Home
http://www.faz.net/-gvt-qh2f
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Willem Buiter „Ein Bankrott ist unrealistisch“

 ·  Neben Griechenland sind auch andere Staaten in einer schwierigen Lage. Griechenland sei aber das einzige Land, das dem Risiko ausgesetzt sei, die Schulden nicht bedienen zu können. Bankrott jedoch drohe nicht, so der Chef-Volkswirt der Citigroup.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (3)

Nicht nur Griechenland, auch andere Staaten befinden sich nach Ansicht des bekannten Ökonomen in einer schwierigen Lage. Griechenland sei jedoch das einzige Land, das momentan wirklich dem Risiko ausgesetzt ist, seine Schulden nicht begleichen zu können, so Willem Buiter, Chef-Volkswirt der Citigroup.

Herr Buiter, wird die Staatsschuldenkrise eine neue Bankenkrise auslösen?

Natürlich gibt es Risiken für Banken, die in griechische Staatsanleihen investiert oder Versicherungen auf den Ausfall dieser Papiere verkauft haben. Ihnen droht schlicht, dass sie ihr Geld nicht zurückbekommen und der Schadensfall eintritt. Tatsächlich ist Griechenland aber nur ein kleiner Bestandteil des Euro-Raums. Seine Schulden machen nur ungefähr 3,5 Prozent der Verschuldung des gesamten Währungsraumes aus. Deshalb sollte man das nicht dramatisieren.

Aber auch Spanien, Portugal und Italien bereiten Sorgen, wenn man den Märkten glaubt. Es geht doch nicht nur um Griechenland.

Doch. Griechenland ist das einzige Land, das momentan wirklich dem Risiko ausgesetzt ist, seine Schulden nicht begleichen zu können. Andere Länder stehen zwar unter Druck, sind mit Griechenland aber nicht vergleichbar.

Droht Griechenland wirklich die Zahlungsunfähigkeit, wenn ihm niemand unter die Arme greift?

Ich glaube nicht, dass die griechische Politik ohne Hilfe von außen den Staatshaushalt so weitgehend und nachhaltig sanieren kann, wie das die Märkte offenbar erwarten. Die Glaubwürdigkeit Griechenlands ist so stark demoliert, dass das Land nicht alleine durch diese Turbulenzen kommen wird.

Warum testen die Finanzmärkte Griechenlands Bonität gerade jetzt?

Der Grund ist, dass Griechenland seine Zahlen jahrelang schönte und dass konkrete Details zu seinen Problemen erst seit September 2009 bekannt sind.

Sie glauben also nicht an das Argument, dass momentan gegen den Euro spekuliert wird und Griechenland nur der Aufhänger dafür ist?

Das ist kompletter Unsinn. Die Spekulation gegen den Euro ist ein Symptom der Vertrauenskrise, die verständlicherweise Griechenland und andere Länder befallen hat und auch die Fähigkeit der Europäischen Union, damit umzugehen. Es geht hier nicht darum, dass einige wilde Spekulanten eine unschuldige Währung namens Euro ausgeguckt haben. Es geht darum, dass der Euro-Raum offensichtlich nicht in der Lage ist, die finanzielle Disziplin seiner Mitgliedsländer so zu garantieren, wie das im Stabilitäts- und Wachstumspakt vereinbart wurde. Die Spekulationen gegen den Euro - übrigens versucht niemand, ihn zu vernichten - werden eingegangen in der Erwartung, dass die europäischen Länder einzelne Staaten nicht zwingen können, sich an die gemeinsamen Regeln zu halten.

Ist ein Staatsbankrott Griechenlands realistisch?

Ich glaube nicht, dass das passiert, sondern dass Griechenland gerettet wird. Bezahlen werden das entweder die Euro-Länder als Kollektiv oder durch bilaterale Hilfe. Der Internationale Währungsfonds (IWF) wird zudem seine Expertise als Ratgeber zur Verfügung stellen, selbst aber kein Geld geben. Griechenland wird im Gegensatz harte Auflagen bekommen, um seinen Haushalt in Ordnung zu bringen.

Wäre es nicht besser, der IWF würde Griechenland komplett selbst retten, er wurde doch für solche Fälle gegründet?

Natürlich wäre dann weniger deutsches Geld im Risiko. Deshalb kann ich verstehen, dass das gerade aus der Perspektive der deutschen Öffentlichkeit attraktiver ist. Tatsächlich ist der IWF aber derjenige, der mehr Erfahrung in der Krisenbewältigung hat.

Ist die Griechenland-Krise der Vorbote für eine neue Rezession?

Griechenland selbst ist dafür zu klein, um solche Folgen auszulösen. Allerdings ist die Finanzsituation nahezu aller großen Industrieländer wirklich sehr schlecht. Sogar Frankreich und Deutschland haben ernste Probleme, Großbritannien, die Vereinigten Staaten und Japan sowieso. Die Märkte beginnen nun verstärkt, daran zu zweifeln, dass die Regierungen wirklich in der Lage sein werden, die Schulden in den Griff zu bekommen. Deutschland etwa ist auf dem Weg, seine Schulden durch eine weitere Steuersenkung zu vergrößern. Natürlich hat das Land geringere Probleme als andere, aber es braucht nicht viel, um selbst Deutschland in eine finanziell instabile Position zu bringen.

Was bedeutet das?

Diese Sorgen könnten für sich genommen zu höheren Risikoprämien führen, Kredite verteuern und damit die Volkswirtschaften insgesamt belasten. Eine weitere Rezession wäre dann möglich. Auf der anderen Seite gibt es Probleme, wenn die Regierungen nun reagieren und stark sparen. Denn auch damit würgen sie zunächst die Konjunktur ab. Die Situation ist vertrackt. Wir haben zu große strukturelle Defizite und leiden einfach unter zu hohen Schulden.

Und was können die Regierungen tun?

Die Länder müssen ihre Haushalte sanieren, eine andere Wahl haben sie nicht. Wenn sie das nicht bald tun, werden die Risikoprämien auf den Märkten stark steigen. Alles, was übrig bleibt zur Stabilisierung, ist die Geldpolitik. Zugegeben, auch finanzpolitisch könnte etwas getan werden. Aber nur dann, wenn neue Schulden monetarisiert, die entsprechenden Staatsanleihen also von den Zentralbanken gekauft würden.

Würden Sie zu Inflationierung raten?

Das wäre keine Inflationierung. Wir reden hier darüber, eine Rezession zu verhindern, wenn die gesamtwirtschaftliche Nachfrage abermals einbrechen sollte. Das wäre keine Situation, in der man mit steigenden Preisen zu rechnen hätte. Inflationär wirkte so eine Politik nur dann, wenn sie nicht umgekehrt würde, sobald die Wirtschaft wieder Tritt gefasst hätte und weiter wächst. Die Zentralbanken dürften den richtigen Zeitpunkt zum Ausstieg nicht verpassen.

Das Gespräch führten Alexander Armbruster und Stefan Ruhkamp

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren (0) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
Kommentar Der IWF braucht nicht mehr Geld

Der Internationale Währungsfonds soll mehr Geld bekommen. Dabei hat er in der Finanzkrise gezeigt, dass er es nicht verantwortungsvoll einsetzt. Mehr

13.04.2014, 20:49 Uhr | Wirtschaft
Merkel in Athen Die griechische Wette

So viel Zuversicht war selten: Griechenlands Rückkehr an den Kapitalmarkt zum Besuch der Bundeskanzlerin wird als Wendepunkt gefeiert. In der Überwindung der Euro-Krise ist nun Halbzeit. Mehr

11.04.2014, 17:07 Uhr | Wirtschaft
Comeback am Finanzmarkt Riesiges Interesse an Griechen-Anleihe

Die Deutsche Bank hat mit dem Verkauf einer neuen griechischen Staatsanleihe begonnen. Es liegen bereits Gebote über 10 Milliarden Euro vor. Nach über vier Jahren wagt sich Griechenland damit an den Kapitalmarkt zurück. Mehr

09.04.2014, 17:04 Uhr | Finanzen

19.02.2010, 10:33 Uhr

Weitersagen
 
Zinsen
Wertpapiersuche