12.04.2001 · Führt Ethik zum Erfolg, oder können sich nur Erfolgreiche Ethik leisten? Experte Hoffmann gibt die Antwort bei FAZ.NET.
Mit ethischen Investments verbinden viele Anleger den Verzicht auf Renditen oder zumindest Renditenachteile. Dies muss aber keineswegs sein, meint Johannes Hoffmann. Mit dem Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden hat der Professor für Moraltheologie und Sozialethik an der Goethe-Universität in Frankfurt, den ersten weltweiten Kriterienkatalog für die Bewertung von Unternehmen nach ethisch-ökologischen Gesichtspunkten aufgestellt. Zudem hat er mit dem Verein Corporate Responsibility Interface Center (CRIC) einen Zusammenschluss von Investoren initiiert, die sich für ethische Investments interessieren. Im Gespräch mit FAZ.NET berichtet Hoffmann über seine Erfahrungen mit ethischen Investments.
Was ist Ihre persönliche Motivation beim Thema ethische Geldanlage?
Ich habe mich schon lange mit Wirtschaftsethik beschäftigt, aber das Thema Geldanlage haben 1991 drei Frankfurter Banker angestoßen. Sie kamen auf mich zu und bemängelten, dass sie Kirchengelder verwalteten, aber die kirchlichen Gemeinschaften und Institutionen überhaupt keinen Überblick darüber hätten, wo die Gelder angelegt seien. Die Banker fürchteten dadurch einen Imageverlust der Kirchen. Ich habe dann gemeinsam mit dem Ökonomen Gerhard Scherhorn den Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden als Instrument zur Bewertung von Unternehmen und Kapitalanlagen entwickelt, mit dem drei Dimensionen, nämlich: Kulturverträglichkeit, Naturverträglichkeit und Sozialverträglichkeit analysiert werden können.
Wie wird dieser Leitfaden in der Praxis umgesetzt?
In unserem ersten Vorschlag hatten wir 850 Kriterien, die wir den Praktikern vorgestellt haben. Die Banker meinten dazu: theoretisch hervorragend, praktisch so nicht anwendbar. In einem nächsten Schritt haben wir die abprüfbaren Kriterien auf 200 Punkte gekürzt und zusammen mit der Ratingagentur oekum research AG, München, das Corporate Responsibility Rating entwickelt. Um Futter für unsere Studie zu bekommen, haben wir die Portfolios von Ordensgemeinschaften durchleuchtet und geratet. Unser Ziel war es, die börsengängigen Anlagepapiere nach Branchen weltweit ethisch-ökologisch zu bewerten.
Wie ist die Akzeptanz für ethische Investments?
Natürlich wollten wir von Anfang an mit unserer Arbeit etwas bewirken, aber dass das Interesse so schnell so groß sein würde, haben wir nicht zu hoffen gewagt. Dadurch, dass wir mit unserer Arbeit sehr früh angefangen haben, waren wir offenbar genau zur richtigen Zeit am Markt. In den vergangenen Jahren hat die Sensibilität in der Gesellschaft für dieses Thema zugenommen und von daher lassen sich unsere Ansätze gut umsetzen. Schon gibt es erste Banken-Fonds, die nach unseren Leitlinien gemanagt werden. Einen zusätzlichen Schub dürften die ethischen Investments dadurch bekommen, dass der Bundestag im Rahmen der Rentengesetze einen Passus beschlossen hat, der die Versicherungen dazu verpflichtet, bei der Verwaltung von Rentenfonds jährlich darüber zu berichten, ob und in welchem Umfang sie ethisch-ökologische Gesichtspunkte berücksichtigt haben. Wenn diese Berichtspflicht auch im Bundesrat auf Zustimmung stößt, dann wird das eine enorme Schubkraft auf das Wachstum der ethisch-ökologischen Geldanlagen ausüben.
Wie reagieren die Unternehmen auf das Rating?
Da innerhalb der Branchen eine Rangliste der Unternehmen erstellt wird, entfacht sich ein ethischer Wettbewerb. Beispielsweise lag die Deutsche Telekom bei ihrer ersten Beurteilung 1995 im letzten Drittel der Telekombranche. Kritikpunkte waren ein fehlendes differenziertes Umweltmanagement, zudem hatte die Telekom nur Kabel auf PVC-Basis verwendet. Die Telekom hat danach innerhalb von einem Jahr ein komplexes Umweltmanagement implementiert und pvc-freie Kabel produziert. Dies ist ein positives Beispiel dafür, dass die ethisch-ökologische Bewertung Schwachstellen aufdeckt und Innovationen anregt.
Haben Sie Zahlen darüber, wie sich ethisch-ökologische Investments entwickeln?
Die oekom research hat bislang elf Branchen dahingehend untersucht, wie sich die ethisch-aktiven und ethisch-passiven Unternehmen entwickelt haben. 160 Unternehmen wurden in zwei Gruppen unterteilt, die ökologisch aktiveren und die ökologisch passiveren. Von 1997 bis 2000 haben die ökologisch aktiveren Unternehmen eine deutlich bessere ökonomische Performance erzielt.
Führt Ethik damit zum Erfolg oder wie begründen Sie dieses Ergebnis?
Wir haben uns natürlich gefragt, ob Ethik zum Erfolg führt, oder ob sich erfolgreiche Unternehmen Ethik leisten können. Aber die Ursache liegt wohl auf einer anderen Ebene. Die ökologisch aktiven Unternehmen zeichnen sich durch ein modernes Management aus. Diese Vorstände führen ihr Unternehmen eben nicht nach rein finanziellen Gesichtspunkten, sondern suchen ökologische und soziale Ziele mit den ökonomischen zu vereinbaren und sind daher besser als die Konkurrenten. Es gibt ja auch logische Erklärungen dafür: Wenn Unternehmen beispielsweise ethische Standards vorwegnehmen, die später Gesetz werden. Dann haben sie einen Wettbewerbsvorteil, wenn diese Regelung in Kraft tritt. Dies sind zwar alles so genannte Softbereiche der Unternehmensführung. Aber wenn man diese ausklammert, kann das große Folgen haben.
Welchen Ethik-Begriff legen Sie bei Ihrer Arbeit zugrunde?
Es geht uns hierbei um die Ermöglichung von Menschsein in Gemeinschaft mit der Mitwelt, der natürlichen und der sozialen. Wir beachten dabei erstens, dass wir in einer pluralistischen und individualisierten Gesellschaft leben. Was ethisch sinnvoll ist, muss im Diskurs erarbeitet werden. Zweitens gehen wir vom Kontext des jüdisch-christlichen Abendlandes aus, in dem wir leben. Aber wir sind zugleich im Gespräch mit Menschen aus anderen Kulturen. Dabei zeigt sich, dass die kulturellen Unterschiede, was die elementaren Prinzipien der Ethik betrifft, nicht so groß sind, dass keine Annäherung im Diskurs möglich wäre. Der interkulturelle Diskurs ist für uns eine große und bleibende Aufgabe.