02.11.2009 · Die Zentralbanken werden den Ausstieg aus großzügiger Geldpolitik in den kommenden Monaten nur andeuten, so die einhellige Ansicht unter Anlegern. Die Bank of England dürfte sogar in ihren Kurs weiter lockern.
Von Stefan RuhkampFür die meisten Fachleute gilt es als sicher, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins noch mindestens bis Mitte des kommenden Jahres bei einem Prozent belässt. Alle 78 von der Nachrichtenagentur Reuters befragten Ökonomen erwarten weder für die Entscheidung am kommenden Donnerstag noch für die nächste Ratssitzung der EZB im Dezember eine Änderung des Leitzinses.
Diese Erwartungen drücken sich auch in den Terminkontrakten für dreimonatige Leihgeschäfte der Banken untereinander aus, deren Preise ein bis zwei Zinserhöhungen in der zweiten Jahreshälfte 2010 vorwegnehmen.
Niemand rechnet mit Zinserhöhungen
Bis dahin seien keine Zinserhöhungen in den großen Währungsräumen zu erwarten, urteilen Analysten. In Amerika wird die Federal Reserve aller Wahrscheinlichkeit nach am Mittwoch den Leitzins unverändert lassen. Viele Anleger erhoffen sich sogar konkretere Hinweise darauf, wie lange die Phase mit Leitzinsen nahe null im Dollar-Raum dauern wird.
Erste Hinweise auf ein Ende der Liquiditätshilfen für die Banken könnte es dagegen bei der EZB am Donnerstag geben. Allerdings werde die Notenbank dabei noch nicht zur Tat schreiten, glaubt Jürgen Michels, Zinsexperte der Citigroup. Der erste Schritt zur Rückführung der Hilfen werde das Ende der einjährigen Finanzierungsgeschäfte sein. In der Finanzkrise hatte die EZB die Laufzeit der Ausleihungen an die Geschäftsbanken erhöht und sechs- sowie zwölfmonatige Tender eingeführt. Obendrein leiht sie den Banken seitdem so viel Geld zum Leitzins, wie diese haben wollen.
Ausstiegspläne zum Jahresende
Die EZB werde es bei den drei angekündigten einjährigen Tendern belassen, von denen der dritte und letzte im Dezember auf dem Programm steht, sagt Michels. Zudem werde sie das Geld beim letzten Langfristtender nicht zum Leitzins von einem Prozent verleihen, sondern mit einem Aufschlag von 0,2 oder 0,25 Prozent. Das werde EZB-Präsident Jean-Claude Trichet aber noch nicht am Donnerstag, sondern wohl erst bei der nächsten Zinsentscheidung Anfang Dezember ankündigen, glaubt Michels.
Auch Unicredit-Chef-Volkswirt Aurelio Maccario erwartet erst für die Pressekonferenz zur Zinsentscheidung im Dezember neue Details zum Ausstiegsplan der EZB. Bundesbank-Präsident Weber habe in seiner letzten Rede deutliche Hinweise gegeben, dass die Liquiditätshilfen im nächsten Jahr zurückgenommen würden. Das sei der erste klare Hinweis gewesen, dass die volle Zuteilung aller Finanzierungswünsche der Geschäftsbanken nicht in kurzer Zeit wieder abgeschafft werden kann.
Bank of England auf Gegenkurs
Während die EZB sich also in kleinen Schritten an den Ausstieg aus den unkonventionellen Hilfen für die Banken herantastet, geht die Bank von England noch den umgekehrten Weg. Für die britische Zinsentscheidung wird am Donnerstag ein unveränderter Leitzins von 0,5 Prozent erwartet. Zugleich könnte das Volumen des weitgehend ausgeschöpften Anleiheprogramms von 175 auf 200 Milliarden Pfund ausgeweitet werden, erwarten Analysten der Banken. Das Programm könnte statt auf Staats- nun auf den Markt für Unternehmensanleihen angewendet werden.