von England hat die seit Sommer 2007 bekannte Verzerrung des Libor-Zinssatzes bis heute nicht zum Anlass genommen, eine eigene, interne Untersuchung des auf der ganzen Welt bedeutenden Leitsatzes durchzuführen. Paul Tucker, der stellvertretende Gouverneur der Bank von England, sagte vor dem britischen parlamentarischen Finanzausschuss, dass er erst kürzlich darüber informiert worden sei, um welche Unehrlichkeit es sich bei den Libor-Manipulationen gehandelt habe.
Tucker wehrte sich kategorisch gegen den Eindruck, Bob Diamond, den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Barclays, am 29. Oktober 2008 telefonisch angewiesen zu haben, die Zinsangaben von Barclays zur Libor-Ermittlung zu senken. Er sei auf dem Höhepunkt der Finanzkrise lediglich besorgt gewesen, dass Barclays mit seinen hohen Libor-Angaben dem Markt ungewollt ernste Liquiditätsengpässe signalisieren könnte, die in einer Verstaatlichung von Barclays hätten enden können. Kurz zuvor hatte die Royal Bank of Scotland vom Steuerzahler gerettet werden müssen.
Diamond erhält weiterhin 1,35 Millionen Pfund
Diese Darstellung überrascht jedoch, da der britische Staat damals allen Banken öffentlich Staatskapital angeboten hatte, auch Barclays. Zudem hätte Diamond leicht die Bedenken von Tucker zerstreuen können, denn nur zwei Tage später, am 1. November 2008, verkündete Barclays, dass das Emirat Qatar und Scheich Mansour von Abu Dhabi Barclays mit 7,3 Milliarden Pfund stützen und vor einer Verstaatlichung retten würden.
Von der Bank von England veröffentlichte E-Mails lassen indessen den Schluss zu, dass die Bank von England damals erkannte, dass ihre - zunächst teure - Sonder-Liquiditätshilfe am Markt nicht sofort anschlug und nicht dazu führte, dass die Libor-Angaben am Markt sofort sanken. Diamond hatte das Telefonat mit Tucker zwar nicht als formale Weisung angesehen, die Libor-Angaben der Bank abzusenken. Sein untergebener und nun ebenfalls zurückgetretener Mitarbeiter, Jerry del Missier, interpretierte den Gesprächsinhalt des Telefonats allerdings derart und wies intern entsprechend an. Die Libor-Angaben von Barclays waren danach stark rückläufig. Tucker räumte ein, dass bei ihm keine „Alarmglocken“ geläutet hätten, als Diamond ihm 2008 vorwarf, dass die anderen Banken weitgehend fingierte und zu niedrige Libor-Sätze abgaben. „Wir dachten, es war ein schlecht funktionierender Markt wegen der Krise, aber nicht ein unehrlicher Markt.“
Diamond, der Anfang vergangener Woche von der Bank zum Rücktritt gedrängt wurde, hat unterdessen auf seine aufgelaufenen und künftigen Bonusansprüche in Höhe von fast 20 Millionen Pfund verzichtet. Er wird bis zu zwölf Monate weiterhin seine Gehaltsbezüge von 1,35 Millionen Pfund erhalten, um einen neuen Vorstandsvorsitzenden einzuarbeiten. Diamond bekam allein in den vergangenen zehn Jahren Bezüge von mehr als 100 Millionen Pfund.
Angespanntes Verhältnis zur DSA
Vor dem parlamentarischen Finanzausschuss betonte der im Rücktritt begriffene Barclays-Verwaltungsratsvorsitzende Marcus Agius, dass sich die britische Bankenaufsicht FSA, der Verwaltungsrat und die Aktionäre noch am vergangenen Wochenende einig gewesen seien, dass Diamond nicht zurücktreten solle. Er sei nicht schuld gewesen an der versuchten Libor-Manipulation der Händler, zu schwer als Vorstandsvorsitzender der Bank zu ersetzen. Weder der Libor-Skandal noch die vom Parlamentsausschuss kritisierten Führungsmängel bei Barclays seien der Grund für seinen Rücktritt gewesen. „Deshalb ist er nicht zurückgetreten“, betonte Agius, ohne die telefonische Rücktrittsaufforderung von Notenbankgouverneur Mervyn King zu erwähnen.
Agius betonte vor dem Finanzausschuss, dass Lord Turner, der Vorsitzende der FSA, infolge der Berufung Diamonds zum Konzernchef Ende 2010 zwar eine offenere, transparentere und direktere Beziehung Diamonds zur Aufsicht erbeten und betont habe, dass sich die Kultur der Bank ändern müsse. Auch hatte die FSA kritisiert, dass Barclays hinsichtlich vieler Geschäfte bis an die Grenze des Machbaren gehe. Das Verhältnis zur FSA sei angespannt gewesen. Aber obwohl die FSA über die Libor-Untersuchungen und deren Inhalt voll informiert gewesen sei, habe es von Seiten der FSA keine Beanstandung gegeben, Diamond Ende 2010 zum Konzernchef und Jerry del Missier kürzlich zum Betriebsvorstand zu berufen. Die für die Prüfung der guten Unternehmensführung zuständige Abteilung der FSA habe Barclays sogar die beste Führung der Branche bescheinigt.
Das wars dann wohl auch schon.
Jürgen Wenz (satyrffm)
- 11.07.2012, 10:27 Uhr
War's das ?
Karl Dietrich Naumann (Huga)
- 11.07.2012, 07:44 Uhr
Ursachen für die Manipulation?
Georg Gärtner (ggaertner)
- 10.07.2012, 23:05 Uhr