19.03.2010 · Inflation kosten mehr als sie bringen kann. Dennoch gibt es für einige Staaten große Verlockungen, höhere Inflationsrate anzustreben.
Von Gerald BraunbergerInflation ist kein wirtschaftlich sinnvoller Weg, um die Last hoher Staatsschulden zu senken, denn die Kosten der Geldentwertung übersteigen ihre Erträge. Dennoch kann es für manche Länder reizvoll sein, eine höhere Inflationsrate anzustreben. Zu diesem Schluss gelangt eine von den Ökonomen Karsten Junius und Kristian Tödtmann verfasste Studie der Deka Bank.
Eine höhere Inflationsrate sorgt dafür, dass der durchschnittliche Realzins auf die Staatsschulden sinkt, solange die in der Vergangenheit emittierten Staatsanleihen noch nicht fällig sind. „Aus diesem Grund profitiert ein Land, das sich an den Kapitalmärkten hohen Risikoprämien und damit hohen Realzinsen gegenübersieht, umso stärker von einer Beschleunigung der Inflation“, schreiben die Ökonomen. Bei einem Blick auf den Euro-Raum hat Griechenland mit Abstand den höchsten Realzins, gefolgt - wenn auch mit weitem Abstand - von Portugal, Irland und Spanien.
Großbritannien hat einen hohen Anreiz, auf Inflation zu setzen
Zudem verstärkt eine lange Restlaufzeit der ausstehenden Staatspapiere die Effekte der Inflation; der Staat bleibt nach einem Inflationsschub länger im Genuss niedriger Realzinsen: „Eine hohe Restlaufzeit bedeutet, dass sich der durchschnittliche nominale Zinssatz auf die ausstehenden Staatsschulden nur langsam an die erhöhten Inflationsraten anpassen kann, selbst wenn die Anleger ihre Inflationserwartungen sehr schnell korrigieren.“ Wie die Grafik zeigt, besitzt Großbritannien mit seiner außergewöhnlich langen Restlaufzeit von fast 14 Jahren in dieser Hinsicht einen besonders hohen Inflationsanreiz. Griechenland, Italien und Österreich weisen Restlaufzeiten von 7 Jahren und mehr aus; die meisten anderen Staaten kommen auf Restlaufzeiten von fünf bis sieben Jahren. Eine im Vergleich kurze Restlaufzeit von weniger als fünf Jahren bedeutete für die Vereinigten Staaten keinen Inflationsanreiz.
Das sieht aber schon mit dem Blick auf die Höhe der Staatsschulden, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP), anders aus, wo Japan mit mehr als 200 Prozent einsam die Tabelle anführt. In Japan sei „der Wunsch nach höheren Inflationsraten seit Jahren kein Geheimnis“, heißt es in der Studie. Schuldenstandsquoten zwischen 100 und 130 Prozent weisen Griechenland, Italien, Belgien und die Vereinigten Staaten aus. Alle anderen Staaten liegen darunter.
Inflationsanreize können auch durch ein niedriges erwartetes Wirtschaftswachstum entstehen. Künftiges Wachstum ist schwer zu schätzen. Als Annäherung verwendet de Deka Bank Untersuchungen der OECD für das Wachstumspotential im Jahre 2011. Hier liegt Griechenland mit einem Potential von gut 2 Prozent hinter Australien auf einem sehr guten zweiten Platz unter den Industrienationen. Deutschland rangiert mit weniger als einem Prozent ziemlich weit hinten, stellt aber nicht das größte Problem dar: „Bei aller Vorsicht bei der Beurteilung der Daten nehmen wir zur Kenntnis, dass Portugal, Italien und Irland kein starkes Wachstum zugetraut wird, was die Inflationsanreize in diesen Ländern verstärkt.“
Zentralbanken ruinierten ihre Glaubwürdigkeit, sollten sie politischen Wünschen nachgeben
Den Willen zur Inflationierung befördern kann daneben ein hoher Anteil der Auslandsverschuldung an den gesamten Staatsschulden. „Länder, die im Ausland verschuldet sind, schaden ihren Bürgern durch Inflationierung weniger als Länder, die im Inland verschuldet sind“, schreiben die beiden Ökonomen: „Solide Staatsfinanzen helfen vor allem den Gläubigern. Politisch ist es schwierig, im Inland Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen durchzusetzen, wenn davon hauptsächlich ausländische Anleihehalter profitieren.“ Griechenland, Belgien, Portugal, Österreich und Italien sollten nach diesem Kriterium am ehesten nach einer höheren Inflationsrate streben.
Junius und Tödtmann warnen die Zentralbanken jedoch eindringlich davor, eventuellem Drängen nach mehr Geldentwertung nachzugeben, da sie ansonsten ihre eigene Glaubwürdigkeit ruinierten: „Die meisten Zentralbanken haben sich in den vergangenen 20 Jahren die Glaubwürdigkeit ihrer niedrigen Inflationsziele hart erarbeitet. Sie haben im Fall der EZB darauf hingewiesen, dass das Inflationsziel von knapp unter 2 Prozent nicht nur aktuell, sondern auch in der Zukunft gelten wird. Mit einer Erhöhung ihrer Inflationsziele würde sie das Versprechen bei 2 Prozent stabiler Inflationsraten brechen.“
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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