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Japanischer Ökonom Richard Koo : „Amerika und Europa nähern sich Japan an“

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Richard Koo, Chefvolkswirt des Nomura Research Institute in Tokio Bild: Nomura

Wenn eine kreditfinanzierte Blase platzt, müssen Unternehmen und Privatpersonen oft sparen. Richard Koo nennt das Bilanzrezession. In ihr gelten traditionellen Weisheiten nicht mehr.

          Herr Koo, Sie haben den Begriff Bilanzrezession geprägt. Was ist das?

          Eine Bilanzrezession kennzeichnet eine Situation, in der Unternehmen und private Haushalte nach einer Spekulationsblase ihre Verschuldung sogar bei Zinssätzen nahe der Null-Prozent-Marke reduzieren müssen. Das heißt, die private Ersparnis nimmt deutlich zu. In dieser Situation gelten viele normale ökonomische Sachverhalte nicht mehr. So maximieren in einer Bilanzrezession die Unternehmen nicht länger ihre Gewinne. Stattdessen minimieren sie notgedrungen ihre oft zu hohe Verschuldung, weil sie ansonsten ihre Kreditwürdigkeit zu verlieren drohen. In Japan haben wir eine Bilanzrezession nach dem Platzen der Immobilienpreisblase im Jahr 1990 gesehen. In Amerika und Teilen Europas sehen wir sie seit dem Ausbruch der jüngsten Krise. Die Parallelen sind frappierend.

          Häuserpreise in Amerika und Japan Bilderstrecke

          Sie unterscheiden zwischen einer gewöhnlichen Finanzkrise und einer Bilanzrezession. Wie?

          In einer Finanzkrise steht der Geldgeber im Mittelpunkt. In einer Bilanzrezession steht der Kreditnehmer im Mittelpunkt, weil er um seine Zahlungsfähigkeit und Kreditwürdigkeit fürchtet.

          Was ist in einer Bilanzrezession zu tun?

          Zunächst muss man erkennen, dass in einer Bilanzrezession die Geldpolitik nicht mehr richtig funktioniert. In normalen Fällen stehen die Geldbasis, die Geldmenge und das Kreditvolumen in einem Zusammenhang. Das war in Japan bis zum Platzen der Immobilienpreisblase 1990 und in den Vereinigten Staaten sowie in Europa bis zum Zusammenbruch von Lehman Brothers im Herbst 2008 so. Seitdem ist der Zusammenhang gestört. Die Zentralbanken haben in Japan, den Vereinigten Staaten, Großbritannien und im Euroraum die Geldbasis sehr stark ausgeweitet. Allerdings steht dem kein entsprechendes Wachstum der Geldmenge entgegen, und das Kreditvolumen hat sich häufig negativ entwickelt. Nach den vorangegangenen Übertreibungen müssen die Unternehmen und die privaten Haushalte ihre Verschuldung reduzieren. In einer solchen Bilanzrezession ist die Nachfrage nach zusätzlichen Krediten in der Privatwirtschaft notwendigerweise schwach. Deshalb gibt es kein starkes Kreditwachstum, und deshalb ist Inflation keine ernsthafte Gefahr. Wenn es nicht genügend potentielle Kreditnehmer gibt, kann die Geldpolitik nicht richtig funktionieren.

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          Und was soll man machen?

          Der Staat muss die hohen Ersparnisse von Unternehmen und privaten Haushalten aufnehmen. Im schlimmsten Fall droht ansonsten eine schwere Depression wie in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Viele Ausländer haben Japan den Vorwurf gemacht, unsere Konjunkturprogramme hätten nichts gebracht. Das stimmt nicht. Wir haben in einer schweren und langjährigen Bilanzrezession einen Einbruch der Konjunktur verhindert und sogar ein leichtes Wirtschaftswachstum erzielt. Damit haben wir es dem privaten Sektor ermöglicht, Einnahmen zu erzielen, um seine Bilanzen zu reparieren. Wir haben allerdings zweimal verfrüht Austeritätspolitik betrieben, die uns teuer zu stehen kam, weil wir anschließend mit hohen zusätzlichen Staatsschulden die Konjunktur vor einem neuerlichen Absturz bewahren mussten.

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