27.06.2010 · Geld ist im Überfluss vorhanden, und doch erwarten die Banken den kommenden Donnerstag mit Bangen. Die Rückzahlung eines Finanzierungsgeschäft über 442 Milliarden an die EZB steht bevor.
Von Stefan RuhkampDie Schwäche des Bankensystems droht zu einem ernsten Risiko für den Aufschwung der Wirtschaft zu werden. Noch berichten die Unternehmen über mehr Aufträge und eine gute Stimmung. Doch die Furcht vor einer weiteren Verschärfung der Schuldenkrise dämpft den Optimismus. In der kommenden Woche steht ein weiterer Belastungstest bevor. Am Donnerstag werden die Banken des Euro-Raums der Europäischen Zentralbank (EZB) 442 Milliarden Euro für ein Finanzierungsgeschäft überweisen, das vor einem Jahr aufgelegt wurde und nun fällig ist.
Die EZB bietet zwar einige Ersatzgeschäfte an, um die Rückzahlung zu erleichtern. Am Mittwoch, einen Tag vor der großen Rückzahlung, gibt es ein dreimonatiges Finanzierungsgeschäft mit voller Zuteilung zum Leitzins. Die Banken können sich also so viel Geld leihen, wie sie wollen. Gleichwohl erwarten Analysten, dass die Marktzinsen für längerfristige Finanzierungen der Banken untereinander deutlich steigen werden.
Niedrigen Leitzins für ein Jahr sichern
Die riesige fällige Summe – ein größeres Geschäft hat es bislang noch nicht im Euro-Raum gegeben – haben viele Banken genutzt, um sich ein Sicherheitspolster an Liquidität anzulegen und um in längerfristige Anleihen zu investieren. Im Juli vergangenen Jahres nutzten sie das wegen der Finanzkrise ins Leben gerufene Geschäft, um sich den niedrigen Leitzins von 1 Prozent für ein ganzes Jahr zu sichern. Die Nachfrage war beim ersten dieser Langfristgeschäfte besonders groß. Inzwischen hat die EZB zwei weitere Geschäfte mit derartig langen Laufzeiten aufgelegt, danach aber kein weiteres mehr angekündigt. Die Banken können entweder auf die regulären wöchentlichen, die monatlichen oder in der kommenden Woche auf das dreimonatige Geschäft ausweichen, um sich so die benötigten Summen zu besorgen.
Ein Teil der Banken gilt inzwischen wieder als so kreditwürdig, dass sie sich bei Konkurrenten mit Geld eindecken können. Doch das gilt für viele andere nicht. Das Misstrauen ist insbesondere gegenüber portugiesischen, griechischen, spanischen und irischen Banken groß. Wie groß die Sorgen sind, könnte am Montag auch der Jahresbericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zeigen.
Griechische Banken sind mehr als alle anderen auf den direkten und unbegrenzten Zugang zur Zentralbank angewiesen. Im Durchschnitt machen die Ausleihungen der griechischen Banken bei der EZB schon rund 16 Prozent ihrer gesamten Finanzierung aus. Vor zwei Jahren lag dieser Wert noch bei weniger als 4 Prozent. Für sie wird die Luft immer dünner, weil sie einen großen Teil des kurzfristig bei der EZB aufgenommenen Geldes in Staatsanleihen investiert haben.
Zunächst war das ein lukratives Geschäft, doch seitdem sich das Misstrauen auch gegen Staaten des Euro-Raums richtet, wird die Bedrängnis immer größer. Zehnjährige griechische Staatsanleihen werden derzeit mit 75 Cent je Euro Nennwert gehandelt. Die Banken haben sie vielfach zu einem weitaus höheren Preis gekauft. Nach der Herabstufung durch die Rating-Agentur Moody’s hat Griechenland gar kein Rating mehr, das noch zum „Investment Grade“ der soliden Schuldner zählt. Deshalb werden die griechischen Anleihen in der kommenden Woche aus einigen wichtigen Indizes entfernt. Das zwingt einige institutionelle Investoren, die sich an diesen Indizes orientieren, zum Verkauf.
Strenge Blicke auf Spaniens Finanzen
Die Sorge, dass es am Donnerstag zu Marktverwerfungen kommen könnte, hat schon in den vergangenen Tagen dazu geführt, dass sich die Kosten für die Absicherung von Forderungen gegen Griechenland auf ein Rekordniveau verteuert haben. Für fünfjährige Credit Default Swaps nahmen die Sicherungsnehmer zeitweise Jahresprämien von mehr als 11 Prozent der gesicherten Summe in Kauf. Die Kurse griechischer Staatsanleihen fielen weiter, obwohl die Europäische Zentralbank den Markt weiterhin mit Käufen stützt. Die Rendite der griechischen Titel stieg auf mehr als 10 Prozent, wodurch sich der Abstand zu Bundesanleihen, den man als Risikoprämie verstehen kann, auf 7,8 Prozentpunkte erhöhte. Nur unmittelbar vor dem Beschluss der Stabilisierungsprogramme und dem Beginn der EZB-Käufe am 10. Mai war der Abstand mit knapp 10 Punkten noch größer.
Unterdessen werfen die Banken auch strenge Blicke auf Spaniens Finanzen, wenngleich die Situation dort noch als ungleich solider gilt als die in Griechenland. Gleichwohl wird durchgespielt, ob nicht auch Spanien im Juli in Schwierigkeiten geraten könnte. Goldman Sachs schätzt die liquiden Mittel des spanischen Staates Ende Juni auf 9,2 Milliarden Euro. Dem stünden Mittelabflüsse von 13,5 Milliarden Euro aus dem Haushaltsdefizit und 8,2 Milliarden, weil mehr Anleihen getilgt werden müssen, als neu ausgegeben werden, gegenüber.
Kürzung der Renten um 15 Prozent
Es bleibe deshalb eine mögliche Finanzierungslücke von 12,6 Milliarden Euro, rechnen die Analysten der Investmentbank vor. Die Regierung könne mehr Anleihen begeben, müsse allerdings noch höhere Zinsen in Kauf nehmen. Oder das Finanzministerium könnte sich Kreditlinien bei Banken verschafft haben. Denkbar sei auch das Hinauszögern von Zahlungen zum Beispiel an Dienstleister.
In jedem Fall wird die nächste Anleiheauktion der Spanier besondere Aufmerksamkeit genießen. Und auch hier richtet sich der Blick auf den Donnerstag, wenn fünfjährige spanische Schuldtitel versteigert werden. Am 15. Juli folgen zehnjährige Anleihen und am 20. Juli Geldmarkttitel mit Laufzeiten von einem Jahr und 18 Monaten. Für spanische Anleihen beträgt die Risikoprämie gegenüber Bundesanleihen derzeit rund 1,85 Prozentpunkte. Das ist zwar relativ wenig im Vergleich zu griechischen Schuldtiteln, das Niveau ist heute jedoch höher als vor der Bekanntgabe der europäischen Stabilisierungsprogramme. Auch für Spanien liegen die CDS-Risikoprämien mit jährlich 2,66 Prozent der gesicherten Summe nahe dem Rekordhoch.
Zusätzliche Verunsicherung könnte ein Urteil des rumänischen Verfassungsgerichts auslösen. Es hat Teile der Ausgabenkürzungen der Regierung für verfassungswidrig erklärt. Die Kürzung der Renten um 15 Prozent und die Neuberechnung der Beamtenpensionen seien rechtswidrig. Nun droht eine verzögerte Auszahlung der zweiten Tranche des Kredits des Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Union.
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