18.02.2010 · Martha Oberndorfer, die Geschäftsführerin der Finanzagentur Österreichs findet es absurd, einer Bank mit niedriger Bewertung die Versicherung eines Landes mit erstklassiger Bonität zu ermöglichen. Und hält die Aufschläge für österreichische Anleihen für zu hoch.
Martha Oberndorfer, die Geschäftsführerin der Finanzagentur Österreichs findet es absurd, einer Bank mit niedriger Bewertung die Versicherung eines Landes mit erstklassiger Bonität zu ermöglichen. Und hält die Aufschläge für österreichische Anleihen für zu hoch.
Frau Oberndorfer, Österreich hat im Januar eine siebenjährige Bundesanleihe aufgelegt und wegen starker Nachfrage das Volumen von 3 auf 4 Milliarden Euro erhöht. Offensichtlich haben sich die Spekulationen im vergangenen Jahr, wonach Österreich wegen seiner Osteuropa-Anbindung ein Pleitekandidat sei, nicht bewahrheitet?
Definitiv. Österreich war nie ein Pleitekandidat. Der Markt hatte Sorgen, als der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman Aussagen gemacht hat, wonach Österreich der nächste Fall für einen Staatsbankrott sein dürfte. Überdies hat der Internationale Währungsfonds falsche Berechnungen über das Osteuropa-Risiko für Österreich angestellt. Schuld daran waren Doppelzählungen und Eingabefehler. Im Fall der Tschechischen Republik beispielsweise wurde dieser Wert von 236 Prozent auf 89 Prozent korrigiert. Hinzu kam, dass österreichischen Banken, die in Osteuropa tätig sind, nicht mehr geglaubt wurde, so dass ein Informationsvakuum entstanden ist.
Trotzdem sind die Risikoaufschläge gegenüber deutschen Bundesanleihen noch immer beträchtlich. Zwar haben sie sich von ihrem Höchststand von 140 Basispunkten im März 2009 auf inzwischen weniger als 50 reduziert. Warum ist das so?
Tatsächlich sind 40 Basispunkte gegenüber Deutschland entschieden zu viel. In Normalzeiten ist der Abstand minus 5 bis plus 15. Österreichs Fundamentaldaten sind vergleichbar mit Deutschland, jedenfalls nicht schlechter. Daher sollte die Kreditprämie null sein und der Zinsabstand ausschließlich eine Liquiditätsprämie sein. 40 Basispunkte sind als Liquiditätsprämie deutlich zu hoch.
Ebenso ist die Schere bei der Versicherung eines Ausfalls (Credit Default Swaps) der Anleihen aufgegangen.
CDS sind ein irrationaler Markt. Hier gibt es einen konzeptionellen Fehler. Es ist absurd, einer Bank mit einer Single- A-Bewertung die Versicherung eines Landes mit einem dreifachen „A“ zu ermöglichen. In der Krise haben wir gesehen, dass die Staaten Banken retten und nicht umgekehrt.
Wenn Österreich so eine gute Bonität hat, müsste das Interesse der Investoren ja entsprechend ausfallen?
Das ist auch so. Investoren interessieren sich in der Krise vor allem für Staaten mit bester Bonität. Österreich ist eines von einem halben Dutzend Ländern im Euro-Raum und 13 auf der ganzen Welt mit einer erstklassigen Bonität. Trotzdem zahlt es momentan die höchsten Spreads aller AAA-Länder im Euro-Raum. Daher ist es derzeit das interessanteste Land für Anleihe-Investoren im Euro-Raum.
Wie viel wird Österreich in diesem Jahr emittieren?
25 bis 28 Milliarden Euro. Das ist um ein Fünftel weniger gegenüber 2009. Normalerweise sind es rund 25 Milliarden Euro im Jahr. Das ist in etwa ein Zehntel des deutschen Emissionsvolumens.
Wie viel hat die Rufschädigung durch Ratingagenturen und die falschen Berechnungen des IWF, der sich dann entschuldigt hat, Österreich an höherem Zinsendienst gekostet?
Es ist schwierig, das zu beziffern. Obwohl die Aufschläge beträchtlich waren, hat uns das nicht nachhaltig belastet. Die Republik Österreich finanziert sich über die ganze Zinskurve - vom Drei-Monatsgeld bis zum Dreißig-Jahres-Geld - und nicht nur im Zehn-Jahres-Bereich, wo die Zinsaufschläge am höchsten waren. Mehr Auswirkung hat das absolute Zinsniveau, und das ist gesunken. Aber die Schlagzeilen haben einen Reputationsschaden bewirkt, was uns stört.
Es fällt auf, dass die Durchschnittsverzinsung der Staatsverschuldung in den zurückliegenden Jahren mit 4,3 Prozent (2007), 4,2 Prozent (2008) und 4,1 Prozent (2009) niedriger als im Euro-Raum ausgefallen ist. Warum?
Das liegt zum einen an der sehr guten Bonität. Zum anderen verfolgen wir eine konservative Refinanzierungsstrategie mit einem niedrigen Geldmarktanteil- und einem höheren Anteil an fix verzinslichen Papieren. Die durchschnittliche Laufzeit des Schuldenportfolios der Republik Österreich ist rund 9 Jahre. Damit halte ich das Refinanzierungsrisiko gering.
Hat sich das Schuldenmanagement in Zeiten der Krise verändert?
Früher hat ein Triple-A-Souverän keine „Investor Relations“ betrieben. Heute ist das notwendig. Wir haben im Rahmen von Präsentationen mehr als 550 Einzelkontakte mit Investoren gehabt. Der Wettbewerb zwischen den Staaten ist härter geworden, was man auch an der höheren Anzahl der gleichzeitig stattfindenden Staatsanleihenemissionen sieht.
Inwieweit ist Österreich von der Griechenland-Krise beeinträchtigt?
Griechenland belastet Österreich auf der einen Seite, weil Österreich Teil des Euro-Raums ist. Auf der anderen Seite rückt Österreich verstärkt in das Blickfeld von Investoren, die erstklassige Bonität suchen. Wir hatten vergangene Woche bei der Auktion von zwei Bundesanleihen mit Laufzeit 2020 und 2026 eine zwei- bis dreifache Überzeichnung. Im langfristigen Schnitt liegt das Verhältnis bei knapp zwei.
Die Finanzierungsagentur als Gegenstück zur deutschen Finanzagentur ist für das Schuldenmanagement der Republik verantwortlich. Sie hat bis zum Ausbruch der Finanzkrise im Sommer 2007 stark in Papiere investiert, die sich letztlich als hochriskant erwiesen haben, und dadurch viel Kritik auf sich gezogen. Konkret wurde in Structured Investment Vehicles (SIV) investiert. Auf dem Höhepunkt wurden mit fast 5 Milliarden Euro beinahe 2 Prozent der auf dem Weltmarkt vorhandenen Papiere gehalten. Wie viel Verlust droht daraus?
Das war vor meiner Zeit als Geschäftsführerin der Finanzierungsagentur. Der Droh-Verlust wurde vom österreichischen Rechnungshof zum 31. Dezember 2008 mit rund 380 Millionen Euro beziffert. Dem stehen realisierte Vorteile von 3 Milliarden im Zeitraum 2002 bis 2007 gegenüber. Die Positionen sind noch nicht glattgestellt worden, weil das angesichts der Markterholung nicht im besten Interesse der Steuerzahler gewesen wäre. Wir sind dabei, Schadensersatzansprüche zu prüfen. Die Papiere waren kurzlaufende Geldmarktpapiere mit dem bestmöglichen Rating.
Wie ist es möglich, dass eine Einrichtung, die für das Schuldenmanagement der Republik zuständig ist, ins Gerede kommt, ein Hasardeur zu sein?
Es wurde nicht spekuliert, sondern im Einklang mit den Richtlinien ausschließlich in beste Bonitäten investiert. Wir müssen die Kassenmittel zwischenveranlagen am Geldmarkt, und dabei ist ein gewisses Risiko nie auszuschließen. Die betroffenen Positionen wurden von Emittenten begeben, die mit dem amerikanischen Immobilienmarkt verbunden waren und durch die Krise plötzlich illiquid geworden sind. Sie wurden über Nacht von bester Bonität auf „CCC“ herabgestuft, ohne Möglichkeit zu reagieren.
Welche Lehren hat die Finanzierungsagentur aus diesem Fall gezogen?
Sofort bei Auftreten der Fälle wurden Maßnahmen gesetzt. Investments in Zweckgesellschaften und Verbriefungen wurden ausgeschlossen. Wir verlassen uns nicht mehr nur auf Ratingagenturen. Wir investieren nicht mehr in Zweckgesellschaften und auch nicht mehr in Verbriefungen. Überdies haben wir die Richtlinien überprüft und verschärft und sichergestellt, dass das Risikomanagement höchsten Ansprüchen gerecht ist. Letztlich sind wir jedoch auf dem Kapitalmarkt tätig, wo es Risiko gibt, das nicht gänzlich zu vermeiden ist.