04.10.2010 · Bald stehen geldpolitische Entscheidungen der Banken auf der ganzen Welt an. Die Investoren stellen sich auf eine weitere geldpolitische Lockerung der Fed ein. Die Situation bleibt angespannt.
Von Patrick Welter, WashingtonDie Debatte über eine weitere Runde der quantitativen Lockerung der Geldpolitik spitzt sich in Teilen der Welt zu und bestimmt das Geschehen an den Kapital- und Devisenmärkten. In den Vereinigten Staaten streiten die Zentralbanker offen darüber, ob ein solcher Kurs geboten sei. Die zunehmende Erwartung an den Finanzmärkten, dass die Federal Reserve in den kommenden Wochen ihre Geldpolitik lockern wird, hat den Dollar in den vergangenen Tagen deutlich geschwächt. Im Währungsgefüge der Welt knirscht es, nicht nur wegen des Drucks des amerikanischen Kongresses auf China zur Aufwertung des Renminbi-Yuan.
Gegenüber dem Euro fiel die amerikanische Währung Ende vergangener Woche auf ein Sechsmonatstief von 1,3791 Dollar je Euro. Das Ausmaß der Spekulation gegen den Dollar ist nach Daten der amerikanischen Aufsicht Commodity Future Trading Commission (CFTC) derzeit so groß wie seit mindestens 2008 nicht mehr. Im Mittelpunkt der Wetten auf einen sinkenden Dollar steht der Euro. Dies dürfte den Euro weiter stärken.
Australischer Dollar stark
In dieser Woche stehen geldpolitische Entscheidungen der Bank von Japan, der Reservebank von Australien, der Bank von England und der Europäischen Zentralbank (EZB) an. Die Beschlüsse werden das breite Spektrum der weltwirtschaftlichen Lage zwei Jahre nach dem Beginn der globalen Rezession abbilden. Am nächsten an einer weiteren quantitativen Lockerung steht die Bank von Japan, am weitesten davon entfernt davon sind die Australier und die EZB. In Australien, dessen rohstoffreiche Wirtschaft in der globalen Erholung früh aus der Krise fand, erwarten Analysten überwiegend eine weitere Zinserhöhung von 4,5 auf 4,75 Prozent. Zuletzt wurde der australische gegenüber dem amerikanischen Dollar so stark wie seit zwei Jahren nicht mehr gehandelt.
In Japan steht die Zentralbank unter hohem politischen Druck, mehr zur Ankurbelung der Wirtschaft und zur Abwehr der Deflation zu tun. Die Regierung bastelt an einem neuen Konjunkturpaket und erwartet, dass die Zentralbank dieses unterstützt. Das Finanzministerium hält die Interventionsdrohung aufrecht. Die vermutete bevorstehende Lockerung der amerikanischen Geldpolitik setzt die Bank von Japan zugleich in Zugzwang, weil dies die Aufwertungstendenz des Yen gegenüber dem Dollar noch stärken würde.
Mehr Liquidität im Markt
Mit etwa 83 Yen zum Dollar steht Japans Währung schon wieder fast auf dem Niveau, auf dem die Regierung im September mit 1,25 Billionen Yen zur Stützung des Dollar intervenierte. Nach Umfragen erwarten die meisten Analysten, dass die Bank von Japan schon in dieser Woche die quantitative Lockerung ausweitet. Nach einem Bericht der Wirtschaftszeitung „Nikkei“ erwägt die Bank, mehr Liquidität in den Markt zu geben und die Dauer der Liquiditätshilfen zu verlängern, um so den langfristigen Zinssatz weiter zu drücken.
Der Kurs der Bank von England ist vorerst unklar. Der Neue im Geldpolitischen Ausschuss, der Amerikaner Adam Posen, hatte vergangene Woche vehement dafür plädiert, aggressiv die Wirtschaftserholung voranzutreiben, um nicht Japans Fehler in den neunziger Jahren zu wiederholen. Das ist nicht die Mehrheitsmeinung in der Notenbank. Dennoch sehen etwa die Analysten von Barclays Capital eine große Neigung im Geldpolitischen Ausschuss, in naher Zukunft die quantitative Lockerung voranzutreiben. Die EZB dürfte ihren Leitzins am Donnerstag konstant bei 1 Prozent halten. Sie ist dabei, die im Zuge der Krise ergriffenen Sondermaßnahmen allmählich zurückzunehmen und die Laufzeit der Liquiditätshilfen zurückzunehmen.
Viele Diskussionen um Staatsanleihen
Auch wenn der Offenmarktausschuss der Fed regulär erst wieder Anfang November zu einer offiziellen Sitzung zusammenkommt, dominiert die interne Debatte derzeit die Wechselkurse und die Kapitalmärkte. Die Renditen der amerikanischen Staatsanleihen haben in Erwartung einer weiteren Lockerung der Fed deutlich nachgegeben. Anleihen mit zwei Jahren Laufzeit rentierten zuletzt mit 0,41 Prozent, Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit mit 2,51 Prozent. Der Goldpreis eilt von einem Hoch zum nächsten; eine Feinunze Gold kostete zuletzt 1319,10 Dollar. Derzeit liefert sich der Offenmarktausschuss öffentliche Wortgefechte. Kritische Spitzen gegen einen neuen Ankauf von Staatsanleihen auch aus Sorge, dass die Fed die Staatsschuld monetisiere und langfristige Inflationsrisiken heraufbeschwöre, kamen dabei indes durchgehend von Mitgliedern wie Charles Plosser (Philadelphia), Narayana Kocherlakota (Minneapolis) oder Richard Fisher (Dallas). Diese dürfen erst im kommenden Jahr wieder über die Geldpolitik abstimmen.
Die Spekulation auf eine weitere quantitative Lockerung an den Finanzmärkten prägt deshalb, dass der Präsident der Federal Reserve Bank von New York, William Dudley, sich klar dafür ausgesprochen hat. Dudley nennt die hohe Arbeitslosigkeit und die niedrige Inflation „nicht akzeptabel“. Er wendet sich auch gegen die Bedenken, dass ein Ankauf von Staatsanleihen angesichts der großen Überschussliquidität nicht mehr viel bewirken könne. Ein Ankauf im Wert von 500 Milliarden Dollar wirke wahrscheinlich wie eine Leitzinssenkung um 0,5 oder 0,75 Prozent, sagte Dudley.
„Währungskrieg“
Diese Aussichten wirken schon jetzt auf andere Länder zurück, und der amerikanische Dollar dürfte weiter abwerten. Der Gouverneur der Bank von Kanada, Mark Carney, deutete nun an, dass seine Bank den Zinsunterschied zu den Vereinigten Staaten nicht zu groß werden lassen möchte und auf weitere Zinsanhebungen wohl vorerst verzichtet. In Japan wächst der Ärger über Amerikas heimliche Abwertungspolitik. In den Schwellenländern, denen angesichts des niedrigen Zinsniveaus im Westen ein im Aufschwung inflationstreibender Zustrom von Kapital und eine weitere unerwünschte Aufwertung droht, bricht der Zorn offen aus. Brasiliens Finanzminister Guido Mantega spricht von einem Währungskrieg. Auch in Europa, das sich noch über die zuletzt starke Konjunktur freut, würde sich Unmut regen, sollte der Euro, wie von manchen Analysten erwartet, bis Jahresende auf 1,50 Dollar steigen. Auf der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds Ende dieser Woche und beim G-20-Gipfeltreffen im November rückt so neben dem Streit um den Renminbi-Yuan auch der Dollar in den Mittelpunkt.
Deutsches Wirtschaftswunder
Ulrich Wahr (wahrheit29)
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