19.05.2010 · Das Verbot bestimmter Leerverkäufe durch die deutsche Finanzaufsicht ist angesichts der globalen Verflechtung der Finanzmärkte an sich wenig bedeutend. Die Sorge gilt eher der Frage, ob es sich dabei um ein Fanal für eine umfassendere Regulierung handelt.
Von Martin HockDas unvermittelte Verbot von ungedeckten Leerverkäufen durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) von Aktien der zehn führenden deutschen Finanzinstitute und Schuldtiteln von Staaten der Eurozone sowie bestimmte Kreditversicherungen (CDS), hat den Aktienmärkten am Dienstagabend einen tüchtigen Schrecken versetzt. Der amerikanische Leitindex Dow Jones gab 1,1 Prozent auf 10.511 Punkte nach, der Kurs des Euro fiel unter 1,22 Dollar und damit auf ein neues Vier-Jahres-Tief. Der Dax fällt am Morgen um mehr als 2 Prozent
Am Mittwochmorgen nun bemühen sich Analysten das Geschehen einzuordnen und Prognosen für das weitere Geschehen zu geben. Die japanische Investmentbank Nomura geht davon aus, dass die Märkte einen neuen Anfall von Risikoaversion bekommen. Allerdings, seien die Details der Umsetzung unklar.
CDS-Regulierung ein „Nicht-Ereignis“
So werde zwar ein großer Teil, aber beileibe nicht alle europäischen Staatsanleihen an deutschen Börsen gehandelt. Solange es sich bei der deutschen Regelung nicht um die Vorwegnahme einer internationalen Aktion handele, werde die neue Bestimmung wohl mehr für Verwirrung als für wirksame Handelsbeschränkungen sorgen. Heiko Ruland von Ruland Research bezeichnet das Leerverkaufsverbot für die CDS gar als „Non-event“. Schließlich finde der Handel vornehmlich in London und New York statt.
Folgten aber ähnliche Bestimmungen in anderen Ländern, könne dies die Nachfrage nach den betreffenden Anleihen selbst schmälern, meint Nomura. Positiv für die Rentenmärkte seien die Regelungen jedenfalls nicht.
Innenpolitisch motiviert?
Auch die Analysten der UBS stellen die Frage nach der Effektivität der Regelung und erwägen, ob die Aktion nicht im Vorfeld der Verabschiedung des Euro-Rettungspakets im Bundestag eher politisch motiviert sei, eine Auffassung, die von der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs offen vertreten wird, die auch davon ausgeht, dass weitere Euroländer folgen werden.
Nach Auffassung der UBS sorgt die Regulierung in ihrer jetzigen Form auch mehr für Unsicherheit als für eine effektive Handelsbeschränkung. Indes sei die Tendenz klar: Die Regulierung der Finanzmärkte in der Eurozone nehme zu. Das werde die Wachstumserwartungen und damit auch den Kurs des Euro weiter belasten. Ruland bezeichnet den Zeitpunkt der Aktion gar als „dumm“, suggeriere es doch, dass die Schuldenkrise eben bei weitem nicht ausgestanden sei.
Die deutsche Einzelaktion wurde in Asien sogar noch negativer gewertet, nämlich als Zeichen, dass es in der Eurozone an einem koordinierten Handeln hinsichtlich der Eurokrise fehle, so Sebastien Barbe, Leiter des Schwellenländer-Researchs der Credit Agricole CIB.
Getroffene Hunde
Trotz aller Kritik zeigte das Verbot eine gewisse Wirksamkeit. Die Preise der Kreditversicherungen für griechische, britische, italienische, irische, portugiesische und deutsche Anleihen sanken zum Teil um rund 10 Prozent. Dies suggeriert eine gewisse Berechtigung der eher symbolischen Aktion. Wenn anglo-amerikanische Beobachter Zeter und Mordio schreien, das Verbot als „unverantwortlich“ bezeichnen und es als Beleg werten, dass europäische Politiker nichts von den Finanzmärkten verstünden, kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass getroffenen Hunde bellen.
Schließlich wurden nur ungedeckte Leerverkäufe verboten. Wer Staatsanleihen besitzt, kann sie weiter absichern. Es erweckt eher den Eindruck, dass CDS niemals als Versicherungsprodukte, sondern viel eher als Hebelprodukte auf Anleihen gedacht waren. Das gilt um so mehr, als das deutsche Verbot praktisch wirkungslos bleibt.
Überhaupt ist ein gewisser Hang zur Übertreibung spürbar.„Deutschland hat gerade die Lichter am europäischen Finanzmarkt ausgeknipst“, schimpfte ein hochrangiger Devisenhändler einer europäischen Bank in Singapur. „Droht uns möglicherweise ein Lehman II?“, fragt die HSH Nordbank in einer Studie und resümiert: „Die Angst ist zurück“.
Auf Nummer Sicher
Am Rentenmarkt wollen einige nicht auszuschließen, dass der Verkauf des Terminkontrakts auf die zehnjährige Bundesanleihe, den Bund-Future in Zukunft nur noch möglich sei, wenn auch die entsprechenden Staatsanleihen gehalten würden.
Tatsächlich aber reagieren die Rentenmärkte eher wenig panisch: Der Kurs des Bund-Future steigt kräftig - von Belastungen also keine Spur. Dass dagegen der Euro unter 1,22 Dollar bleibt und auch die Aktienmärkte wohl mit Kursabschlägen reagieren werden, liegt in den Sorgen um eine stärkere Finanzmarktregulierung begründet. Aktien- und Devisenmärkte wollen Freiheit, unabhängig davon, ob sie dadurch besser oder schlechter funktionieren.
Der eher symbolische Akt Deutschlands an sich tut ihnen letztlich nicht weh, verunsichert die Marktteilnehmer aber, dass mehr folgen könnte. Und darauf reagieren sie wie immer - sie gehen auf Nummer Sicher, bauen als risikoreicher geltende Aktienpositionen ab und gehen in - zumindest vermeintlich - sichere Häfen.
Begrüßenswerte Gedächtnisauffrischung
Die Frage ist tatsächlich, wie sich die Finanzmarktregulierung weiter entwickelt. Denn Leerverkäufe sind nicht per se schädlich. Sie können gar als Regulativ für spekulative Übertreibungen nach oben gelten. Doch ist das zum Gutteil Theorie, weil die Anleger an den Finanzmärkten zu prozyklischem Handeln neigen.
Genauso, wie sie in einem optimistischen Umfeld Werte kaufen, als ob es sie morgen nicht mehr gäbe, genauso setzen sie in einem negativen Umfeld auf Verkäufe. Daher haben Leerverkäufe nur in einem ausgewogenen Umfeld regulativen Charakter. Tatsächlich bräuchte eine Leerverkaufsverbot ein Pendant auf der Kaufseite, etwa ein Verbot kreditfinanzierter Käufe. Die Folge aber wäre dann eine massive Abnahme der Liquidität, mit desaströsen Folgen.
Auf der anderen Seite ist es gar nicht schlecht, die Anleger an die Finanzkrise zu erinnern. Nachdem sich die Regulierungsdebatte hinschleppte, wähnten diese sich schon aus dem Schneider. Erste Übertreibungen zeigten sich: Aktien wurden vielfach überteuert, die Rohstoffpreise zogen massiv an. Wenn symbolische Regulierungsmaßnahmen spekulativen Übertreibungen den Zahn ziehen können, sind sie nur zu begrüßen. Insofern bleibt auf das Beste zu hoffen: eine maßvolle Regulierung.
Blinder Aktionismus !
Siegfried Reutzel (rs-depot.de)
- 19.05.2010, 15:11 Uhr
Leerverkäufe
Werner Eickhoff (WernerEickhoff)
- 19.05.2010, 16:30 Uhr
Pleitewette für Belegschaften
Günter Blümel (guenterbluemel)
- 19.05.2010, 16:33 Uhr
Absolut blinder Aktionismus!
Sebastian Rabe (w769390)
- 20.05.2010, 00:47 Uhr
Leerverkäufe
Horst Schmitt (schmittie)
- 20.05.2010, 19:56 Uhr