10.03.2004 · Am Rentenmarkt kommt es gerade zu einer Neubewertung. Die Konjunktur- und Inflationserwartungen werden gesenkt, was laut Fondsberater Bernd Früh dazu führen wird, daß 2004 noch einmal ein gutes Rentenjahr wird.
Die Rentenmärkte halten sich einfach nicht an das Drehbuch, das die Zinsexperten zu Jahresbeginn in ungewohnter Eintracht geschrieben haben. Basierend auf der Hoffnung einer anziehenden Weltkonjunktur sagten sie seinerzeit für 2004 steigende Renditen voraus.
Doch bisher erwies sich diese Vorhersage als eindeutige Fehlprognose. In Amerika hat sich die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen mit aktuell 3,715 Prozent wieder weit von ihrem am 14. August erreichten Vorjahreshoch von 4,62 Prozent entfernt. Auch in Deutschland werfen die Zehnjährigen mittlerweile nur noch weniger als vier Prozent ab. Die Renditen haben sich somit deutlich von ihrem Zwischenhoch vom 2. Dezember bei 4,49 Prozent abgesetzt.
Angesichts dieser überraschenden Entwicklung drängt sich die Frage auf, ob die Experten bei ihren Prognosen zurückrudern müssen oder ob es sich um ein letztes Aufbäumen des Bullenmarktes am Rentenmarkt handelt. FAZ.NET befragte dazu Bernd Früh, Fondsberater des BW-Renta Universal Fonds (WKN: 849154). Früh glaubt schon lange nicht an die viel beschworene Zinswende (siehe Links) - und die derzeitige Entwicklung scheint ihm Recht zu geben.
Was passiert denn eigentlich gerade genau am Rentenmarkt?
Zur Zeit kommt es zu einer fundamentalen Neubewertung der Lage. Die Marktteilnehmer revidieren ihre bisher offenbar zu optimistischen Konjunkturerwartungen. Denn nach den jüngsten Konjunkturdaten hat man plötzlich das Gefühl, daß die Frühindikatoren ihren Zenit bereits überschritten haben. Nun verstärkt sich der Eindruck, als ob die Weltwirtschaft zwar weiter wachsen wird, aber mit einer geringer als erwarteten Dynamik. Nicht bewahrheitet haben sich bisher auch die Inflationserwartungen vieler Marktteilnehmer. Trotz hoher Rohstoffpreise ist die Inflation nicht angesprungen, so daß sich die Frage stellt, was erst passieren wird, wenn die Rohstoffpreise wieder sinken sollten.
Trotzdem bereitet die amerikanische Notenbank die Märkte aber auf eine Zinserhöhung vor?
Ja schon, aber bis es tatsächlich soweit ist, muß man noch Geduld mitbringen. Zumal die Kerninflation in den vergangenen Monaten gefallen ist und die dortigen Immobilienmärkte eine rasche Zinsanhebung vermutlich nicht so ohne weiteres wegstecken könnten. Hinzu kommt, daß Zinserhöhungen nicht zwangsläufig belastend für langlaufende Anleihen sein müssen. Denn deren Rendite wird vornehmlich über die Inflationserwartung bestimmt und diese dürfte bei einem Anziehen der Zinszügel abnehmen.
Vom Kauf inflationsgeschützter Anleihen, die derzeit vielfach propagiert werden, halten Sie folglich wenig?
Ja, in meinem Portfolio finden sich solche Titel nicht. Denn ich kann mir angesichts vorhandener Überkapazitäten und der Verschuldungsproblematik auf Ebene der Staaten und der Privathaushalte nur schwer vorstellen, woher die Inflation kommen soll. Alle, die auf inflationsgeschützte Anleihen gesetzt haben, dürften gerade sehr nervös und dabei sein, ihre Meinungen zu revidieren.
Und wann würden Sie Ihre Haltung überprüfen?
Alles entscheidend für mich ist die Entwicklung bei den Verbraucherpreisindizes. Nervös würde ich erst dann, wenn diese zwei bis drei Monaten hintereinander im Monatsvergleich über Gebühr anziehen würden. Bisher sind die Verbraucherpreise trotz konjunkturellem Aufschwung und hoher Rohstoffpreise aber im Zaum geblieben. Und ein Anziehen kann ich derzeit nicht erkennen. Finnland könnte jetzt sogar das erste europäische Land des Euro-Raums sein, in dem es im Februar zu einer negativen Inflationsrate gekommen ist.
Ist dann in Europa vielleicht sogar noch eine Zinssenkung möglich?
Dazu könnte es dann kommen, wenn der konjunkturelle Schwung merklich nachläßt und der Euro noch einmal einen Schub nach oben bekommen sollte. Es ist aber fraglich, ob das überhaupt noch etwas bringen würde, schließlich ist der Leitzins mit zwei Prozent schon jetzt für deutsche Verhältnisse auf dem tiefsten Niveau seit Bismarck. Wegen dieser Tatsache dürfte sich die EZB mit einer weiteren Zinssenkung vorerst schwer tun.
Was bedeutet Ihr Szenario zusammengefaßt für die Rentenmärkte?
Der Markt hat noch Potential, und wir werden noch einige Bewegung sehen. Unter der Annahme, daß sich die konjunkturelle Dynamik verlangsamt, sind sogar neue Renditetiefs möglich. Denn es gibt noch viel Liquidität, die danach drängt angelegt zu werden. Interessant sind vor allem langfristige Anleihen von Schuldnern mit erstklassiger Bonität, denn die Zinsstrukturkurve ist extrem steil, so daß Langläufer derzeit deutlich mehr abwerfen als Kurzläufer. Insgesamt gehe ich davon aus, daß dieses Jahr noch einmal ein gutes Rentenjahr wird. Meinem Fonds traue ich dabei ein Plus von über sechs Prozent zu.