04.06.2009 · Mit inflationsindexierten Anleihen trägt auch der Bund dem Bedürfnis der Anleihenanleger Rechnung, latente Inflationsrisiken abzufedern. Doch der Einstieg will wohl überlegt sein, denn die Papiere sind durchaus kompliziert.
Von Martin HockNachdem die unmittelbare Bedrohung durch die Finanzkrise dank der faktischen Selbstaufgabe der Geldpolitik und einer massiven Ausweitung der Staatsausgaben fast schon bewältigt scheint, drängt sich immer stärker die Frage der Kosten in den Vordergrund.
Zu den Szenarien, die dabei als durchaus wahrscheinlich gelten, gehört ein deutlicher Anstieg der Inflationsraten in der nicht allzu fernen Zukunft. Für Inhaber festverzinslicher Anleihen mit längerer Restlaufzeit ist dies keine gute Nachricht, kann dies doch den realen Wert der Erträge in den negativen Bereich treiben.
Bund legt neuen zehnjährigen Linker auf
Eine Alternative bieten inflationsindexierte Anleihen, bei denen sich die an der Inflationsrate orientiert. Das Bundesfinanzministerium, das in diesem Jahr für ein hohes Anleihenvolumen Käufer finden muss, hat nun die Emission einer neuen inflationsindexierten Bundesanleihe mit einer Laufzeit bis zum 15. April 2020 und einem angestrebten Emissionsvolumen von 3 Milliarden Euro angekündigt (Isin DE0001030526). Dieses könnte noch ein bis zwei Mal in diesem Jahr aufgestockt werden, so Carl Heinz Daube, Geschäftsführer der Bundesfinanzagentur und über die gesamte Laufzeit ein Volumen von 10 Milliarden Euro oder mehr erreichen.
Die Tücken einer inflationsindexierten Anleihe, kurz Linker genannt, liegen im Detail, handelt es sich in Wahrheit um ein hoch kompliziertes Finanzprodukt. Das beginnt mit der Berechnung des Zeitwerts und des Nominalzinses. Der Kupon der Anleihe ist fix, im Fall der neune Bundesanleihe beträgt er 1,75 Prozent. Entscheidend für die Zinszahlung, aber auch den Rückzahlungswert ist der von der Bundesfinanzagentur als „Index-Verhältniszahl“ bezeichnete Koeffizient, der die Inflationsentwicklung abbildet und die zum Valutierungstag der neuen Anleihe, am 12. Juni 1,00723 beträgt.
Komplexe Kaufpreisberechnung
Denn mit dieser täglich berechneten und von der Finanzagentur veröffentlichten Zahl wird der Kupon multipliziert. Daraus berechnet sich die Zinszahlung. Zum anderen wird am Fälligkeitstag der Nominalwert der Anleihe mit der Index-Verhältniszahl multipliziert und so der Rückzahlungsbetrag ermittelt.
Die Komplexität des Berechnungsverfahrens wird erst beim Kauf an der Börse deutlich, die für Privatanleger die einzige Erwerbsmöglichkeit ist. In diesem Fall werden zum ersten mit der Index-Verhältniszahl multiplizierte Stückzinsen fällig, zum zweiten aber fließt diese auch in den Kurswert der Anleihe ein. Wer also die am 15. April 2016 fällige Bundesanleihe (Isin DE0001030500) am Donnerstag erwirbt, kauft nicht zum aktuellen Börsenkurs von 101 Prozent, sondern faktisch zum Einstandskurs von 107,82255 Prozent. Analog gilt dies für die Stückzinsen.
Für die Entwicklung des Zeitwerts des Linkers spielt die Index-Verhältniszahl aber praktisch keine Rolle, insofern als Börsenkurs und Kurswert der 2016 fälligen Bundesanleihe praktisch denselben Verlauf nehmen.
Aktuell scheinen die Inflationserwartungen gering
Der ausschlaggebende Faktor für die Kursentwicklung ist vielmehr die Entwicklung der Inflationserwartungen. Liegt die Börsenkursentwicklung über den Inflationserwartungen, schneidet der Käufer einer inflationsgeschützten Anleihe im Vergleich zum Käufer einer normalen Anleihe real deutlich besser ab. Je höher die Inflation, desto größer der reale Renditeabstand zur vergleichbaren festverzinslichen.
Liegt die tatsächliche Inflation allerdings unter den Erwartungen, herrscht gar Deflation, so schneidet er schlechter ab. Immerhin kann der Rückzahlungswert zum Ende der Laufzeit nicht unter den Nominalwert fallen.
Noch scheinen die Inflationserwartungen nicht allzu hoch zu sein. Vergleicht man die Rendite der bis 2016 laufenden Bundesanleihen miteinander, so ergibt sich für den 2016 fälligen Linker eine Inflationserwartung von etwa 1,5 Prozent. Damit liegen diese sogar noch unter Erwartungen zum Emissionszeitpunkt (vgl. ).
Schwierige Ursachensuche
Dass der Kurs der Linker seit Oktober 2008 deutlich gestiegen ist, ist vielmehr dem seinerzeitigen, von einer jähren Reduktion der Inflationserwartungen geprägten Kurseinbruch zu verdanken. Derzeit scheinen sich Anleger (noch) nicht für ein künftiges Inflationsszenario zu positionieren.
Eine Investition in einen Linker rechnet sich nur dann, wenn die tatsächliche Inflation während der Laufzeit über der impliziten Inflationserwartung liegt, die sich als Näherungswert aus der Differenz zwischen inflationsbereinigter Rendite des Linkers und der einer vergleichbaren Anleihe ergibt.
Wer zu lange zögert, kann den Einstiegszeitpunkt verpassen. Die jüngst vor allem im Bereich längerer Laufzeiten gestiegenen Renditen wurden von einigen Beobachtern schon als Reaktion auf Sorgen um einen Anstieg der Inflation interpretiert.
Andererseits kann es sich dabei auch um einfache Umschichtungen gehandelt haben. Denn Linker verhalten sich durchaus auch wie „normale“ Anleihen. Das zeigt sich am deutlichsten an den griechischen Papieren, deren Kurse anders wie die der französischen und deutschen bis Februar auf Talfahrt blieben, weil Sorgen über eine Zahlungskrise die Anleihenmärkte beschäftigten.
Die Auswahl an Linkern könnte künftig noch größer werden. Der Nachrichtenagentur Reuters sagte Daube, die Option eines 30jährigen Linkers sei zu prüfen, wenn die nun angekündigte Anleihe gut laufe. Insbesondere institutionelle Investoren zeigten ein deutlich stärkeres Interesse an inflationsindexierten Anleihen.