Die Anleger am internationalen Anleihemarkt spekulieren darauf, dass Irland seine Schuldenkrise überwindet und Hilfe der anderen Euroländer bei der Bewältigung seiner Bankenaltlasten bekommt. Die Rendite irischer Staatsanleihen mit neun Jahren Laufzeit fiel am Dienstag erstmals seit Oktober 2010 wieder leicht unter die Marke von 6 Prozent. Der Rückgang spiegelt die gesunkene Risikoprämie wider, die Anleger verlangen, wenn sie in die Staatsschulden Irlands investieren. Irische Staatsanleihen sind seit Monaten sehr gefragt. Wer im Sommer 2011 so mutig war, diese Papiere zu kaufen, kann sich heute nach Berechnungen des irischen Wertpapierhändlers Davy über Kursgewinne von knapp 70 Prozent freuen. „Kein anderer Anleihemarkt der Welt hat sich so gut entwickelt“, sagt Donal O’Mahony, Analyst bei Davy in Dublin.
Aus Sicht der Investoren setzt sich der Inselstaat damit immer stärker von anderen Wackelkandidaten in der Europäischen Währungsunion ab. Vor einem Monat gelang es dem irischen Staat erstmals seit dem Herbst 2010 wieder eine lang laufende Staatsanleihe zu begeben. Die Renditen zweijähriger irischer Anleihen liegen mit knapp 2 Prozent inzwischen sogar unter denen von Italien, obwohl die Italiener anders als die Iren bisher nicht zum Kreis der Notfallpatienten zählen, die Rettungskredite der anderen Euroländer benötigten. Das kleine Irland hatte im November 2010 ein Hilfspaket im Nettovolumen von 68 Milliarden Euro erhalten.
„Ähnliche Fälle werden gleich behandelt“
Ein wesentlicher Grund für den Optimismus der Anleger ist die Hoffnung, dass der irische Staat einen Teil seiner Schuldenlast auf den neuen europäischen Hilfsfonds ESM abschieben kann. Dies käme einem zweiten Hilfspaket für Irland gleich. Auf dem EU-Gipfeltreffen Ende Juni hatten die anderen Euroländer den Iren erstmals konkret weitere Hilfen für ihre maroden Banken in Aussicht gestellt. Irland hat seine Kreditinstitute in den vergangenen Jahren mit Kapitalspritzen von insgesamt 64 Milliarden Euro vor dem Kollaps bewahrt. Nach enttäuschenden Halbjahrszahlen der Bank of Ireland warnten Analysten Mitte des Monats zudem, das größte irische Kreditinstitut werde womöglich noch mehr frisches Eigenkapital benötigen, um seine Milliardenverluste abzufedern.
Nachdem auf dem EU-Gipfel direkte Rettungskredite an spanische Banken vereinbart worden sind, hoffen auch die Iren, nachträglich die hohen Kosten ihrer Bankenrettung zumindest teilweise auf den ESM-Fonds abwälzen zu können. „Ähnliche Fälle werden gleich behandelt“, heißt es mit Blick auf Irland und Spanien in der gemeinsamen Gipfel-Abschlusserklärung der Regierungschefs. Der irische Finanzminister Michael Noonan erwartet, bis Oktober eine grundsätzliche Verständigung mit den anderen Euroländern erreichen zu können.
Das Vorbild unter den Krisenländern
Die Ratingagenturen bleiben bisher allerdings skeptisch. Standard&Poor’s (S&P) hat Anfang des Monats seine Bonitätsnote von „BBB+“ mit negativem Ausblick bestätigt. Irische Staatsanleihen rangieren damit nur drei Stufen über hochriskanten Ramsch-Anleihen (Junk Bonds). Es gebe „weiterhin erhebliche Ungewissheiten“ über den Ausgang der Verhandlungen über ein Hilfspaket für Irlands Banken, warnte S&P. Auch die Ratingagentur Moody’s hat vor zwei Wochen klargestellt, es gebe bisher keinen Anlass für eine verbesserte Einschätzung der irischen Bonität. Moody’s zählt die irischen Papiere mit „Ba1“ bei negativem Ausblick weiterhin zum hochspekulativen Bereich.
Irland gilt als Vorbild unter den Krisenländern der Eurozone, weil das Land früher und entschlossener als Portugal, Spanien und Italien mit harten Sparmaßnahmen gegengesteuert hat. Im Frühjahr stärkten die irischen Wähler zudem in einem Volksentscheid der Regierung den Rücken bei ihrer Sparpolitik. Höhere Exporte gleichen bislang die drastisch gesunkene Inlandsnachfrage zumindest teilweise aus und stabilisieren so die Konjunktur. Allerdings ist das Ausmaß der Bankenkrise in Irland nach Einschätzung von Analysten viel größer als in Spanien. Trotz der drastischen Maßnahmen zur Sanierung der Staatsfinanzen ist das Haushaltsdefizit in Irland noch immer höher als in Griechenland, Portugal, Spanien und Italien.