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Auf der Suche nach Rendite : Hohe Inflation und niedrige Zinsen machen Stiftungen zu schaffen

  • -Aktualisiert am

Niedrige Zinsen bringen die Stiftungen in Bedrängnis. Bild: dpa

Geringe Zinsen und die Rückkehr der Inflation verlangen von den deutschen Stiftungen neue Wege, um ihr Kapital zu vermehren. Der Bundesverbandes Deutscher Stiftungen fordert dazu eine Reform des Stiftungsrechts.

          Stiftungen finanzieren das, was sie tun, aus den Kapitalerträgen ihres Vermögens. In der nun schon Jahre dauernden Niedrigzinsphase ist das kein einfaches Unterfangen, denn sichere Geldanlagen werfen kaum noch Zinsen ab. Die Rückkehr der Inflation mindert die ohnehin schmaler gewordenen Erträge nun noch mehr: Für 2017 rechnen nur noch 65 Prozent der Stiftungen damit, dass sie eine Rendite oberhalb der Inflationsrate erwirtschaften können. Fast jede fünfte Stiftung geht von einer niedrigeren Rendite aus, der Rest kann es noch nicht absehen. Vergangenes Jahr erwarteten dagegen noch fast 82 Prozent eine positive reale Rendite.

          Grundlage dieser Zahlen ist eine Befragung des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen aus den ersten beiden Monaten des laufenden Jahres. Am Dienstag stellte der Verband die Ergebnisse in Berlin vor. Dabei wird deutlich, dass kleinere Stiftungen besonders unter der Kombination aus niedrigen Zinsen und steigender Inflation leiden. Während von den Stiftungen mit mehr als einer Million Euro Kapital noch fast drei Viertel mit einer real positiven Rendite rechnen, sind es unter denen mit weniger als einer Million Kapital nur gut die Hälfte.

          Der Stiftungsverband, der die Interessen von mehr als 21.000 Stiftungen hierzulande vertritt und mit 4100 Mitgliedern nach eigenen Angaben der größte seiner Art in Europa ist, verbreitet dennoch Optimismus. Man dürfe nicht nur auf den Ertrag schauen, sagte Generalsekretär Felix Oldenburg, sondern auch auf die Wirkung der Stiftungen insgesamt. Und die ist aus Sicht des Verbandes schon alleine dadurch gestiegen, dass weiterhin neue Stiftungen gegründet werden: 582 waren es im vergangenen Jahr, nur eine weniger als zuvor.

          Ausweg aus der Niedrigzins-Inflations-Falle

          Insgesamt gibt es nach Angaben des Verbandes aktuell 21.806 rechtsfähige Stiftungen des bürgerlichen Rechts in Deutschland, 2,4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Zusammen verwalten sie ein Vermögen von geschätzt 100 Milliarden Euro. 17 Milliarden Euro fließen jedes Jahr in die „satzungsgemäßen Zwecke“ – also in Projekte, die dem Stiftungszweck entsprechen, vom Umweltschutz bis zum Sport. Fünf Milliarden bestritten die Stiftungen aus eigenen Vermögenserträgen, der Rest stammt aus anderen Quellen.

          Mit Blick auf die aktuelle Anlagesituation sagte Oldenburg, dass die Stiftungen mittlerweile „den ganzen Werkzeugkasten“ nutzen müssten, um ihr Geld anzulegen. Vorbilder für ertragreiche, nachhaltige und wirkungsorientierte Investitionen gebe es. Notwendig aber sei eine Reform des Stiftungsrechts, damit auch alle Stiftungen die verschiedenen Möglichkeiten nutzen könnten. Ebenfalls ein Dorn im Auge ist dem Verband die zersplitterte Aufsicht über die Stiftungen, je nach Bundesland.

          Ein Ausweg aus der Niedrigzins-Inflations-Falle könnte für die Stiftungen nach Meinung des Dachverbands ein unternehmerischer Ansatz sein. Sprich: Stiftungen sollen ihr Geld nicht nur am Kapitalmarkt anlegen, sondern auch in Unternehmen oder Immobilien. Als Beispiel nannte Oldenburg die Stiftung Juliusspital Würzburg, die inzwischen einen Dachleiterhersteller besitzt – der Firmenchef vermachte der Stiftung seinen Betrieb. Die Deutsche Rockmusik Stiftung wiederum habe Gebäude aufgekauft, um dort Proberäume für Bands einzurichten. „Stiftungen sind nicht nur ein Kapitalmarktspiel“, sagte Oldenburg.

          Unternehmerisches Handeln soll Stiftungen helfen

          Eine solche Strategie sei auch etwas für kleinere Stiftungen, ergänzte der Vorstandsvorsitzende des Verbands, Michael Göring, der auch die Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius leitet. So könnten sich kleinere Stiftungen zusammentun und etwa in den Neubau eines Krankenhaustraktes investieren – und anschließend von den Mieteinnahmen profitieren. Auch einen Modernisierungsfonds könnten sie gemeinsam auflegen, etwa für ein Altersheim, und danach an der Rendite beteiligt werden.

          Die Wirtschaftswissenschaftlerin Ann-Katrin Achleitner, die in mehreren Aufsichtsräten sitzt, rät ebenfalls zu einem unternehmerischen Ansatz. Es bestehe „ein gewisser Handlungsdruck“, sagte sie am Dienstag bei der Vorstellung des Jahresberichts des Stiftungsverbands. Vor allem die kleinen Stiftungen müssten dringend Antworten finden. Achleitner schlägt eine Art soziales Unternehmertum für die Stiftungen vor.

          Die meisten Stiftungen je Einwohner gab es im vergangenen Jahr den Verbandszahlen nach in Hamburg mit 78 Stiftungen je 100.000 Einwohnern. Besonders kräftig wuchs die Zahl der Stiftungen in einigen ostdeutschen Bundesländern, weil es dort naturgemäß Nachholbedarf gibt. „Autarke Stiftungen und autokratische Systeme vertragen sich nicht“, sagte Göring mit Blick auf die DDR. Er wies darauf hin, dass aktuell zwar 72 Prozent der deutschen Stiftungen weniger als eine Million Euro Kapital hätten. Viele seien aber schon zu Lebzeiten des Stifters mit kleineren Beträgen gegründet worden – und dem Plan, dass später das gesamte Erbe übertragen werden soll. Die drei beliebtesten Stiftungszwecke waren zuletzt Bildung und Erziehung, gefolgt von Kunst und Kultur sowie der Kinder- und Jugendhilfe.

          Quelle: F.A.Z.

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