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Kreditmärkte In China droht eine Kreditklemme

Die Zinsen im chinesischen Interbankenmarkt befinden sich nahe Rekordniveau. Dies könnte auch die Realwirtschaft treffen und die Kreditvergabe drosseln.

© REUTERS Genug Renminbi vorhanden: Noch erhalten Unternehmen in China Kredite

Chinas Kreditwirtschaft kommt nicht zur Ruhe. Nach der Diskussion um überbordende Schulden der Wirtschaft und der öffentlichen Hand ist nun von einer möglichen Liquiditäts- und Kreditklemme die Rede. Der Grund dafür ist, dass die Zinsen am Interbankenmarkt stark gestiegen sind. Der Rückkaufsatz (Repo) über sieben Tage betrug im Juni durchschnittlich 6,03 Prozent, das war der höchste Wert seit Beginn der Datenerhebung 2006. Zeitweilig wurde fast ein historischer Rekordstand erreicht.

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Noch geht es nur um die Konditionen, zu denen sich die Banken untereinander Geld leihen. Analysten warnen aber, dass die knapper und damit teurer werdende Geldversorgung auch auf die Realwirtschaft überschwappen und die Kapitalbeschaffung der Unternehmen gefährden könnte. Sie erinnern daran, dass sich die Finanz- und Bankenkrisen in den Industrieländern sehr frühzeitig im Interbankenmarkt abgezeichnet hätten. „Wir glauben, dass sich das Risiko einer Kreditklemme in den vergangenen zwei Wochen definitiv erhöht hat“, sagt Wang Tao, China-Ökonomin der Investmentbank UBS in Hongkong.

Vorboten einer Bankenkrise

Eigentlich gebe es genügend Liquidität im Markt, auch könne die Zentralbank angesichts der moderaten Inflation die Geldpolitik notfalls lockern. Aber sie nutze die Finanzierungsengpässe der Banken und anderen Finanzakteure, um sie zu mehr Transparenz und dazu zu zwingen, Kreditgeschäfte außerhalb der Bilanzen in die Bücher zurückzuholen. Dieses Ziel hält Wang für richtig. Auf dem Weg dorthin könnten aber „Unfälle“ passieren, da die Kreditgeschäfte zum einen ungleichmäßig verteilt und zum anderen eng miteinander vernetzt seien. „Die Zentralbank und die Regulierungsbehörden müssen sich bei ihrem Vorgehen in den kommenden Monaten sehr vorsichtig bewegen, um die Gefahr so klein wie möglich zu halten, dass die Liquiditätskette unerwartet bricht oder dass eine ungewollte Kreditklemme eintritt“, urteilt Wang.

Die Agentur Fitch sieht in der Entwicklung die Vorboten einer Bankenkrise. „Wir werden in der Bankbranche Probleme bekommen“, sagte Charlene Chu, die bei Fitch für Chinas Geldhäuser zuständig ist, der Finanzagentur Bloomberg. „Diese können sich entweder in einer Krise zeigen oder aber in langsamem Wachstum.“ Für Chu ist lediglich unklar, was die Schwierigkeiten letztlich auslöst und wann sie eintreten, nicht aber, dass sie bevorstehen. Falls sich die Liquiditätsfrage nicht zufriedenstellend lösen lasse, „dann könnten einige Dinge schneller und früher kommen, als wir dachten“.

Die Abkühlung der Kreditmärkte mag zu abrupt vonstattengehen, auch Chu zweifelt allerdings nicht daran, dass in den vergangenen Jahren viel zu viel Geld viel zu günstig verliehen worden ist. Die Neukreditvergabe wuchs deutlich schneller als das Bruttoinlandsprodukt (BIP), für dieselbe Wirtschaftsleistung wurde also immer mehr geborgt. Nach Berechnung von Fitch ist Chinas Kreditvolumen einschließlich der Geschäfte außerhalb der Bilanzen zwischen 2008 und 2012 um 73 Prozentpunkte auf 198 Prozent des BIP gestiegen. Ähnliche Entwicklungen habe es vor den Bankenkrisen in Japan und Südkorea in den neunziger Jahren gegeben. Allerdings betrug der Anstieg dort maximal 47 Punkte, was die Dramatik in China unterstreicht.

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Am Dienstag zeigte sich, wie sehr Finanzhäuser und andere Anleger ihr Geld zusammenhalten. Eigentlich wollte die Chinesische Bank für landwirtschaftliche Entwicklung in großem Stil Anleihen ausgeben. Da sich aber zu wenige Interessenten fanden, strich sie die beiden Angebote um fast ein Drittel zusammen. Die Knappheit an wirklich eingesetzter Liquidität werde noch einige Wochen andauern, erwartet Wang Tao von der UBS. Auch die Zinsen im Interbankenhandel dürften ihrer Ansicht nach weiterhin oberhalb der üblichen Sätze notieren.

Die Geschäftsbanken haben mehrfach an die Zentralbank appelliert, wieder mehr Geld in das System zu pumpen, um das Kredit- und Wirtschaftswachstum anzuregen. Die Zunahme des BIP war in den vergangenen Quartalen immer weiter gesunken, so dass Investmentbanken und Institutionen wie die Weltbank ihre Prognosen für 2013 gesenkt haben, teilweise auf den niedrigsten Wert seit 1990. Doch die neue Regierung und die Währungshüter haben weder die Geldpolitik gelockert noch große Konjunkturpakete aufgelegt, um dagegen vorzugehen. Ihnen scheinen gesunde und transparente Kreditmärkte bei niedriger Inflation wichtiger zu sein als ein hohes Wachstum. Es gehe den Verantwortlichen darum, dass die Banken ihre Geldvergabe insgesamt reduzieren, dass sie ihre Kreditrisiken minimieren und die verfügbare Liquidität sorgsamer einsetzen, urteilt die UBS. Was man derzeit beobachte, sei ein „Reinemachen im Interbankenmarkt“, sagt Wang.

Quelle: F.A.Z.

 
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