13.08.2010 · Das niedrige Renditeniveau von Anleihen zwingt die Lebensversicherer zunehmend dazu, von ihren Polstern zu zehren. Noch steht die garantierte Verzinsung von 2,25 Prozent nicht zur Disposition. Doch der Spielraum wird knapper.
Von Markus FrühaufDie Renditen der Staatsanleihen kennen derzeit nur eine Richtung: nach unten. Am Donnerstag markierte die zehnjährige Bundesanleihe mit 2,40 Prozent am zweiten Tag in Folge ein neues Renditetief und auch am Freitag liegt sie nur knapp darüber.
Auch andere als sicher geltende Staatsanleihen wie die der Vereinigten Staaten oder Frankreichs rentieren gegenwärtig unterhalb von 3 Prozent. Dies stellt vor allem die Lebensversicherer vor Probleme, weil sie gegenüber ihren Kunden auf einen Garantiezins von 2,25 Prozent verpflichtet sind. Da die Lebensversicherung als Vorsorgeprodukt besonders sicher sein muss, sind die Versicherer gezwungen, die zufließenden Beitragseinnahmen möglichst risikoarm anzulegen.
Im Stresstest
Die deutschen Lebensversicherer verfügen über insgesamt 700 Milliarden Euro Kapitalanlagen. Davon entfallen knapp 90 Prozent auf festverzinsliche Wertpapiere. Reine Staatsanleihen machen zwar weniger als 5 Prozent aus. Aber an ihren Renditen orientieren sich auch die restlichen Anleihen, wie Pfandbriefe, Kommunalobligationen oder Unternehmensanleihen. „Natürlich stellt die Neuanlage für die Lebensversicherer in dem jetzigen Niedrigzinsumfeld eine Herausforderung dar“, räumt Jörg Freiherr Frank von Fürstenwerth, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), ein.
Die deutschen Lebensversicherer seien jedoch in der Lage, auch eine längere Phase niedriger Zinsen abzufedern und die Zinsgarantien gegenüber ihren Kunden zuverlässig zu erfüllen, fügt er hinzu. Er verweist dabei auf die jüngste „Niedrigzins-Abfrage“ der Finanzaufsicht Bafin.
Diese Prüfung der Aufseher ist durchaus mit den europaweiten Stresstests der Banken zu vergleichen, in denen die Risikotragfähigkeit der Kreditwirtschaft untersucht wurde. Die deutsche Finanzaufsicht hatte im Herbst 2009 die deutschen Lebensversicherer gebeten, standardisierte Prognoserechnungen für die Zeit bis zum Jahr 2018 durchzuführen. Dabei wurden drei Szenarien vorgegeben. Davon unterstellte die Bafin in zwei pessimistischen Szenarien eine lange Niedrigzinsphase, einmal mit und das andere Mal ohne fallende Aktienkurse.
Zehren von den Polstern
Bafin-Präsident Jochen Sanio hatte bereits im Januar auf Basis der „Niedrigzins-Abfrage“ erklärt, dass sich die Risikotragfähigkeit der Assekuranz bis 2018 merklich verschlechtern würde. Dennoch würden die Lebensversicherer auch eine lange Niedrigzinsphase wirtschaftlich überstehen. „Bei den meisten Unternehmen würde es ausreichen, wenn sie ihre Überschussbeteiligung weiter senkten“, sagte damals Sanio.
Die Überschussbeteiligung ist das Renditeversprechen an die Kunden und speist sich aus der Nettoverzinsung der Kapitalanlagen. Im Schnitt zahlt die Branche in diesem Jahr eine Überschussbeteiligung von 4,17 Prozent. Im Jahr 2001 waren es noch gut 7 Prozent. Laut Sanio ist kein Versicherer unmittelbar gefährdet.
Die Lebensversicherer verweisen darauf, dass ihre Überschussbeteiligung sehr stabil sei. In guten Kapitalmarktzeiten könnten Puffer aufgebaut werden, die in schwächeren Phasen eine stabile Verzinsung der Leben-Policen gewährleisten. Zudem befindet sich in den Kapitalanlagen der Versicherer noch ein hoher Anteil an höherverzinslichen Papieren.
Von dem aktuellen Niedrigzinsniveau ist nur die Neuanlage der Versicherer betroffen. Diese betrug im vergangenen Jahr immerhin 138,5 Milliarden Euro und damit fast ein Fünftel der gesamten Kapitalanlagen.
Garantiezins bliebt - noch
Die Versicherungsmathematiker der Deutschen Aktuarvereinigung haben bereits ihre Empfehlung für den Garantiezins abgegeben. Die Neuverträge im kommenden Jahr sollen demnach weiter mit 2,25 Prozent verzinst werden. Daran orientiert sich das Finanzministerium, das den Garantiezins in einer Verordnung für die Neuverträge festlegt.
Die Aktuare richten sich dabei nach der durchschnittlichen Umlaufrendite öffentlicher Anleihen der vergangenen zehn Jahre. Derzeit liegt dieser Wert bei 4 Prozent. Der Garantiezins darf laut Gesetzgeber nicht mehr als 60 Prozent davon ausmachen. Das wären 2,4 Prozent. Der Spielraum wird knapper.