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Inhaberschuldverschreibungen Verluste von mehr als einer halben Milliarde Euro

06.02.2007 ·  Trauriges Rekordjahr: 2006 ist auf dem grauen Kapitalmarkt ein Volumen von mehr als einer halbe Milliarde Euro an zweifelhaften Anleihen geplatzt. Seit dem Wochenende ist nun auch die First Real Estate Grundbesitz insolvent.

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Das Jahr 2006 wird vielen Kleinanlegern in sehr bitterer Erinnerung bleiben. Nachdem der Boom der Anleihenmärkte im Jahr 2005 zu Ende ging, verloren anscheinend auch Privatplazierungen an Attraktivität. Dies brachte wiederum Unternehmen in Schwierigkeiten, die sich vorwiegend auf diese Weise finanzierten, respektive deren Haupttätigkeit wohl darin zu sehen war.

Den Anfang machte die Vermögens-Garant, die schon am 19. Januar des Vorjahres Insolvenzantrag wegen Überschuldung/Zahlungsunfähigkeit stellte und der die Staatsanwaltschaft Berlin vorwirft, die Anlegergelder nicht wie im Prospekt angegeben investiert zu haben. Auf rund 50 Millionen Euro bezifferte das Deutsche Institut für Anlegerschutz die Verluste der Anleger.

Der nächste Schlag

Noch mehr dürften die Anleger der Wohnungsbaugesellschaft Leipzig-West verloren haben, wo das Volumen der ausgegebenen Schuldverschreibungen auf 339 Millionen Euro beziffert wird. Hinzu kommen etwa 100 Millionen Euro aus dem Fall DM Beteiligungen. Die Insolvenzmasse ist in der Regel um ein Vielfaches geringer.

Nicht wenige Anleger haben in mehrere dieser Firmen investiert und sahen ihre Ersparnisse nach und nach schwinden. FAZ.NET sind Fälle bekannt, in denen die gesamte Altersvorsorge in diese zweifelhaften Wertpapiere investiert wurde.

Mit dem Insolvenzantrag der First Real Estate Grundbesitz (FRE), der am Wochenende erfolgte, müssen Anleger nun einen weiteren Schlag hinnehmen. Circa 8.000 Anleger hatten nach Angaben des Bundes für soziales und ziviles Rechtsbewusstsein (BSZ) in die Schuldverschreibungen der FRE einen Betrag in Höhe von 60 Millionen Euro investiert. Damit beliefe sich das Volumen geplatzter privatplazierter Anleihen auf über eine halbe Milliarde Euro.

Misslungenes Investment oder unsauberes Spiel?

Die Insolvenz hatte sich bereits im Sommer abgezeichnet, als fällige Schuldverschreibungen nicht zurückgezahlt und Zinszahlungen nicht geleistet wurden. Die FRE hatte dann einen Stundungsvorschlag unterbreitet. Der Anwalt des Unternehmens teilte im Herbst laut Börse Online mit, die Ende Oktober fälligen Anleihen seien wieder voll bedient worden. Indes wurde nach Aussage des BSZ eine Ende November fällige Anleihe wieder nicht zurückgezahlt.

Ursache der Probleme war nach Darstellung der FRE ein misslungenes Engagement bei der ECO-Pack GmbH, einem Hersteller von PET-Rohlingen. Indes war dieses Engagement von vornherein mit einigen Fragezeichen behaftet gewesen (siehe auch: Privat-Plazierungen: Hohe Zinsen sind nicht alles ).

So begründete laut BSZ auch die „Deutsche PET AG“, ein weiterer Emittent von Inhaberteilschuldverschreibungen, seinen Insolvenzantrag vom November mit dem Engagement bei der ECO-Pack. Die Deutsche PET AG versuchte 2004, ohne Hinterlegung eines Prospektes bei der Bafin Aktien zum Stückpreis von 15 Euro zu verkaufen.

Undurchsichtige Verbindungen

Auch die Festlegung des Emissionspreises wurde von „Börse Online“ seinerzeit mit Fragezeichen versehen. 2003 hatte die Gesellschaft, damals noch als Deutsche Internet firmierend, schon einmal eigene Anteile zum Preis von drei Euro je Stück plaziert. Mit wenig Erfolg: Da die Firma im Frühjahr 2004 eine Kapitalerhöhung um nominal nur 119.000 Euro eintragen ließ, wurden auch nur 119.000 statt der bis zu fünf Millionen möglichen Aktien plaziert.

Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hatte nach Medienberichten bereits 2005 Räume der Deutschen PET durchsucht. Laut BSZ aber war Ullrich Appel, Geschäftsführer der „ECO-Pack“, auch als Vorstand der „Deutschen PET AG“ tätig.

An der Seriosität der FRE waren schon früh Zweifel laut geworden. Gegen Verantwortliche der First Real Estate Grundbesitz wurde seit August 2005 ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Kapitalanlagebetrugs geführt.

Der Berliner Anlegerschutzanwalt Walter Späth hält einen Kapitalanlagebetrug im großen Stil für möglich. Es sei unwahrscheinlich, dass die versprochenen Renditen werthaltig erwirtschaftet wurden, vielmehr bestehe der Verdacht, dass die alten Anleger mit dem Geld neuer Anleger ausbezahlt wurden.

Neues Kapitalanlagemodell schon in Vorbereitung?

Seit Ende Januar ist die FRE teilweise telefonisch und per Fax nicht mehr erreichbar, so Rechtsanwalt Liebl von der Kanzlei CLLB in München. Am 30. Januar machte der BSZ darauf aufmerksam, dass laut FRE-Webseite Geschäftsführerin Anne Cmok ihren Stuhl für Christiane Driller geräumt habe. Die Internetpräsenz ist aber mittlerweile auch nicht mehr erreichbar.

Das Deutsche Institut für Anlegerschutz (Dias) hat in Düsseldorf Strafanzeige wegen des Verdachts auf Insolvenzverschleppung gestellt. Der BSZ befürchtet, dass „sich die Verantwortlichen absetzen wollen“. Es gebe Indizien dafür, dass diese bereits neue Kapitalanlagemodelle aufgelegt hätten, und will in Kürze Beweise liefern.

Laut Robert, Kempas und Segelken bestehen bereits zwei Nachfolgefirmen, die das Personal der FRE übernommen hätten. Eine Firma residiere in Berlin, die andere wieder in Düsseldorf.

Holpriger Vergleich bei EECH

Schwierigkeiten befürchten der BSZ und spezialisierte Rechtsanwälte auch bei der EECH, die Anleihen im Volumen von rund 70 Millionen Euro emittiert hat. So schlossen die Anwälte der Kanzlei CLLB im Oktober für einen Mandanten einen ersten außergerichtlichen Vergleich mit dem Unternehmen.

Entsprechend dem Mandatsauftrag kündigte die Kanzlei mehrere Inhaberteilschuldverschreibungen aufgrund „der schwierigen wirtschaftlichen Lage des Unternehmens sowie negativen Presseberichten“. Damals erklärte sich die EECH ohne Anerkennung einer Rechtspflicht aus Kulanzgründen bereit, die Anleihen vorzeitig zurückzunehmen und das eingesetzte Kapital abzüglich einer Kostenpauschale an den Anleger zurückzuerstatten.

Mittlerweile hat CLLB eine zweite Forderung auf vorzeitige Rückzahlung an das Unternehmen gerichtet. Auch diesmal erklärte sich EECH „aus Kulanzgründen“ bereit, bei einer Vermittlung der Inhaberteilschuldverschreibungen auf dem Zweitmarkt behilflich zu sein bzw. die kostenfreie Rückabwicklung zu ermöglichen. Doch laut Aussage von EECH sei man nicht bereit, dies über CLLB zu tun, sondern wolle mit dem Anleger direkt verhandeln. Daher habe die Kanzlei Klage gegen die EECH eingereicht.

Risiken von Junkbonds sind nicht größer

Ob sich nun Vorwürfe als berechtigt herausstellen oder ob nur findige Anwälte aufstrebende Mittelständler mit Klagen überziehen, weil diese sich aufwendige Gerichtsverfahren nicht leisten können und die Firmen so in die Insolvenz treiben, ist für Kapitalanleger letztlich gleich.

In jedem Fall gehen sie mit Privatplazierungen ein noch höheres Risiko ein als mit börsennotierten Anleihen ohne oder mit schlechtem Rating. Ob dann Zinsen von 8,25 oder 6,75 Prozent dieses Risiko angemessen vergüten, ist nicht so eindeutig zu beantworten. Staatsanleihen aus Jamaika mit einer Restlaufzeit von acht Jahren rentieren aktuell mit 6,84 Prozent, werden mit 10,5 Prozent verzinst und haben ein Rating von „B1“, mithin das vierthöchste Rating im spekulativen Bereich.

Anleihen des Jeans-Herstellers Levi Strauss rentieren bei einem Kupon von 8,625 Prozent mit aktuell 7,63 Prozent und haben die Bonitätsnote „B3“. Das ist zwar sehr schwach und das negative Eigenkapital des Unternehmens ist auch nicht wirklich eine Anlageempfehlung. Aber das Unternehmen berichtet quartalsweise und zeitnah. Und da die Anleihen handelbar sind, ist ein Ausstieg stets möglich, so dass auch ein „Stampeden-Effekt“, wie er im Falle der Durchsetzung einer außerordentlichen Kündigung vor Gericht eintreten kann, zumindest abgeschwächt wird.

Ausnutzung des Steuerspartriebs

Auch ein anderes Argument, das so manchen Anleger bewegt, in riskante Privatplazierungen zu investieren, nämlich der leichteren Hinterziehbarkeit von Steuern, ist angesichts der Risiken und Schäden fragwürdig. Zumal viele Anlagebetrüger genau auf den Steuerspartrieb der Deutschen spekulieren. Denn wer selbst Ungemach zu befürchten hat, wird im Zweifelsfall zu spät reagieren - und bis dahin können die Schäfchen längst ins Trockene gebracht sein.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @mho
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