Home
http://www.faz.net/-gvt-6jze5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Internationaler Finanzmarkt Vertrauen in die Banken wächst ein Stück

11.07.2010 ·  In Europa finden unbesicherte Bankanleihen Käufer - überraschend, da zuletzt sogar der Markt für Pfandbriefe zumindest für südeuropäische Banken komplett verschlossen war. In Amerika klettern die Aktienkurse kräftig, während die Diskussion über eine drohende Deflation an Gewicht gewinnt.

Von Hanno Mußler
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (2)

Banken bekommen in freier Wildbahn wieder Geld. Mit dieser Feststellung gehen Investmentbanker jetzt erstmals seit drei Jahren gelassen in die Sommerferien. Auf dem Markt für besicherte Bankanleihen (Pfandbriefe) herrscht, abgesehen von einem neuen Pfandbrief von Crédit Agricole, Sommerpause. Aber plötzlich hat sich der Markt für unbesicherte und damit riskantere Bankanleihen geöffnet. Dies ist überraschend, denn in den vergangenen Monaten war sogar der Markt für Pfandbriefe zumindest für südeuropäische Banken komplett verschlossen gewesen. Hier färbte das Misstrauen der Anleger gegen hochverschuldete Staaten auf Banken ab. Konnten die europäischen Banken im Februar noch 90 Milliarden Euro am Kapitalmarkt aufnehmen, waren es im Juni weniger als 25 Milliarden Euro.

Eine Schneise in die freie Wildbahn haben jetzt zunächst Banken aus dem hohen Norden geschlagen. Die skandinavischen Banken Nordea und DNB Nor liehen sich als erste vor zwei Wochen unbesichert Geld für zehn Jahre. In der vergangenen Woche setzte sich das fort. 10 Milliarden Euro sammelten zwei Handvoll europäische Banken mit unbesicherten Anleihen ein. Darunter war allerdings mit der italienischen Intesa nur eine Bank aus einem südeuropäischen Land. Auch mussten für fünf Jahre Laufzeit etwa die Schweizer UBS und die britisch-asiatische Bank HSBC mit Renditeaufschlägen von 150 und 110 Basispunkten auf den 2,2 Prozent betragenden Mid-Swap-Zinssatz den Anlegern deutlich mehr bieten als vor der Krise.

Vertrauen der Banken untereinander wächst

Vor allem Versicherer haben dem Vernehmen nach zugegriffen. Sie dürfen zwar nur einen geringen Prozentsatz ihrer Anlagen in die riskanten unbesicherten Bankanleihen stecken. Aber viele Versicherer hatten offenbar nach der Emissionsflaute diese Ersatzdeckungsmittel nicht mehr ganz ausgeschöpft und konnten nachlegen. Lebensversicherer suchen im niedrigen Zinsumfeld händeringend nach Rendite. Sie haben ihren Versicherten einen Garantiezins von 2,25 Prozent versprochen. Mit Staatsanleihen lässt sich der kaum erwirtschaften. Bundesanleihen mit fünf Jahren Laufzeit rentieren derzeit mit 1,6 Prozent. Wer sich zehn Jahre bindet, bekommt einen Prozentpunkt mehr.

Neben Versicherern sollen auch Banken unbesicherte Anleihen von Konkurrenten gekauft haben. Schon vor der Veröffentlichung der Stresstests am 23. Juli, mit denen die Krisenanfälligkeit von 91 Banken gemessen werden soll, wächst das Vertrauen der Banken untereinander offenbar. Zwar geben Analysten zu bedenken, die Stressannahmen seien zu lasch, und jede Bank werde daher den Test bestehen. Doch ohnehin hat die Veröffentlichung der Stresstests, die von den Aufsichtsbehörden seit langem im Geheimen angewendet werden, ein starkes psychologisches Element, das schon im Voraus zu wirken scheint. Dies zeigt sich auch am Geldmarkt.

Beste Woche des Dow Jones in diesem Jahr

Vor zehn Tagen hat die Europäische Zentralbank (EZB) 442 Milliarden Euro von den Banken zurückgefordert. Die EZB hatte vor einem Jahr den Banken zum Zins von 1 Prozent so viel Geld geliehen, wie diese haben wollten. Damit wollte die EZB eine Liquiditätsklemme verhindern. Vor dem Auslaufen des Jahrestenders hatten sich nun viele Beobachter Sorgen gemacht, weil der Interbanken-Markt immer noch darniederzuliegen schien. Doch Spekulationen, die EZB müsse mit einem neuen Sechs-Monats-Tender eingreifen, sind verflogen. Zwar ist der Eonia, der durchschnittliche Zinssatz am Interbanken-Markt für unbesichertes Geld für eine Nacht, jetzt von 0,295 auf 0,542 Prozent gestiegen. Noch stärker aber kletterte der Drei-Monats-Euribor. Der Renditeabstand dieser beiden Zinssätze, der als ein Maß für die Bereitschaft der Banken gilt, sich Geld zu leihen, stieg mit 0,22 Prozentpunkten auf den höchsten Stand seit August 2007.

Gewachsen ist das Vertrauen vor den in Amerika anstehenden Berichten der Unternehmen über das zweite Quartal auch am Aktienmarkt. Mit einem Gewinn von 5,3 Prozent hat der Index Dow Jones die beste Woche in diesem Jahr hinter sich. Es wird erwartet, dass im zweiten Quartal die Gewinne der Unternehmen zum Vorjahresquartal um 27 Prozent gestiegen sind. Das Aluminiumunternehmen Alcoa beginnt am Montag, als erste Großbank legt JP Morgan am Donnerstag den Quartalsbericht vor. Am Dienstag ist der Halbleiterkonzern Intel dran, der sich angeblich für die zum Verkauf stehende Mobilfunksparte des deutschen Unternehmens Infineon interessiert. Die Infineon-Aktie ist seit Monaten beste Aktie im Dax.

Niedrigster Zins für Hypothekarkredite seit 1971

Gerade mit Blick auf Amerika aber kann auch drei Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise nicht von normalen Verhältnissen gesprochen werden. Zur Erinnerung: Wegen der gewaltigen Verschuldung eigentlich nicht kreditwürdiger amerikanischer Hausbesitzer drohte die Rating-Agentur S&P am 10. Juli 2007, sie werde 612 mit Immobilienkrediten besicherte strukturierte Wertpapiere (RMBS) herabstufen. Damit setzte S&P eine Abwärtswelle in Gang, die Ende Juli die deutsche IKB-Bank und Mitte August die Sachsen LB umgeworfen hätte - wenn beide Banken nicht durch Hilfe von außen gerettet worden wären.

Auch heute erscheint der amerikanische Immobilienmarkt noch aufgebläht. Die amerikanischen Staatsschulden sind weiterhin kleiner als das Fremdkapital, mit dem Immobilien finanziert sind. Umso überraschender ist, dass der Zins für Hypothekarkredite mit dreißig Jahren Laufzeit jetzt auf 4,57 Prozent gefallen ist. Das ist der niedrigste Stand, seit Freddie Mac im Jahr 1971 begonnen hat, den Zins bei den Banken zu erfragen.

Offenbar steht den Amerikanern der Sinn nicht nach Hausbau. Sie legen derzeit rund 4 Prozent ihres Einkommens zur Seite. Das Wirtschaftswachstum, das im ersten Quartal auf das Jahr hochgerechnet 2,7 Prozent betrug, schwächt sich ab. Am Freitag wird die Inflationsrate für Juni bekanntgegeben. Die Teuerung von Energie und Nahrungsmitteln herausgerechnet, wird erwartet, dass die Preise rund 1 Prozent gestiegen sind. Im Jahresverlauf sollte diese Rate angesichts der nachlassenden Konjunkturdynamik und einer Auslastung der Industriekapazität von nur 74 Prozent weiter abnehmen. Damit dürfte die Diskussion über eine womöglich drohende Deflation in Amerika in den nächsten Monaten wohl an Gewicht gewinnen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1971, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

25.05.2012 22:03 Uhr
  Vortag
BUND 144,35 +0,25%
 OK
Zinsen
25.05.2012 11:45 Uhr
  Vortag
REXP 422,77 +2,82%
 OK