24.02.2010 · Die eigene Währung und die unabhängige Geldpolitik geben mehr Flexibilität. Die Notenbank setzt womöglich ihre expansive Geldpolitik noch länger fort.
Die internationalen Ratingagenturen werden noch einige Zeit unsicher über Großbritanniens Bonität, Schuldenberg und Haushaltsdefizit sein. "Ich wäre aber extrem überrascht, wenn die Agenturen die Bonität Großbritanniens abstufen würden", sagte Mervyn King, der Notenbankgouverneur der Bank von England, vor dem parlamentarischen Finanzausschuss in London. Die Bank von England ist derzeit bemüht, die Unterschiede zwischen der britischen Situation und der griechischen Schuldenkrise hervorzuheben - ohne allerdings Griechenland beim Namen zu nennen.
King sagt, Großbritannien drohe eine Abwertung seiner Bonität von Aaa derzeit nicht mehr, als dies im November der Fall gewesen sei. Das Problem der gestiegenen Staatsschulden müsse jedoch dringend angegangen werden. In Großbritannien warten die Bank von England, die Ratingagenturen und die Teilnehmer an den Finanzmärkten auf die für den Frühsommer geplante Parlamentswahl. Nach ihr dürfte die dann amtierende Regierung erste Sparmaßnahmen zur Eindämmung des Haushaltsdefizits und Pläne für eine langfristige Schuldenreduktion verkünden.
Britische Zentralbank redet die eigene Lage schön
Großbritannien Schuldenquote betrug im Januar nach Angaben des britischen Statistikamtes 59,9 Prozent des Bruttoinlandproduktes. Das sind fast 10 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Die Staatsschuld belief sich auf 848 Milliarden Pfund (965 Milliarden Euro), ohne Einrechnung der Ausgaben für die staatliche Bankenrettung waren es 743 Milliarden Pfund (846 Milliarden Euro). Dieser Januar war der erste Januar seit langer Zeit, in der vom Staat eine Neuverschuldung in Höhe von 4,3 Milliarden Pfund abgedeckt werden musste. Der Januar ist in Großbritannien traditionell ein Monat mit besonders hohen Steuereinnahmen.
In der Londoner City wird in der spekulationsfreudigen Händlerszene gerne gewettet, dass Großbritannien und das Pfund eines der nächsten Opfer an den Finanzmärkten sein könnten. Aber so einfach ist dies nicht. Das Land hat eine eigene Währung, die in Krisen- und Schuldenzeiten flexibel reagieren und abwerten kann. Und dies tut sie auch: seit 2007 hat das Pfund um 25 Prozent gegenüber den wichtigsten Handelswährungen an Wert verloren. Dies hilft dem Export und entwertet die Auslandsschulden.
Während Griechenlands Außenverschuldung 88 Prozent des Bruttoinlandproduktes ausmacht und das Land daher hochgradig abhängig von ausländischer Kapitalzufuhr ist, macht dies bei Großbritannien nur 18 Prozent der Wirtschaftskraft aus. Gleichzeitig hat sich London in längeren Laufzeiten verschuldet.
Die Emissionstätigkeit von Großbritannien in diesem Jahr ist jedoch gewaltig und wird nur von den Vereinigten Staaten und Japan übertrumpft, die beide wesentlich größere Volkswirtschaften sind. Eingerechnet Rückflüsse aus Tilgungen und Zinszahlungen, nimmt Großbritannien im laufenden Fiskaljahr netto Anleihekapital in Höhe von 315 Milliarden Dollar auf, Japan 521 und die Vereinigten Staaten 1846 Milliarden Dollar. In Deutschland sind es hingegen "nur" 115 Milliarden Dollar, zeigt eine Jahresaufstellung von Barclays Capital. Bis zu Beginn des Jahres hatte die Bank von England mit ihrem Programm der quantitativen Lockerung in Höhe von 200 Milliarden Pfund als Nachfragefaktor am Anleihemarkt dafür gesorgt, dass die gewaltigen Emissionsbeträge vom Markt aufgenommen wurden. Zwar lief dieses Programm jetzt aus, aber King warnte die Finanzmärkte, dass die Konjunkturerholung in Großbritannien fragil sei und das Wachstum in der Währungsunion offenbar stagniere, so dass im Notfall die Politik der quantitativen Lockerung wiederaufgenommen werden müsse.
Banken schnallen den Gürtel enger - der Staat muss sparen
Großbritannien ist eines der letzten europäischen Länder, das sich im vierten Quartal 2009 mit einem mageren Wirtschaftswachstum in Höhe von einem Prozent aus der Rezession befreien konnte. Aber jüngste Zahlen des britischen Bankenverbandes zeigen, dass die Kreditvergabe der Banken an Unternehmen sinkt und die Hypothekenvergabe rückläufig ist, und dies hat nicht nur etwas mit dem harten Winter zu tun.
Großbritannien ist mit einem derzeit typischen Dilemma konfrontiert: Die Banken schnallen den Gürtel angesichts ihrer Eigenkapitalbelastungen enger, und der Staat muss sparen und Ausgaben senken. Damit drohen negative Auswirkungen auf Arbeitsmarkt und Konsum. Es schließt sich der Kreis. Der Internationale Währungsunion (IWF) warnte daher diese Woche, die Regierungen sollten mit dem Ausstieg aus ihren Hilfsprogrammen nicht zu schnell reagieren und warten, bis sich die Wirtschaftslage stabilisiere.
Die Warnung der Bank von England, ihre Notpolitik des Ankaufs von Anleihen möglicherweise fortsetzen zu müssen, passt daher ins Bild. Die im Januar erstaunlich hohe Inflationsrate von 3,5 Prozent scheint dem zwar zu widersprechen, ist aber nur ein Zeichen eines gestiegenen Ölpreises, der Pfundabwertung und der Rücknahme der krisenbedingten Mehrwertsteuersenkung. Die Bank von England erwartet, dass die Inflation sehr bald wieder sinkt.
Langfristig sieht das Bild freilich anders aus: Griechenland, das keine eigene Währung hat, die abwerten kann, und über keine eigene Notenbank verfügt, die Inflation zulassen könnte, muss seine Schulden bedienen oder riskiert einen Zahlungsausfall. Großbritannien hat bisher nur einmal seine Schulden nicht bedient, und zwar im September 1931, als der Goldstandard herrschte, das Pfund also nicht flexibel war. Großbritannien braucht diesen Weg heute nicht mehr zu gehen. Vollsouveräne Länder wie die Vereinigten Staaten oder Großbritannien können ihren Schuldenberg in künftigen Jahrzehnten über die Abwertung der Währung oder stetig höhere Inflation entwerten. Inflation war in der Tat der Hauptfaktor, der neben starkem Wirtschaftswachstum den Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglichte, die Last seiner extrem hohen Schulden abzutragen.