23.09.2010 · Das Vertrauen zu Griechenland steigt, die Anleihen des Landes finden vermehrt Käufer. Doch ein genaues Risikobewusstsein bleibt erforderlich.
Von Martin HockDie Sorgen um die Zahlungsfähigkeit der Euro-Randstaaten hat den Anlegern in den vergangenen Monaten immer wieder den Angstschweiß auf die Stirn getrieben. Die Kurse fielen dramatisch um 20 Prozentpunkte und mehr, bis die EU ihren Rettungsschirm für das Land aufspannte. Doch nach der ersten Erholung im Mai bleiben die Kurse vieler Papiere unter Druck, verzeichneten bisweilen gar neuerliche Abgaben.
Seit Monatsbeginn aber beginnen sie sich deutlich zu erholen. Besonders gefragt waren naturgemäß die kurzen Laufzeiten, vor allem so weit sie innerhalb des bis Sommer 2013 reichenden Rettungsschirmes lagen. Die Renditen der im kommenden Jahr fälligen Papiere fielen seit Monatsbeginn um 3 bis 4 Prozentpunkte.
Immer noch nicht beliebter als Venezuela
Damit liegen sie allerdings immer noch auf deutlich erhöhtem Niveau. So rentiert die im August 2011 fällige griechische Anleihe mit 6,97, die einen Monat davor fällige venezolanische mit 6,67 Prozent. Zwar haben die Südamerikaner Öl, das Rating liegt dennoch vier Stufen unter dem Griechenlands - und einen Rettungsschirm, der die Staatsschulden absichert, gibt es für das Land auch nicht.
Was in diesen Kursen zum Ausdruck kommt ist ein weiter hohes Misstrauen gegenüber der europäischen Politik und der Reformfähigkeit Griechenlands. Dies rechtfertigt sicher Renditeaufschläge. Ob deren aktuelle Höhe aber tatsächlich risikoadäquat ist, darf bezweifelt werden.
Politik versprüht Optimismus
Auch Ministerpräsident Giorgos Papandreou sieht das mangelnde Vertrauen der Investoren. Die Regierung in Athen kämpfe darum, die anhaltenden Zweifel an Griechenlands Glaubwürdigkeit zu zerstreuen, sagte der Ministerpräsident am Mittwoch in New York. Diese „sonderbare Mythologie im Falle Griechenlands“ sei unverständlich, zumal die Verpflichtungen eingehalten und die Ziele übertroffen würden.
Es gebe beträchtliche Fortschritte bei den Sparmaßnahmen, und ein Nachlassen bei der Haushaltskonsolidierung sei allein schon wegen der vierteljährlichen Prüfung der Fortschritte durch EU und IWF nicht möglich.
Finanzminister Giorgos Papakonstantinou schließt gar nicht aus, dass sich die Wirtschaft des Landes besser als erwartet entwickeln wird. Es gebe einige ermutigende Zeichen. Bislang gehe die Regierung für 2010 von einer Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts von 4 Prozent aus.
Berichte über hohe Einnahmeausfälle des Staates seien zudem „sehr stark übertrieben“ worden. Irgendwann im nächsten Jahr werde es eine Anleihenemission mit einer längeren Laufzeit geben.
Mehr Vertrauen auch in lange Laufzeiten
Auch zu diesen ist seit etwa zwei Wochen ein gestiegenes Vertrauen unverkennbar. Dabei liegen die Präferenzen deutlich bei Laufzeit-Enden bis 2015, also relativ kurz nach Auslaufen des Rettungsschirmes, für die die Renditen in den vergangenen Wochen um mehr als einen Prozentpunkt gefallen sind. Offenbar rechnen die Anleger damit, dass Griechenland nach Auslaufen des Rettungsschirmes nicht rasch insolvent werden wird. Ab 2016 lässt das Vertrauen deutlich nach.
Und die Abschläge zu anderen Anleihen sind gewaltig. So rentiert die im Oktober 2015 fällige Anleihe der Ukraine, die in den vergangenen zehn Jahren zwei Zahlungsausfälle hinter sich gebracht hat und weiter am Tropf des IWF hängt, mit 7,37 Prozent, die im August 2015 fällige griechische Anleihe mit 11,2 Prozent.
Dennoch verzeichneten die Anleihen Aufschläge, vor allem im Bereich sehr langer Laufzeiten. Da dort die Kurse am stärksten gefallen waren, sind die Verlustrisiken niedriger, vor allem weil die Ausfallquoten bei Staatspleiten seit dem 2. Weltkrieg selten mehr als 50 Prozent betrugen.
Problem Wettbewerbsfähigkeit
So verlief das Jahr 2009 für die so wichtige Tourismusbranche katastrophal. Die Hotels waren nur zu 51,1 Prozent belegt. Das waren 5,6 Prozentpunkte weniger als im Jahr davor. Grund ist vor allem ein deutlich gestiegenes (Über-)Angebot, mit dem die schwach gestiegene Zahl der Übernachtungen nicht mithalten konnte. Inzwischen liegt das Angebot 184 Prozent über der Nachfrage. Zudem fiel die Zahl der Übernachtungen ausländischer Touristen um 2,7 Prozent. Für dieses Jahr rechnet die Branche angesichts des Preisverfalls bei den Übernachtungen mit einem weiteren Rückgang der Einnahmen.
Weiter bleibt das größte Problem die Herstellung der Wettbewerbsfähigkeit des Landes, für das der Euro zu stark ist. Ein einfacher Austritt ist keine Alternative. Darauf wies am Donnerstag auch der frühere EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing hin. „Das wäre politischer und wirtschaftlicher Selbstmord“, sagte er auf einer Konferenz zur Zukunft des Euro in Berlin. Ein Austritt würde das Eingeständnis bedeuten, dass solche Staaten nicht in einer Währungsunion mit führenden Volkswirtschaften Europas mithalten könnten.
Schäuble gegen Verlängerung des Rettungsschirms
Ein damit verbundener massiver Vertrauensverlust in eine neue Drachme würde die Zahlungsunfähigkeit wohl erst herauf beschwören. Es bleibt nur der Weg der internen Deflationierung der Preise und Einkommen, der schmerzliche Wohlfahrtsverluste mit sich bringt und politisch damit schwer durchsetzbar ist.
Das zeigt sich an den immer wieder aufflackernden Protesten wie derzeit im Streik der Transportunternehmer gegen die Liberalisierung ihrer Branche, einschließlich Straßenblockaden. Insofern darf man nicht verkennen, dass eine Investition in griechische Anleihen eine Spekulation auf das Durchhaltevermögen des Landes ist.
Dabei steigen die Risiken nach Auslaufen des Rettungsschirmes deutlich. Erst am Donnerstag sprach sich Bundesfinanzminister Schäuble dagegen aus, diesen gegebenenfalls einfach zu verlängern. Bei künftigen Krisen müssten auch die Gläubiger an der Lösung beteiliget werden. Ob diese Position mehrheitsfähig ist, ist eine andere Frage. Ausgeschlossen ist dies nicht. Es scheint aber aus heutiger Sicht auch wenig wahrscheinlich, dass dies einen Totalverlust bedeuten würde.
Wenn der Käufer die EZB ist, bezeichnet man das nicht als "mehr Vertrauen" ...
Klaus Wege (covenants)
- 23.09.2010, 16:42 Uhr
Hab das Gefühl
Andreas Seidl (ASeidl)
- 23.09.2010, 18:21 Uhr
Trendfolger
Gustav Meyrink (gmeyr)
- 24.09.2010, 09:03 Uhr