22.11.2010 · Nachdem nun Irland aus dem Euro-Rettungsschirm gestützt werden wird, stellt sich an den Finanzmärkten eine neue Frage: Ob das Geld aus dem Rettungsfonds auch für Portugal und Spanien reichen würde? Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt.
Von Bettina SchulzDie Woche beginnt mit einem Hilfsantrag der irischen Regierung zur höheren Kapitalausstattung ihrer Banken und Finanzierungshilfen, wie der irische Finanzminister Brian Lenihan am Sonntag sagte. Es ist das erste Mal, dass ein Land mit Hilfe des neuen „Rettungsschirms“ der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) gerettet werden soll.
Die treibende Kraft ist die Europäische Zentralbank (EZB), die es nicht zulassen kann, dass sie als Sicherheiten von schwachen irischen Banken staatlich garantierte Papiere erhält, deren Staatsgarantie von eben diesen strauchelnden Banken abhängt. Da beißt sich die Katze in den Schwanz, unabhängig davon, dass es nicht die Aufgabe der EZB ist, faktisch insolvente Banken dauerhaft zu refinanzieren.
Wichtig ist die Bankensanierung
Die Abhängigkeit irischer Banken von der EZB von 130 Milliarden Euro im Oktober muss aber differenziert betrachtet werden: etwa 35 Milliarden Euro entfallen auf die Hypo Real Estate, die die irische Depfa Bank übernommen hatte. Diese Refinanzierung läuft Ende des Jahres aus. Die Abhängigkeit der irischen Banken von der Liquiditätszufuhr durch die EZB ist gestiegen, weil - wie auch die Allied Irish Bank am Freitag mitteilte - Unternehmen und Banken liquide Mittel von den irischen Instituten abziehen. Gleichzeitig erhalten die irischen Banken staatsgarantierte Anleihen von der Auffanggesellschaft Nama, die sie als Sicherheit bei der EZB einreichen können.
Nach einer Analyse von Barclays Capital entfallen auf die Bank of Ireland 20 Milliarden Euro EZB-Liquidität, auf Irish Life & Permanent 11,7 Milliarden, auf Educational Building Society 5 Milliarden und auf Irish Nationwide 3 Milliarden. Die Allied Irish Bank schien zuletzt einen Betrag von 27 Milliarden Euro zu nutzen. Der im Verhältnis zur Bilanzsumme von 87 Milliarden Euro extremste Bedarf kommt von der Anglo Irish Bank mit 28 Milliarden Euro und zusätzlicher Extrahilfe der irischen Zentralbank von 30 Milliarden Euro.
Ein Rettungsprogramm wird also vor allem eine Bankensanierung und endgültige Lösung der Anglo Irish Bank beinhalten. Barclays Capital vermutet, dass sich dann die Abhängigkeit der irischen Banken von der EZB relativ schnell wieder abbauen könne, wie kürzlich im Falle spanischer Banken. Wichtig ist, dass der Markt nach der „Rettung“ zwischen der Bonität einzelner Banken unterscheiden kann, was er jetzt nicht mehr tut.
Jeder achte Hypothekenkredit notleidend?
Der zweite Punkt betrifft die Kapitalausstattung der irischen Banken, die nach Angaben von Lenihan am Sonntag aufgestockt werden muss: es ist müßig darum zu streiten, dass die Stressszenarien der Nama möglicherweise zu extrem waren und den irischen Banken mit 40 Milliarden Euro deshalb utopische Abschreibungen auf die gewerblichen Hypothekenkredite aufgebürdet werden.
Der Markt wendet jetzt auch extreme Stressszenarien auf den privaten Hypothekenmarkt an, dies um so mehr, als Marktteilnehmer den chronisch schlechten Daten zum irischen Hypothekenmarkt nicht trauen. Skeptiker schätzten, dass die Quote der notleidenden Hypothekenkredite nicht etwa bei 5,1, sondern eher bei 9 oder gar 12,5 Prozent liegen könnte.
Der Markt verlangt, dass die irischen Banken für entsprechende Schocks am privaten Hypothekenmarkt mit höherem Eigenkapital ausgestattet werden. Lenihan betonte daher am Sonntag, dass neue Stresstests den künftigen Kapitalbedarf der Banken exakt darlegen sollen.
Citigroup meint, im Rahmen des Rettungsprogramms könnten die Banken möglicherweise mit Kernkapital von bis zu 12 Prozent ausgestattet werden gegenüber 7 bis 8 Prozent jetzt. Wenn dies der Fall wäre, könnte den irischen Banken der Geldmarkt wieder zur Finanzierung offenstehen.
Rettungsgespräche zeigen Wirkung
Die Rendite von Staatsanleihen mit zehnjähriger Restlaufzeit belief sich am Freitag auf 8,35 Prozent für Irland, 6,96 Prozent für Portugal, 4,74 Prozent für Spanien und 2,7 Prozent für Bundesanleihen. Die Risikoprämie gegenüber Bundesanleihen belief sich bei Irland auf 544 Basispunkte und damit auf weniger als die 652 Basispunkte am 11. November. Die Rettungsgespräche zeigen ihre Wirkung am Anleihemarkt.
Dennoch, die Märkte kalkulieren derzeit bei Irland mit der Wahrscheinlichkeit von 40 Prozent für eine langfristige Zahlungsunfähigkeit. „Wir geben derzeit 19 Milliarden Euro mehr aus, als der Staat einnimmt. Könnten wir die Differenz nicht ausleihen, könnten wir als Staat nicht mehr funktionieren“, sagte Lenihan am Sonntag.
Soll Irland wie Griechenland drei Jahre vom Kapitalmarkt genommen werden, müssten 64 Milliarden Euro mit Hilfe von Rettungsfonds und IWFs und vielleicht bilateraler Hilfe Großbritanniens finanziert werden. Ab Juni 2013 - also schon vor Ablauf der Dreijahresfrist - soll allerdings das dauerhafte Konstrukt gelten, über dessen Einbindung von privaten Anleihegläubigern noch keine Klarheit herrscht.
Mehr Geld zur Verfügung als benötigt wird
Wenn Irland trotz Bankenreform Finanzierungshilfe für drei Jahre erteilt werden sollte, ist die entscheidende Frage, ob das Geld dann auch noch für Portugal und Spanien reichen würde. Irland braucht bis 2013 im maximalen Fall für Bankenhilfe und Staatsfinanzierung nach Barclays-Berechnungen 85 bis 100 Milliarden Euro, Portugal 34 Milliarden Euro und Spanien etwa 255 Milliarden Euro. Der Stabilisierungsmechanismus kann 60 Milliarden Euro, die Faszilität 255 Milliarden Euro und der IWF bis zu 250 Milliarden Euro finanzieren. Hinzu kommen bilaterale Hilfen. Es steht also im Notfall wesentlich mehr Finanzierungshilfe zur Verfügung, als derzeit realistischerweise abgerufen werden könnte.
Diese Woche kommen zahlreiche, wohl positive Konjunkturdaten aus den Vereinigten Staaten (Bruttoinlandsprodukt, Auftragseingänge dauerhafter Güter) an den Markt. Das dürfte die Risikofreude des Marktes anfeuern und weitere Carry-Trades auslösen, die den Dollar schwächen und die Aktien-, Rohstoff- und Schwellenländermärkte wieder antreiben könnten. Der Dax schloss die vergangene Woche mit 6843 Punkten deutlich erholt von der kürzlichen Korrektur. Der S&P-500 lag ebenfalls im Plus auf 1199 Punkten. Vergangene Woche war der Dollar zwischenzeitlich auf weniger als 1,35 Dollar zum Euro gerutscht. In Europa, vor allem Deutschland, könnten Geschäftsklimaindizes (Ifo-Index) die Stimmung heben.
Griechenland und Irland: Mit zweierlei Maß oder eine neue Vernunft?
Andreas Breuer (IUSTINUS)
- 22.11.2010, 13:00 Uhr
Genau so ist es Herr Breuer
Christos Nikolaou (Nikolaou)
- 22.11.2010, 15:12 Uhr