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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Internationaler Finanzmarkt Europa - ein Frühlingsmärchen

 ·  Im Kern der Währungsunion und im Norden steigen die Renditen. Die Spreads zum Süden werden kleiner.

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© F.A.Z.

Am Ende des Tages zählt an den Finanzmärkten immer noch, was gerade in den Vereinigten Staaten von Amerika geschieht. Die zuletzt veröffentlichten Wirtschaftsdaten deuten nach Ansicht vieler Marktteilnehmer auf eine Belebung des Wirtschaftswachstums und wachsende Inflationsgefahren. Prompt sind die Renditen vor allem zehnjähriger Staatsanleihen gestiegen: Lag die Rendite der Zehnjährigen Anfang März noch unter 2 Prozent, so betrug sie am vergangenen Freitag 2,30 Prozent. Die Renditekurve wird steiler und damit „normaler“. Während die Anleihekurse fielen, stiegen die Aktienkurse. Der Dow Jones für 30 führende Industriewerte beendete den Handel mit 13.232 Punkten - so hoch wie seit Herbst 2007 nicht mehr. Marktbeobachter sprechen von einer zunehmenden Risikoneigung der Investoren, die sich aus (vermeintlich) sicheren, aber wenig rentablen Anleihen verabschieden. An den Finanzmärkten scheint Frühlingsstimmung einzuziehen.

Wie so häufig, zogen die amerikanischen Märkte die deutschen nach sich und mit den deutschen auch die Märkte in anderen Ländern des Kerns der Währungsunion sowie aus Nordeuropa. Überall dort steigen die Renditen vor allem von Anleihen mit langen Laufzeiten; überall dort werden die Renditestrukturkurven steiler. Die zehnjährige Bundesanleihe ging mit einer Rendite von 2,05 Prozent aus dem Freitagshandel; spürbar steigende Renditen wurden auch in Großbritannien, Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark, Frankreich, Österreich und in der Schweiz registriert. Die schweizerische Zehnjährige rentiert mit 0,93 Prozent im internationalen Vergleich immer noch sehr niedrig, aber Anfang März rentierte sie noch mit 0,67 Prozent. Parallel gingen auch die Preise für Kreditausfallderivate (CDS) auf fünfjährige Staatsanleihen zurück. In Deutschland fielen sie auf 68,50 Basispunkte und damit auf den niedrigsten Stand seit August 2011.

Der „Angstindikator“

Die steigende Risikofreude in diesen Ländern belegt auch das gute Abschneiden der Aktienmärkte. In Deutschland erreichte der Dax am Freitag mit 7157 Punkten seinen höchsten Stand seit dem Sommer 2011. Vergleichbares gilt für den OMX-Index der Stockholmer und des Oseax-Index der Osloer Börse. Die Charts an diesen Märkten ähneln sich.

In der Peripherie sind vor allem in Italien Entspannungstendenzen unverkennbar. Die Rendite zehnjähriger Anleihen liegt bei 4,85 Prozent, während sie noch im Januar gut 7 Prozent betrug. Viele Marktteilnehmer schauen aber nicht so sehr auf das aktuelle Renditeniveau in Italien, sondern auf den Renditeabstand („Spread“) zwischen zehnjährigen italienischen und deutschen Staatsanleihen. Dieser Abstand wird von manchen Analysten auch als „Angstindikator“ bezeichnet, weil er in einer einzigen Zahl die Spannungen zwischen Nord und Süd in der Währungsunion ausdrückt. Dieser Spread erreichte Freitag mit 279 Basispunkten den niedrigsten Stand seit Sommer 2011. Im Herbst vergangenen Jahres hatte er mit 528 Basispunkten den Höchststand seit Einführung des Euro erreicht. Seitdem hat sich der Abstand nahezu halbiert.

Keinen Anspruch auf Richtigkeit

Entspannung zeigen auch zwei sehr einfache charttechnische Betrachtungen. Der CDS auf fünfjährige italienische Staatsanleihen ist seit seinem Höchststand von 595 Basispunkten im vergangenen Herbst auf 355 Basispunkte gefallen. Legt man auf die Kursgrafik eine 200-Tage-Linie, zeigt sich, dass der Chart die 200-Tage-Linie schon im Februar von oben durchschnitten hat. Aktuell ist gerade die 50-Tage-Linie dabei, die 200-Tage-Linie von oben zu schneiden, was in der Charttechnik als „Todeskreuz“ bezeichnet wird und als ein Signal für einen weiteren Rückgang des CDS-Preises gewertet werden müsste. Am Mailänder Aktienmarkt wiederum hat die 200-Tage-Linie den Chart des MIB-Aktienindex von unten durchschnitten, was ein Haussesignal darstellt. Einschränkend sei darauf verwiesen, dass diese einfachen charttechnischen Analysen keinen Anspruch auf Richtigkeit in allen Lebenslagen erheben können.

Während der italienische Aktienmarkt mit einiger Mühe und Verzögerung zu haussieren beginnt, befindet sich der spanische Aktienmarkt weiter in einer Seitwärtsbewegung. Dieser Befund passt zum Anleihemarkt, wo die Renditen im Vergleich zum Herbst zwar deutlich gefallen sind, aber mittlerweile wieder über den italienischen Renditen liegen. Die spanische Zehnjährige rentiert mit 5,15 Prozent. Dagegen fallen die portugiesischen Renditen nicht unter 10 Prozent, was die Zweifel des Marktes an einer baldigen Rückkehr des Landes an den Anleihemarkt verdeutlicht. Auch die Preise für CDS auf portugiesische Staatsanleihen steigen wieder. Von einer großflächigen Spekulation auf eine baldige Umschuldung kann dennoch keine Rede sein. Der Spread zwischen zehnjährigen portugiesischen und deutschen Staatsanleihen liegt mit 917 Basispunkten zwar sehr hoch, aber immer noch weit unter seinem Rekord von 1403 Basispunkten. Angesichts der tristen wirtschaftlichen Aussichten zeigt auch der portugiesische Aktienmarkt keine Haussesignale.

Im Blickpunkt der Märkte wird zum Wochenauftakt wieder einmal Griechenland stehen. Auktionen der neuen Staatsanleihen werden Preise generieren, aus denen sich die Zahlungsverpflichtungen für die Emittenten von Griechenland-CDS errechnen. Die Zahlungen sollen wenige Tage später erfolgen. Dass aus dieser Fälligkeit der CDS schwere Marktturbulenzen entstehen könnten, gilt als wenig wahrscheinlich. Die sehr niedrigen Kurse der neuen Staatsanleihen sowie die desolate Verfassung des Athener Aktienmarktes belegen die tiefen Zweifel der Marktteilnehmer an einer Besserung der Lage in absehbarer Zeit.

Angesichts steigender Renditen dürften sich jene Unternehmen glücklich preisen, die günstig Anleihen plaziert haben. Nach Berechnungen von Thomson Reuters wurden seit Jahresbeginn Euro-Unternehmensanleihen über knapp 54 Milliarden ausgegeben. Das entspricht einem Plus von 63 Prozent gegenüber dem Stand des Vorjahres. Daimler und Scania haben als erste Unternehmen Anleihen mit Kupons unter 2 Prozent emittiert. Die durchschnittliche Emissionsrendite der Unternehmensanleihen lag mit 4,53 Prozent ebenfalls sehr niedrig.

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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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