07.02.2010 · Die Schuldenkrise lastet auf den Aktienmärkten. Neben Irland steht Italien im Fokus - das Misstrauen gegen den Wackelkandidaten wächst. Falls ein Zahlungsausfall drohen sollte, halten Experten inzwischen auch Hilfen für Griechenland für möglich.
Von Stefan RuhkampDie Schuldenkrise der finanzschwachen Euro-Staaten ist zum treibenden Faktor für die Kapitalmärkte geworden. Die Schwierigkeiten Spaniens und Portugals bei den jüngsten Anleiheauktionen haben die Aktienkurse weltweit belastet. Im Wochenvergleich büßte der deutsche Aktienindex Dax rund drei Prozent ein.
Die finanzschwachen Staaten kommen zwar weiterhin an Geld, müssen aber deutlich höhere Zinsen zahlen, um genügend Anleger zu gewinnen. Die nächsten Tests könnten in der kommenden Woche Italien und Irland gelten. Irland will sich am Donnerstag auf dem Geldmarkt mit 1,5 bis 2 Milliarden Euro eindecken und dafür kurzlaufende Titel - zwischen ein und zwölf Monaten - emittieren. Am Freitag stehen zwei neue Anleihen aus Italien auf dem Programm mit einem erwarteten Volumen von 6 bis 6,5 Milliarden Euro.
Italienisches Haushaltsdefizit im Europa-Schnitt
Insbesondere der irische Auftritt gilt als kritisch. Die Iren haben zwar schon früh ein glaubhaftes Sparprogramm vorgelegt und so den ärgsten Druck der Kapitalmärkte verringert. Ihre Risikoprämien liegen weit unter den im März 2009 erreichten Höchstständen. Gleichwohl sind die von den Anlegern geforderten Risikoaufschläge immer noch sehr hoch im europäischen Vergleich. Die Absicherungskosten für Forderungen gegen den irischen Staat liegen derzeit bei jährlich 1,7 Prozent der versicherten Summe.
Italien ist zwar der größte Staatsschuldner der Währungsunion. Analysten schätzen die finanzielle Situation der Italiener aber trotzdem als relativ solide ein im Vergleich zu den anderen Wackelkandidaten. Auf die Wirtschaftskrise hat der italienische Staat anders als der Rest Europas nicht mit umfangreichen Konjunkturprogrammen reagiert. Das Haushaltsdefizit hat sich deshalb nur auf knapp 6 Prozent verdoppelt und liegt damit im Durchschnitt der Währungsunion.
Griechenland wird „nichtprivate“ Hilfe brauchen
Griechenland kommt dagegen auf knapp 13 Prozent, möglicherweise sogar mehr. Gleichwohl werden die Anleger auf die italienische Auktion genau achten. Denn das Misstrauen könnte sich auch auf Italien ausdehnen, dessen Risikoprämie auf dem Derivatemarkt bei etwa 1,5 Prozent liegt und das mit mehr als 1.700 Milliarden Euro noch vor Deutschland die höchste Schuldensumme in Europa hat.
Sollten Zweifel an der Finanzkraft der Italiener gesät werden, könnte das auf den Märkten weitaus größere Folgen haben als die Spekulationen gegen Griechenland, Portugal und Spanien.
Analysten der Investmentbank Goldman Sachs erwarten, dass das Übergreifen des Misstrauens der Anleger von Griechenland auf andere Staaten nur von kurzer Dauer sein wird. Griechenland werde dagegen wahrscheinlich in den kommenden Monaten Hilfe von „nichtprivater“ Seite benötigen.
Wann und wie der Rest des Euro-Raums die öffentliche Einstellung zu Hilfen für Griechenland ändere, das werde über die Gefahr der Ansteckung bestimmen, schreibt Goldman-Analyst Eric Nielsen in einer Mitteilung an Kunden der Bank.
Fällt Griechenland aus, beginnt die Bankenrettung von vorne
Auch die Commerzbank hält Hilfen aus dem Euro-Raum, die nach den europäischen Verträgen eindeutig untersagt sind, für wahrscheinlich, falls ein Zahlungsausfall in Griechenland unmittelbar drohen sollte. Die Größe der Staatsschulden allein - Griechenland hat auf den Kapitalmärkten Verbindlichkeiten von rund 290 Milliarden Euro - sei zwar allein nicht überzeugend, um eine Rettung für den Fall der Fälle zu vermuten.
Es sei aber ein Vergleich mit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 zulässig, der zur Verschärfung der Finanzkrise führte. Lehman habe nicht einmal die Hälfte der Schulden gehabt, die Griechenland heute habe. Das gesamte griechische Bankensystem habe eine Bilanzsumme von knapp 500 Milliarden Euro.
Es drohten dann auch den Banken anderer Länder hohe Abschreibungen. Bei einem Ausfall Griechenlands müssten wohl viele Länder mit der Rettung ihrer Banken wieder von vorne anfangen, schreibt Commerzbank-Analyst Christoph Rieger in einem Wochenbericht.
Griechische Staatsanleihen rentabler als Bundesanleihen
Aus Sicht der Anleger kann die Spekulation gegen Griechenland und andere finanzschwache Euro-Länder allerdings auch Chancen bergen. Die Fachleute des Finanzinstituts Schroders weisen in einer Analyse darauf hin, dass sich der Kauf von zehnjährigen griechischen Staatsanleihen, die derzeit mit rund 7 Prozent rentieren, im Vergleich zu Bundesanleihen (rund 3,1 Prozent Rendite) selbst im Fall eines griechischen Zahlungsausfalls lohnen könnte.
Wenn nach einem denkbaren Ausfall, mit dem Schroders nicht rechnet, und nach einer Umschuldung nur 23 Prozent der Zinszahlungen und der Tilgung oder weniger verloren gehen würden, wäre der Ertrag für die Anleger immer noch höher als beim Kauf einer Bundesanleihe, rechnet Schroders vor.
Stimmung an den Börsen weiter misstrauisch
Die Korrektur an den Aktienmärkten vollzieht sich in einer Situation, in der das wirtschaftliche Umfeld gar nicht ungünstig wirkt. Die amerikanische Wirtschaft ist im vierten Quartal auf den Jahreswert hochgerechnet um 5,7 Prozent gewachsen. Auch in Europa mehren sich trotz der im Dezember schwachen deutschen Industrieproduktion die Zeichen der Besserung. Viele Ökonomen halten Wachstumsraten von 2 bis 3 Prozent in Deutschland für wahrscheinlich.
Doch die guten Nachrichten werden derzeit an den Börsen überhört, wegen der berechtigten Furcht vor Rückschlägen, die von den Zinsmärkten ausgehen. Deshalb hat der bislang erfreuliche Verlauf der Berichtssaison auch nur gelangt, den Kursverfall an den Aktienbörsen zu bremsen.
In Amerika hat bisher etwa die Hälfte der Unternehmen die Zahlen für das vierte Quartal veröffentlicht. Im Durchschnitt haben sich die Gewinne verdreifacht, allerdings von einem geringen Niveau aus. In der kommenden Woche werden Quartalszahlen unter anderem von Coca-Cola, Walt Disney, Sanofi-Aventis und Eni erwartet sowie von den Schweizer Banken UBS und Credit Suisse. In Deutschland stehen Lufthansa und Thyssen-Krupp auf dem Programm.
Drohen, Betteln und Hoffnung machen a la Goldman Sachs...
Jürgen Becker (Obergeheimrat)
- 08.02.2010, 00:39 Uhr
Bis hierher und nicht weiter!
Winfried Berner (BernerW)
- 08.02.2010, 11:58 Uhr
Staatspleiten im Euroraum
Uwe Holz (uwe.holz)
- 08.02.2010, 19:26 Uhr
Bitte denkt nochmal nach
Andreas Schindler (andreas.schindler1987)
- 10.02.2010, 10:27 Uhr