Home
http://www.faz.net/-gvt-6z5sn
Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Andreas Höfert, UBS „Die Krise meldet sich zurück“

 ·  Andreas Höfert, Chefvolkswirt der UBS, im Gespräch über die ungelösten Probleme in Europa, seine Angst um Spanien und die Zukunft des Schweizer Franken.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Herr Höfert, ist die Krise in Europa vorbei?

Auf keinen Fall.

Warum?

Die entscheidenden Probleme sind doch ungelöst. Es gibt weiterhin ein gewaltiges Gefälle bei der Wettbewerbsfähigkeit zwischen Nord- und Südländern. Und es gibt zwar eine gemeinsame Währung, aber keine gemeinsame Haushaltspolitik. Solange man diese beiden Probleme nicht löst, kommt die Krise immer wieder.

Aber ein bisschen beruhigt hatte die Krise sich doch, oder?

Es stimmt, die Marktteilnehmer haben ein bisschen mehr Vertrauen gefasst. Außerdem hat man die Griechenland-Krise immerhin auf kurze Sicht gelöst. Und auch die Banken stehen jetzt nicht mehr so wackelig da. Man kann sich jetzt auf die Staatsschulden konzentrieren und muss sich nicht mehr ständig um die Banken sorgen.

War das ein Verdienst von EZB-Präsident Mario Draghi und seiner Geldspritze, der „Dicken Bertha“?

Die Europäische Zentralbank hat bewiesen, dass sie den Job einer Zentralbank macht. Dass sie also nicht nur gegen die Inflation kämpft, sondern auch das System stabilisiert, indem sie „Lender of last Resort“ ist - Kreditgeber der letzten Zuflucht.

War das nötig?

Nach allem, was man hört, gab es im vergangenen Dezember mehrere Tage, an denen die Refinanzierung einiger Banken in Europa nicht mehr gesichert war. Man hat auch gesehen, dass der Interbankenmarkt nicht mehr so richtig funktionierte. Es ist gut, dass eine Katastrophe wie nach Lehman vermieden wurde.

Geht damit die Staatsschuldenkrise in Europa jetzt in einen weniger dramatischen Status über, etwa vergleichbar mit diesem latenten Unbehagen an der hohen Staatsverschuldung Amerikas?

Das glaube ich nicht. Amerika hat seinen Dollar und seine Zentralbank, die Fed, die Geld drucken kann. Das können die einzelnen Euroländer nicht. Deshalb ist die Lage in Amerika grundsätzlich anders. Allerdings glaube ich ohnehin, dass nach der Wahl in den Vereinigten Staaten auch dort die Schuldenproblematik angepackt werden muss. Das wird Auswirkungen aufs Wachstum haben - und Folgen für die ganze Welt.

Wann wird in Europa die Krise denn wieder hochkochen?

Das kann schneller gehen als man denkt. Ich gehe mal davon aus, in sechs bis 18 Monaten meldet sich die Krise zurück.

Warum, was wird passieren?

Nehmen Sie nur Portugal. Das Land wird auch einen Schuldenschnitt brauchen. Alle Rettungspläne gehen nur bis 2013. Danach müsste Portugal eigentlich wieder an die Finanzmärkte. Aber das Land schafft das natürlich nicht. Oder nehmen Sie Spanien. Immer mehr Teilnehmer an den internationalen Finanzmärkten stellen in Frage, ob die Zahlen, die Spaniens Regierung über die wirtschaftliche Entwicklung verkündet, überhaupt stimmen.

Was könnte aus Ihrer Sicht der Auslöser für ein neues Hochkochen der Krise sein?

Es können schon ganz kleine Dinge sein, die die Märkte wieder beunruhigen. Wenn zum Beispiel die Sozialisten die Wahlen in Frankreich gewinnen, könnten die verschiedenen Verträge über die Euro-Rettung in Frage gestellt werden. Außerdem gibt es Wahlen in Griechenland und ein Referendum in Irland. Das alles sind so kleine Stiche, die wieder für Unruhe sorgen können.

Braucht Griechenland denn nochmal Geld?

Auf jeden Fall. Das hat der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble ja auch schon ganz offen gesagt. Griechenland ist nur vorübergehend aus der Schusslinie genommen. Der erste Rettungsplan für Griechenland reichte von 2010 bis 2012. Der zweite von 2012 bis 2014. Danach brauchen wir einen neuen Plan.

Wird Griechenland dann aus dem Euro austreten?

Das ist nicht auszuschließen, aber so ganz leicht werden die Griechen das nicht tun. Das wäre sowohl für Griechenland als auch für Europa deutlich komplexer, als man immer so sagt.

Warum?

Griechenland ist ein Staat, der gerade Bankrott gemacht hat. Wenn das Land zur Drachme zurückkehren würde, hätte seine Währung keinen Wert. Es sei denn, Europa würde diese Währung garantieren. Das wäre die einzige Chance, damit diese Währung international akzeptiert würde.

Was hätte das für Folgen?

Griechenland importiert sehr viele Güter. Zum Beispiel Erdöl. Wenn ein Land, das pleite ist, mit seiner eigenen Währung Rohöl kaufen will, bekommt es größte Schwierigkeiten. Warum sollte der Ölexporteur die Drachme akzeptieren? Er weiß doch, dass das Land bankrott ist. Das macht keiner.

Und warum wäre ein Austritt Griechenlands für Europa ein Problem?

Man würde einen Präzedenzfall schaffen. Dann stellen doch alle die Frage: Wer ist als Nächster dran? Die Menschen in Portugal werden sich sagen, dann habe ich meine Euro doch lieber zu Hause als auf der Bank. Ein Staat kann Bankkonten nämlich leichter zwangsweise auf eine andere Währung umstellen als Bargeld. Und wenn die Portugiesen lieber Euro als Escudo haben wollen, werden sie die Banken stürmen. Dann hat man eine Bankenkrise in Portugal.

Was passiert dann?

Dann verlässt vielleicht auch Portugal den Euro. Solange das kleinere Staaten machen, geht das vielleicht alles noch. Richtig problematisch wird es, wenn Italien aus dem Euro austritt. Italien könnte das glaubwürdig machen. Das Land ist nicht bankrott. Und vor die Alternative gestellt, bankrott im Euro zu sein oder zahlungsfähig außerhalb, wäre mir jedenfalls der Austritt lieber. Wenn Italien draußen ist, wer bleibt denn dann noch? Dann müsste Frankreich auch überlegen, ob es austritt. Und ein Euro ohne Frankreich, das ist dann kein Euro mehr - das ist dann wieder die D-Mark.

Für wie wahrscheinlich halten Sie dieses Szenario?

Ich halte so ein kaskadenmäßiges Abblättern von Euroländern für wahrscheinlicher als einen großen Knall, mit dem der Euro weg ist. Aber für noch wahrscheinlicher halte ich im Augenblick, ehrlich gesagt, das Durchwurschteln.

Was meinen Sie damit?

Ein amerikanischer Kollege von mir hat mal eine schöne Metapher gebraucht: Der Euro ist wie der schiefe Turm von Pisa. Eigentlich ein ziemlich instabiles Konstrukt, das aber Generationen von Ingenieuren und Architekten immer wieder instand halten. So ähnlich, stelle ich mir vor, wird es auch mit dem Euro weitergehen.

Rechnen Sie durch diese ganze Euro-Retterei mit Inflation?

Auf jeden Fall. Aber die Inflation wird weniger durch die Rettungspakete selbst entstehen als vielmehr deshalb, weil Inflation die Lösung ist, wie die Staaten wieder von ihren Schulden herunterkommen. Die Staaten werden die Schulden nur los, wenn sie Bankrott anmelden - oder wenn sie die Schulden durch Inflation schleichend entwerten. Das zweite ist für Politiker deutlich angenehmer.

Wann wird die Inflationsrate Ihrer Meinung nach steigen?

Es dauert noch etwas. Ich denke, so in fünf Jahren geht es los.

Ist die Schweiz dann ein sicherer Hort für das Geld von Euroskeptikern?

Nein, die Schweiz ist momentan kein sicherer Ort. Die Schweizer Nationalbank hat ziemlich klar gesagt, dass sie nicht zulassen wird, dass der Kurs des Franken gegenüber dem Euro steigt. Das kann sie aber nur verhindern, wenn sie selbst Geld druckt und am Devisenmarkt interveniert. Sie hat unbegrenzte Mittel. Und sie setzt sie auch ein: Seit 2007 hat die EZB ihre Bilanz verdoppelt, die Federal Reserve in Amerika die ihre verdreifacht, die Schweizer Nationalbank die ihre aber verfünffacht. Das zeigt: Die Geldpolitik in der Schweiz ist extrem locker.

Wohin dann mit dem Geld?

Euroskeptiker können ins britische Pfund investieren, in die skandinavischen Währungen - und sogar in einige osteuropäische Währungen wie den polnischen Zloty. Das sind gute Möglichkeiten.

Wie wird es dann mit dem Franken weitergehen?

Er bleibt in den kommenden zwölf bis 18 Monaten einfach bei 1,20 Euro. In der Schweiz gibt es einen Konsens für einen Franken, der in dieser Höhe an den Euro gebunden ist. Daran wird sich so schnell nichts ändern.

Und längerfristig?

Der Konsens könnte in der Tat auseinanderbrechen, wenn wir in der Schweiz Inflation bekommen. Aber das ist im Moment noch nicht unsere Prognose, zumindest nicht für die nächsten zwei Jahre.

Was können Menschen machen, die jetzt Angst um ihre Ersparnisse und ihre Altersvorsorge haben?

Ich bin überzeugt davon, dass wir es langfristig mit Inflation zu tun bekommen. Deshalb würde ich zu einem Portfolio raten, das sich auf Sachwerte konzentriert. Ich weiß, Immobilien zeigen momentan Überhitzungsphänomene. Ich weiß auch, dass der Goldpreis schon sehr hoch ist. Aber ich würde trotzdem dorthin schauen. Und ich würde auf Aktien von Unternehmen blicken, die gute Dividendenrenditen liefern. Unternehmen, die ganz handfeste Sachen herstellen - nicht auf Finanztitel. Sehr vorsichtig wäre ich hingegen bei Anleihen aller Art.

Das Gespräch führte Christian Siedenbiedel.

Der UBS-Chefvolkswirt

Der 44 Jahre alte Andreas Höfert ist Chefökonom der Schweizer Bank UBS. Der gebürtige Schweizer studierte an der Universität St. Gallen und wurde dort auch promoviert. Seit 1999 arbeitet er bei der UBS. Im Mai 2009 wurde er unter dem damaligen Bankchef Oswald Grübel zum Chefvolkswirt ernannt, als Nachfolger von Klaus Wellershoff. Zu seinen Positionen gehört das eindringliche Warnen vor Inflation, die Höfert als „Endspiel“ der Finanzkrise bezeichnet. Einen Euroaustritt Griechenlands hält Höfert nicht für ausgeschlossen - aber für folgenschwer.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Emittenten-News
Anzeige
Für die Inhalte sind die Emittenten verantwortlich
Weitersagen
Zinsen
Wertpapiersuche

Renten und Zinsen
Name Kurs Änderung
  FAZ-Anleiheni… --  --
  Bund Future --  --
  Bobl Future --  --
  Rex --  --
  Euribor Future --  --
  Schatz Future --  --
  Libor EUR 1W --  --
  Libor USD 1W --  --