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Kreditkrise Ende einer Blase

31.12.2007 ·  Das Weltfinanzsystem erlebt in der Kreditkrise seine größte Belastungsprobe seit 1931. Ob alle Banken überleben, ist fraglich. Wieder einmal zeigt sich: Zu viel billiges Geld verführt zu allerhand Torheiten.

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2007 wird als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem sich der Glaube, dass eine internationale Bankenkrise fernen Zeitaltern angehöre, als Irrtum entlarvt wurde. Und trügerisch erscheint die Hoffnung, die allmächtigen Notenbanken würden jedes Problems schon Herr werden.

Begonnen hat alles im Sommer mit dem wiederholten Ausfall von Hypothekenkrediten am amerikanischen Immobilienmarkt. Seither kämpfen deutsche Landesbanken ums Überleben, amerikanische Investmentbanken müssen Rekordsummen abschreiben und rutschen in die roten Zahlen.

Frühe Warnungen

Es ist das Ende eines bemerkenswerten Booms am amerikanischen Immobilienmarkt, das Ende einer Spekulationsblase, vor der etwa der amerikanische Ökonom Robert Shiller schon früh warnte. Der Preis für Wohnungen und Häuser stieg seit den frühen neunziger Jahren kontinuierlich. Zwischen 1997 und 2006 verteuerten sich Eigenheime dem S&P/Case-Shiller-Index zufolge um 124 Prozent. Es konnte nicht ewig so weitergehen. Shiller warnte bereits Mitte 2006: „Ein Platzen dieser Blasen wäre eine ernste Gefahr.“ (vgl. Platzende amerikanische Immobilienblase gefährdet Finanzmärkte).

Nun wurden nicht nur in Amerika wie verrückt Häuser gebaut, sondern auch in Spanien, Großbritannien und Irland. Doch die Bauwut in den Vereinigten Staaten war einmalig. Zehntausende Amerikaner folgten dem Lockruf der Banken und nahmen einen Hypothekenkredit auf, obwohl sie sich Haus und Kredit eigentlich gar nicht leisten konnten. In der Hoffnung auf steigende Immobilienpreise gingen viele das Wagnis Eigenheim ein.

Beschönigend sprechen die Fachleute von „subprime borrowers“, also nicht gerade erstklassigen Schuldnern. Ein Fünftel aller neu aufgenommenen Baukredite fiel 2006 in diese zweifelhafte Kategorie. Die Zinsen für viele dieser Hypotheken sind variabel. Ungewöhnlich niedrigen Zinsen zu Beginn folgen nach ein oder zwei Jahren oft höhere, marktübliche Zinsen. Als die Zinsen im Frühjahr kräftig zu steigen begannen, geriet die Sache ins Rutschen. Viele Amerikaner kamen mit ihren Ratenzahlungen nicht mehr nach, mussten ihre Häuser verkaufen. Ein rasanter Wertverfall setzte ein - der Hauspreise und der Hypotheken.

Einladung zur Sorglosigkeit

Es traf nicht nur die Hypothekenbanken. Denn die Baukredite wurden zu neuen Wertpapieren gebündelt und verkauft. Die Kredite blieben nicht mehr in den Büchern, sondern wurden verbrieft und so zu Paketen verschnürt an Banken, Hedge-Fonds und andere Investoren weitergereicht. Verpackungskünstlern gelang es, aus den zweitklassigen Hypotheken armer amerikanischer Hausbesitzer Wertpapiere zu basteln, die Anleihen glichen (vgl. Leichen im Keller der Verbriefungen).

Komplizierte Finanzinstrumente mit sperrigen Namen wurden zu einer der ganz großen Erfolgsgeschichten der modernen Finanzwelt: Swaps, ABS (Asset Backed Securities), CDO (Collateralized Debt Obligations) und viele andere.

Es war eine Einladung zur Sorglosigkeit. Wer Geld verlieh, sah sich den Schuldner nicht mehr so genau an. Er verdiente an der Vermittlung des Kredits und reichte das Risiko weiter an renditehungrige Investoren. Das war ein Leichtes, denn Ratingagenturen hatten vielen der verpackten Problemkredite die Bestnote „AAA“ verliehen - ein Gütesiegel, das nur die solidesten Schuldner auszeichnet.

Die geniale Illusion

Die Investoren glaubten das gerne. Sie waren froh, ein Wertpapier mit höchster Bonitätsnote zu kaufen, das obendrein noch mehr Rendite versprach als eine Unternehmensanleihe mit gleichem Rating. Eigentlich hätte die Extrarendite bei vermeintlich gleicher Qualität stutzig machen müssen (vgl. Ratings unter Druck; Rating-Agenturen: Dubiose Doppelrolle).

Doch niemand fragte nach. Am Ende wusste keiner, wo im weit verzweigten Bankensystem die Risiken verborgen waren - am wenigsten die Aufsichtsbehörden. Bis vor kurzem noch galt die Verbriefung als geniale Erfindung. Denn das Risiko wurde durch den Verkauf der neuen Wertpapiere auf viele Schultern verteilt, hieß es. Die Welt sei sicherer als je zuvor. Es war eine Illusion.

Rettung vor dem Kollaps

Die wundersamen Renditebringer waren nicht so wertvoll wie erwartet. Derivate, in denen Subprime-Hypotheken steckten, also Kredite an zweitklassige Schuldner, fielen massenhaft aus. Angesichts steigender Zinsen konnten die überforderten Häuslebauer ihre Schulden nicht mehr begleichen. Die Ratingagenturen stuften die Papiere, deren Wert dramatisch verfiel, herab. Und die New Yorker Bank Bear Stearns meldete den Kollaps zweier hauseigener Hedge-Fonds, die sich mit amerikanischen Hypotheken verspekuliert hatten.

Eine Flut schlechter Nachrichten machte es immer schwerer, die Kreditderivate richtig zu bewerten, und noch schwerer, sie zu verkaufen. Der Handel mit den notleidenden Papieren wurde mangels Käufern gestoppt. Viele Banken, die auf die neuen Anlagevehikel gesetzt hatten, schrieben Milliarden Dollar ab.

Am tiefsten sind Citigroup, Merrill Lynch und Morgan Stanley aus Amerika in den Strudel der Immobilienkrise geraten sowie die Schweizer UBS. Ihre Aktienkurse brachen ein. Hunderte Milliarden an Börsenwert wurden binnen weniger Wochen vernichtet (vgl. Quartalszahlen: Gewinneinbruch bei der Citigroup; Kreditkrise: Mitnichten vorbei; Aktie der UBS ist noch nicht aus dem Gröbsten heraus; Chinesen verschönern Aktie von Morgan Stanley). Einige Vorstandschefs mussten gehen. Finanzinvestoren aus China und der Golfregion eilten UBS, Morgan Stanley und Citigroup mit dicken Geldspritzen zu Hilfe. Sie wollen vom größten anzunehmenden Unfall in der Finanzwelt profitieren und hoffen, dass die einst führenden Banken mit einem blauen Auge und gebrochenem Arm davonkommen.

Angst vor dem noch dickeren Ende

Zwar haben viele Institute bereits Milliarden abgeschrieben, aber niemand weiß, ob das dicke Ende nicht noch kommt. Klar ist nur: Die Subprime-Krise mit faulen Hypothekenkrediten aus Amerika ist längst nicht ausgestanden. Erst nach und nach kommt das Ausmaß der faulen Kredite zum Vorschein.

Der frühere Chef der amerikanischen Notenbank Alan Greenspan rechnet damit, dass Wertpapiere im Wert von 200 Milliarden Dollar abgeschrieben werden müssen - im besten Fall. Vielleicht aber auch doppelt so viel. Bei welcher Adresse die größten Verluste lauern, darüber lässt sich nur spekulieren. Deshalb zögern die Banken, sich untereinander Geld zu leihen. Wer Cash hat, hortet es lieber, weil er fürchtet, das Geld noch zu brauchen, wenn weitere Investments in Not geraten.

Erstarrter Geldmarkt

Wie ernst die Liquiditätsklemme geworden ist, zeigt die fast schon panischen Reaktion der amerikanischen Notenbank. Die Märkte sind hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung, dass das Geld helfen möge, und der Angst, dass der Plan entlarvt, wie beunruhigt die Notenbanker in Wirklichkeit sind. Die Furcht vor einer tiefen Krise scheint nicht unbegründet, hat das Kreditdebakel doch eine erschreckende Eigendynamik entwickelt.

Eigentlich wertvolle Forderungen aus Auto- oder Konsumkrediten, die zu Paketen verschnürt sind, werden plötzlich wertlos. Viele Käufer solcher Wertpapiere sind in einen Streik getreten. Ihre Überlegung: Wenn jemand in Amerika seine Hypothek nicht mehr bezahlen kann, stellt sich die Frage, wie lange er noch seinen Konsumkredit, seine Auto- oder Kreditkartenschulden bedient (vgl. Erfasst die Hypothekenkrise nun die Konsumentenkredite?; Großbritannien: Wohlstand auf Pump). Noch sind diese Dominosteine nicht gefallen. Doch der Markt für verbriefte Forderungen ist nahezu zusammengebrochen.

Rezessionsgefahr besteht

Die Konsequenzen der Krise für die Realwirtschaft sind kaum abzusehen. Analysten von UBS schätzen den volkswirtschaftlichen Verlust, der durch die Kreditklemme entsteht, auf 605 Milliarden Dollar. Denn es gibt Berührungspunkte zwischen der Finanzwelt und der realen Welt des Arbeitens, Konsumierens und Produzierens.

Geht es um den amerikanischen Immobilienmarkt, wird unmittelbar klar: Es trifft eine ganze Branche empfindlich, die in den vergangenen Jahren viel zum Wirtschaftswachstum beigetragen hat: den Bau. Härter noch dürfte die Konjunktur treffen, dass die Banken Unternehmern und Verbrauchern weniger Geld leihen. Institute, die am Hypothekenmarkt in Schwierigkeiten geraten sind, haben vielleicht gar nicht mehr die Möglichkeit, ihre Kreditvergabe im gewohnten Umfang weiter zu betreiben.

Zudem wird befürchtet, dass der Einbruch am Immobilienmarkt bald auch die Konsumbereitschaft der Amerikaner dämpft, denn wer Angst hat, sein Haus zu verlieren, oder auch nur sieht, dass es an Wert verliert, gibt weniger Geld für Wäschetrockner und Urlaub aus. Die amerikanische Notenbank senkte ihre Wachstumsprognose für 2008 deutlich von 2,5 auf 1,8 Prozent. Immer mehr Ökonomen sehen gar eine Rezession voraus, darunter auch Alan Greenspan.

Beelzebubs Verheerungen

Es ist schon merkwürdig, dass da einer vor den Folgen einer Krise warnt, an deren Entstehen er nicht ganz unbeteiligt ist. Amerika, behaupten seine Kritiker, leide noch immer unter der gefährlichen Geldpolitik des früheren Notenbankchefs. Nach dem Platzen der Blase am Aktienmarkt hatte Greenspan 2001 bis 2003 die Gefahr einer Deflation bekämpft und die Zinsen auf nur ein Prozent gedrückt.

Diese Minizinsen hätten den Boom und die späteren Exzesse am Immobilienmarkt erst möglich gemacht, sagen Greenspans Gegner. Stattdessen hätte er dem vorangegangenen Exzess am Aktienmarkt etwas mehr Zerstörung gönnen sollen. Greenspan habe den Immobilienboom provoziert und es in Kauf genommen, dass sich die Verbraucher noch stärker verschulden, um eine tiefe Rezession zu vermeiden. Sein Nachfolger Ben Bernanke steht heute vor einem ähnlichen Dilemma.

Risikomanagement auf dem Prüfstand

Auch die Banken müssen unangenehme Fragen beantworten: Was taugen ihre Risikomodelle, wenn sie nur in einem Wohlfühlklima funktionieren, aber eben nicht in außergewöhnlichen Situationen? Es kann nicht sein, dass vermeintlich vorbildliche Banken wie UBS und Citigroup größere Mengen Giftmüll im Keller haben, ohne sich darüber klar zu sein.

Auch das Geschäftsmodell steht in Frage: Ist ein Gemischtwarenladen, wie ihn UBS und Citigroup haben, zukunftsfähig? Oder sollten Investmentbank und Vermögensverwaltung nicht besser getrennt werden? Schließlich haben andere Banken die Klippen der Subprime-Krise bislang geschickt umschifft. Goldman Sachs meldete sogar einen Rekordgewinn. Auf viele Fragen zur Kreditkrise gibt es bis heute keine gültige Antwort.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @che/@mho
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